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Im Föhnorkan am Achensee
geschrieben von: MichaelSachweh (IP-Adresse bekannt)
Datum: 17. Dezember 2017 12:27


https://www.dropbox.com/s/emrdgvy7rqltc21/Bild_1_Titelbild%28klein%29.jpg?raw=1
Philipp Kantz registriert am Ufer des Achensees mit seinem Handanemometer Böen über 100 km/h. Die Gischt-durchtränkte Hose wird er später gegen eine trockene auswechseln müssen.
Snapshot aus unserem Video (s.u.)



Es ist kaum zwei Monate her, dass ich ein eindrucksvolles Orkanerlebnis an der irischen Küste hatte. Auch diese Sturmwetterlage, ausgelöst durch die Annäherung von Sturmtief YVES, bot sich für einen Chase an.

https://www.dropbox.com/s/we8egrep5lupkch/Bild_2_Bodenwetterkarte.gif?raw=1
Tief YVES liegt am 11. Dezember 2017 über Frankreich. Mit einem Kerndruck von unter 975 hPa ist es für ein Tief auf dem Kontinent ungewöhnlich stark.
Quelle: [www.met.fu-berlin.de]



Die Animation zeigt den Wind in der 700 hPa - Druckfläche am 11. Dezember, 12z (GFS-Modell). Vom westlichen Mittelmeer bis hoch zum südlichen Mitteleuropa herrscht in dieser Höhe Südweststurm, teilweise als Orkan (rote Einfärbung).
Quelle: [earth.nullschool.net]


https://www.dropbox.com/s/51yh0ez0w4586my/Bild_3_vmax_12z%28Europa%29.png?raw=1
Am Erdboden resultieren aus dieser Großwetterlage zwei Sturmfelder mit Böen von zum Teil weit über 100 km/h, die weit voneinander entfernt sind. Ein zusammenhängendes in der Nähe des Kerns über Nordfrankreich. Das andere in Gestalt von Gipfelstürmen in exponierten Berglagen des südlichen Mitteleuropa, samt einiger Föhntäler der Nordalpen.
In das Satellitenbild vom 11. Dezember, 12z, sind die Spitzenböen in km/h seit dem letzten synoptischen Haupttermin geplottet. Quelle: MeteoGroup, EUMETSAT.


https://www.dropbox.com/s/j1c350k80210go8/Bild_4_F%C3%B6hnindikator_Druckdifferenz.jpg ?raw=1
Die (positive) Druckdifferenz zwischen Bozen und Innsbruck gilt als sicherer Südföhnindikator. Am 11. Dezember erreicht sie ein extremes Ausmaß und weist damit auf ein starkes Föhnereignis hin.
Quelle: [www.wetteralarm.at].


Die Südföhn-Wetterlage von seltener Stärke animierte mich und meinen Stormchasing-Kameraden Marius Block zu einem Trip vom Münchner Raum zum Südende des Achensees (Österreich). Dort stieß der Chaser Philipp Kantz hinzu. Er hatte uns zuvor diese Location empfohlen. Zu Recht, es wurde ein unvergessliches Sturmerlebnis!

Die Highlights sind in diesem gerade veröffentlichen Video zu sehen (das Titelbild zeigt Marius Block in vollem Einsatz):


Doch kein Vergleich zu jenem Irland-Orkan, einer chasing-logistisch vergleichsweise dankbaren Wetterlage! Größer kann der Unterschied gar nicht sein: Dort ein ganztägig anhaltender, den gesamten Küstenabschnitt treffender Atlantiksturm - und hier ein Föhnsturm in einem Alpental, der in seiner räumlichen wie auch zeitlichen Variabilität so schwer berechenbar ist wie die Launen einer Diva. Zudem hatten wir laut Prognosemodell nur ein kleines Zeitfenster von etwa drei Stunden am frühen Nachmittag, in dem der Föhnsturm seinen Höhepunkt haben sollte.

Die "Target Area" unserer Chase-Tour ist der Achensee in Österreich. Warum so weit nach Süden und nicht zu den Föhnstrichen vor unserer Haustür, dem bayerischen Alpenrand? Weil es sich bei diesem Föhn um die Variante mit südlicher, unterer Berücksichtigung der Bodenreibung südöstlicher Anströmung handelt. Es ist die komplizierteste Föhn-Variante, denn bei dieser Richtung bildet der Alpenköper ein massives Hindernis für die bodennahe Strömung, wodurch verglichen mit einem Südwest-Föhn nur wenige Alpentäler zu Föhndüsen mutieren. Wir baten zuvor den Föhn-erfahrenen Stormchaser Philipp Kantz um Rat. Und er empfahl uns das Südende des Achensees, wo bei Föhn "immer was geht".

https://www.dropbox.com/s/zv3pjrvz55ubbly/Bild_5_Temp.jpg?raw=1
Der Radiosondenaufstieg von München vom 11. Dezember, 12z, zeigt, dass es der Föhn trotz des Orkans in der Höhe nicht schafft, sich in der Grundschicht im Alpenvorland durchzusetzen. Stattdessen herrscht hier eine kühle, ostsüdöstliche Strömung. Auch am tiefer gelegenen bayerischen Alpenrand gelingt es dem Föhn an diesem Tag nur an wenigen Stellen, bis ganz nach unten durchzugreifen.
Quelle: [weather.uwyo.edu]
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Marius und ich treffen uns nördlich von München und fahren nach Süden in Richtung Alpen.
Als Great Plains - verwöhnte Chaser nerven uns Verkehr und diverse Baustellen-Parcours gewaltig. Auf einer Anhöhe nördlich München sehen wir hinter der Großstadt die imposante Alpenkulisse zum Greifen nahe!

https://www.dropbox.com/s/j6x66vvwzcwphdh/Bild_6_M%C3%BCnchnerAlpenkulisse%28klein%29.jpg?raw=1
Für einmal entspricht das beliebte Postkartenmotiv Münchens mit der zum Greifen nahen Alpenkulisse der Realität.
Quelle: Webcam-Foto vom 11.12.2017 mittags aus dem Münchner Norden, [www.foto-webcam.eu]
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Der Blick geht immer wieder zum Autothermometer. Die Werte liegen zwischen 5 und 7 Grad - echter Föhn sieht anders aus - zumal die Temperaturen über uns in 850 hPa inzwischen über die 10 Grad - Marke geklettert sind. "Na dann wird’s ja wohl spätestens direkt am Alpenrand föhnig", sagen wir uns. Fehlanzeige. Wir fahren durch verschneite Landschaften und die Temperaturen sinken streckenweise bis auf 2 Grad. Am Tegernsee lebt der Wind zum ersten Mal auf und die Temperaturen steigen auf 7 Grad. Aber er kommt aus Nord! Ein verirrter Föhn-Leewirbel. Weiter südlich wird es wieder kälter und wir fahren durch enge, tief verschneite Täler. Die Zuversicht sinkt wie die Temperaturen und die Stimmung strebt einem Tiefpunkt zu. In Österreich angekommen, sieht es auch nicht besser aus. Die Hoffnung konzentriert sich nun, wie auf den letzten Strohhalm, auf unser Endziel, den Achensee.
Dieses 929m hoch gelegene Gewässer ist tief in die Hochgebirgslandschaft eingesenkt, ein schmaler Schlauch mit einer langen Nord-Süd - Achse, erst ganz im Süden biegt er in eine Nordwest-Südost - Orientierung um. Die Fahrt am Ostufer des Sees führt bei 2 bis 6 Grad durch Schneelandschaften, vorbei an einer nur wenig gekräuselten Seeoberfläche und an Nadelbäumen, die still und stumm von ausgesprochener Windruhe künden. Lange Gesichter sind kein Ausdruck. Den Philipp wünschen wir inzwischen auf den Mond.
Doch wir tun ihm unrecht, schließlich empfahl er das Südende des Sees. Und tatsächlich, je näher wir der Target Area kommen, desto böiger wird der Wind. Er wechselt innerhalb weniger Meter von Flaute zu Starkwind. Die Temperatur vollführt eine wahre Achterbahnfahrt zwischen 2 und 12 Grad! Die bodennahe Kaltlufthaut ist nun so dünn wie ein Jungfernhäutchen und wird von jeder Föhnböe wegerodiert.
(Wie gerne hätten wir so etwas wie einen GPS-unterstützten Temperaturlogger, der unsere Route in eine Landkarte plottet, und diese in verschiedene Farben taucht, entsprechend den vom Autothermometer gemessenen Werten. Ob es so etwas überhaupt gibt? Wir wissen es nicht.)
Was wir wissen, ist dass unser Adrenalinspiegel mit jeder stärker werdenden Böe allmählich in die Höhe geht. Schließlich erreichen wir das Südende des Sees bei Maurach. Zwischen spärlichen Schneeflecken leuchtet das Grün nassen Grases. Die Bäume biegen sich, dass es eine wahre Freude ist und der See glänzt mit Schaumkronen.

https://www.dropbox.com/s/inf72teiycgt959/Bild_7_Topo-Karte.jpg?raw=1
In dieser schönen 3D-Darstellung wird die Einbettung des Achensees in die Hochgebirgslandschaft deutlich. Der stürmische Föhn (roter Pfeil) beherrschte den südlichsten Abschnitt des Sees. Hier filmten wir das Naturereignis (blauer Stern).
Quelle: [www.alpen-guide.de]
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Hier treffen wir Philipp und postieren uns gemeinsam am Südwestufer in der Nähe von Pertisau. Was wir dann die nächsten zwei Stunden erleben ist ein Lehrstück in Sachen Föhnsturm in einem Alpental. Der dank der strömungsparallelen Talorientierung hier bis zum Boden durchgreifende Föhn weht düsenartig verstärkt mit 70-120 km/h. Dabei sind auch immer wieder Fallböen mit von der Partie, die sich von den Bergen des teils über 2000m hohen Rofangebirges auf den See herabstürzen.
Sturmerprobte aber Föhn-unerfahrene Stormchaser müssen glauben, im falschen Film zu sein: Man befindet sich in einem tiefen Tal, umgeben vom Hochgebirge, und erlebt in dieser scheinbar windgeschützten Stelle schwerste Sturm- bis Orkanböen! Auch in puncto Richtungs- und Geschwindigkeitsböigkeit sind Föhnstürme einzigartig. Wir erleben Sturmböen aus Ostsüdost bis Südwest. Dazwischen flaut es auf Stärke 4 bis 2 ab, mitunter herrscht echte Flaute. Der 10-minütige Mittelwind liegt oft unterhalb des Starkwindbereichs. Zwischen Flaute und schwerem Sturm vergehen manchmal nur zwei Minuten. Die nahenden Böen sind auf der Wasseroberfläche durch Schneisen fliegender Gischt erkennbar. Die Windstöße sind gewaltig und gefährlicher als ein normaler Sturm, denn man neigt ihre Kraft zu unterschätzen und sie erreichen einen so unvermittelt, dass man kaum Zeit hat sich mit Beinen und Oberkörper richtig zu positionieren. Das Filmen war eine echte Herausforderung für uns!

Besonders faszinierend sind Gischtwirbel, die auf dem See ihre Spur ziehen (s. YouTube-Video, ab 2m48s). In Analogie zu den Dust Devils, den Staubteufeln, könnte man sie Spray Devils (Gischtteufel) nennen. Im Unterschied zu jenen, thermisch induzierten Kleintromben dürfte hier die starke, topografisch induzierte horizontale Windscherung die Ursache sein, ähnlich den von-Kármánschen Wirbeln im Lee umströmter, hoch aufragender Berge.
Ebenso faszinierend sind die vom Orkan teils über 100m hoch gewirbelten Schneefahnen an den Hochgebirgsgraten westlich des Sees, die ich mit dem Camcorder-Zoom heranholen kann (Video ab 2m10s).

https://www.dropbox.com/s/y3am8lpckkp7dao/Bild_8_Thermometer%28klein%29.jpg?raw=1
Eine unwirklich anmutende Kombination von winterlichem Untergrund und aktueller Lufttemperatur. Bis zu 16 Grad messen wir unter dem Einfluss des Föhns.
Foto: M. Sachweh
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Spätnachmittags und abends lässt der Föhnsturm nach. Die einbrechende Dunkelheit erlaubt ohnehin keine Filmdokumentation mehr. Wir fahren zufrieden und um ein seltenes Sturmerlebnis bereichert zurück in Richtung München.
Als Spitzenböe maßen wir 115 km/h. Einzelne Windstöße waren stärker, die das Handanemometer aber wegen ihrer kurzen Andauer nicht auflösen konnte.

https://www.dropbox.com/s/v45wlqa9zjfj86s/Bild_9_Windspitze%28Anemometer%29%28klein%29.jpg?raw=1
Unsere Spitzenböe, gemessen von Philipp Kantz am Ufer des Achensees.
Foto: M. Sachweh
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https://www.dropbox.com/s/4ov6b0y299kne03/Bild_10_Windschrieb_Achensee-S%C3%BCd%28klein%29.jpg?raw=1
Die Windregistrierung der Wetterstation bei Maurach am Achensee am 11. Dezember 2017 ist typisch für Föhn: eine starke Variabilität des Windes und extrem hohe Spitzenwerte der Böen (rot), verglichen mit dem Mittelwind (schwarz). Windgeschwindigkeit in Knoten.
Quelle: [www.addicted-sports.com]
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Im Internet prüfen wir später den Windschrieb der in der Nähe unseres Standorts positionierten Achensee-Süd - Webcam. Da müssen wir feststellen, dass wir den Sturmhöhepunkt verpasst hatten, der stattfand als wir noch auf dem Wege zum See waren. Die Wetterstation registrierte bereits gegen Mittag ihren Spitzenwert: 69,1 kn, d.h. 128 km/h - volle Orkanstärke also!

Michael Sachweh



Thema Klicks geschrieben von Datum/Zeit
  Im Föhnorkan am Achensee 1307 MichaelSachweh 17.12.17 12:27
  Schmunzeln Beeindruckende Analyse... danke fürs zeigen (oT) 97 Kleiner-Schwabe 17.12.17 13:58
  sehr toller Bericht Michael !! (oT) 95 Eric aus München 17.12.17 15:22
  Daumen hoch Absolut fantastisch, danke. (oT) 112 Tobi, Süd-West-Mittelfranken 22.12.17 00:07


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