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Analyse Gewitterereignisse von Nordhessen über Nordthüringen bis Großraum Leipzig/Halle
geschrieben von: Christoph (Halle/Saale) (IP-Adresse bekannt)
Datum: 28. August 2015 23:42

Grund für diese Untersuchung ist, dass dieses Jahr gleich 3 Gewitter, welche zeitweise auch Superzellen waren, den Südharz entlang zogen und in diesen Bereichen für schwere Schäden, ja teilweise Verwüstung sorgten. Drei Ereignisse in einem Jahr mit sehr ähnlicher Zugbahn, fast identischer Entwicklung und gleichen Auswirkungen. Diese brachten in Halle Wetterphänomene, die es hier so seit mindestens einem Viertel Jahrhundert nicht mehr gab...

Zugbahnen und lokale Begebenheiten

Ich habe versucht auch in den letzten Jahren ähnliche Gewitter mit diesen Zugbahnen zu finden. Einige konnte ich Anhand von Blitzanalysen und Radarbildern festmachen. Sicherlich gab es vorher auch welche, aber die Datengrundlage ließ eine genaue Zuordnung nicht zu, daher ab 2011. Wer aus diesen Zeiträumen und auch aus den letzten Jahren in der Region noch Gewitter kennt, die in dieses Profil fallen, möge mir bitte schreiben. Das könnte die Vorhersagbarkeit für später verbessern!

http://fs1.directupload.net/images/150828/4zdvzf9r.png
Kartenhintergrund: Googlemaps

Dargestellt sind die Ereignisse die ich gefunden habe. Zwei Fälle aus 2011 vom 12.5. (gelb) und 14.8. (schwarz), ein Ereignis aus 2012 vom 3.8. (lila) und die drei aus 2015 vom 12.5. (rot), 7.7. ( grün) und 18.7. (blau).

Ich nenne diese Zellen Südharzzellen aus dem einfachen Grund, dass sie jeweils über (Nord-)Hessen oder Westthüringen entstehen und normal mit der Strömung mitziehen, immer von SW nach NO. An der Grenze zu Thüringen oder über Nordthüringen fangen die Gewitter meist an aus der Strömung nach rechts auszuscheren. Ein erster Hinweis auf mögliche Superzellenentwicklung. Dann ziehen die Gewitter südlich am Harz entlang bis sie bei Eisleben und Querfurt in die Leipziger Tieflandsbucht hineinziehen. Dort können die Gewitter wegen schlechterer Dynamik oder auch geringerer Luftfeuchte an Intensität verlieren oder sich auflösen. Allerdings ist dieses Gebiet ein großer Ballungsraum mit über einer Millionen Einwohnern und entsprechend besteht durch die Bebauung die weiten ausgedehenten Ackerflächen zwischen den Orten und wenig Wald die Möglichkeit von Überhitzung. Was bei sonst guten Bedingungen die Zellen mitunter deutlich verstärken kann. Ziehen die Zellen dann aus der Überhitzen Tieflandsbucht nach Osten raus, schwächen sich einige wieder ab oder lösen sich auf. Dieses Jahr dann zwei Fälle, wo die Unwetter weiter bis ins südliche BRB und Ostsachsen zogen, teilweise bis nach Polen!

Die Ereignisse

Natürlich ist nicht jedes Gewitter gut dokumentiert oder brachte schwere Unbilden, da es die synoptische Lage nicht hergab.

12.5.2011
Ein Video von Youtube zeigt die Auswirkungen dieser Zelle auf der A38 bei Nordhausen.: [www.youtube.com] (das Datum ist falsch, einzige Gewitter im Mai, was in Frage kommt ist vom 12.5.)
Man sieht, dass es massive Regenfälle und Hagelschlag gab, sodass die Autobahn Überflutet ist und das Wasser in Strömen von den Feldern läuft! Zu diesem Zeitpunkt hatte die Zelle ihre maximale Intensität erreicht und schwächte sich auf dem Weg nach Osten ab und löste sich vor Halle auf. Eine Neuentwicklung (siehe Rdararchiv: [www.niederschlagsradar.de]), welche evtl durch jene Zelle getriggert wurde, zog im Anschluss ebenfalls mit kleinem Hagel über den Süden von Halle. Man sieht das auch schön an den Blitzdaten im Zeitraum von 12 bis 18 Uhr, auch dass die Zelle eher von West nach Ost zog, der Rest (abgesehen von einer weiteren Superzelle überm mittleren S-A) aber von SW nach NO. Gebildet hatte sich die Schauerlinie über Nordhessen und entwickelte sich dann rasch zu einem Gewitter.
http://fs1.directupload.net/images/150828/sb5d7i3l.png
Quelle: [www.wetter-rosstal.de] (Datendichte 2011 noch sehr schlecht, viele Blitze nicht registriert)



14.8.2011
Erneut zeigt ein Youtubevideo die Folgen von diesem Gewitter eindrucksvoll: [www.youtube.com]
Erneut gab es Überflutungen von Straßen und überlastete Kanalisation. Die Entwicklung sieht man wieder wunderbar auf der Blitzkarte! Spricht auch für mögliche Superzellenentwicklung, vor allem die Dauer des Ausscherens!
http://fs2.directupload.net/images/150828/yz5fwrnv.png
Die Zelle bildete sich in Westthüringen an der Grenze zu Hessen, zog erstmal mit der Strömung nach NO, um sich dann südlich von Sondershausen (Video dort aufgenommen) zu teilen, Zellsplit! Der Leftmover zog mit der Strömung mit nach NO und erreichte Dessau und der Rightmover scherte nun sichtbar aus und zog nach Osten Richtung Leipzig, wo er sich dann schließlich abschwächte und später auflöste.



3.8.2012
Dieses mal sollte es Halle treffen, daher auch mehr Material zu finden..
Aufzug: [www.youtube.com]
Im Core: [www.youtube.com] bzw. [www.youtube.com]
Man sieht neben kleinem Hagel auch wieder heftige Regenfälle. Folge waren erneut Überflutungen im Stadtgebiet [hallespektrum.de] (Bilder dazu).
Teils standen ganze Straßenzüge unter Wasser:
http://fs1.directupload.net/images/150828/t328colj.jpg
Ich habe damals selbst ein Video gemacht, auf dem der Aufzug zu sehen ist und man kann auch eine gewisse Rotation nicht abstreiten. Also zeitweilig Superzellencharakter nicht auszuschließen.
Die Zelle bildete sich in Nordthüringen und zog dann, je nach Entwicklung mal mehr mal weniger ausscherend nach Osten. Auch in den Blitzdaten gut zu erkennen: [nc.wetter-rosstal.de]



12.5.2015
Das aktuelle Jahr brachte zuerst eine Südharzzelle auf südlicheren Kurs, welche das nördliche Leipzig traf. Kommilitonen und ich waren chasen und konnten ua. folgendes einfangen:
http://fs1.directupload.net/images/150828/xuidupjf.png
Ganzer Bericht: [www.wzforum.de]
Hier kann man wohl von einer Superzelle ausgehen, siehe Chasingbericht. Außerdem war wieder kleinerer Hagel dabei, Überflutungen war eher die Ausnahme, da die Zelle zügig unterwegs war.
Blitzkarte: [www.lightningmaps.org]
http://fs1.directupload.net/images/150828/v7fb34nt.gif


7.7.2015
Eine weitere Steigerung gab es dann am 7.7., wieder mit ähnlicher Zugbahn und diesmal über den Norden von Halle ziehend. Chasen war wieder angesagt, der Bricht: [www.wzforum.de] einen weiteren tollen Bericht gibts unter [www.storm-chasing.de]
Eindeutig Rotation auszumachen + Funnel. Superzelle über längere Zeit!
Aufzug:
https://scontent-fra3-1.xx.fbcdn.net/hphotos-xaf1/v/t1.0-9/s720x720/18793_844068039014093_4458768099531101517_n.jpg?oh=88c8fdbbf614c452a6b71f662d539d94&oe=5624BB1B

Videos aus dem Core:
[www.youtube.com]
[www.youtube.com]
[www.youtube.com]

Schäden:
[hallespektrum.de] (Halle)
[www.mz-web.de] (14 Hochspannungsmasten umgelegt)
Weiteres Bildermaterial auch von den Schäden und vom Gewitter selbst bzw. dem Tornadoverdacht: [www.wzforum.de]

Schadensschneise geht von Sangerhausen über Eisleben, Halle nach Delitzsch und noch etwas darüberhinaus. So etwas gabs in Halle seit mindestens 25 Jahren nicht! Die Aufräumarbeiten in der "Heide" in Halle sind immernoch nicht abgeschlossen.



18.7.2015
Keine zwei Wochen später fast identische Zugbahn, gleiche Unwetter! Wieder wurde gechased, diesmal quasi vor der Haustür... [www.wzforum.de]
Core: [www.youtube.com]
Schäden: Tausende Autos durch Hagel von 4cm beschädigt, Fenster und Vordächer beschädigt! In Delitzsch wurden sogar Hagelkörner bis 5cm beobachtet! In Sangerhausen wurde sogar ein Funnel, evtl Tornado beobachtet: [www.tornadoliste.de]
Optisch wieder klassische Superzellenstrukturen, auch das Ausscheren auf der Blitzkarte zu sehen.
http://fs2.directupload.net/images/150828/myiq9c8i.png
http://fs2.directupload.net/images/150828/xks8rhm2.png
Auch der Hagel war der größte in Halle seit mindestens 25 Jahren.

Soweit der Stand bis heute... Die Zusammenfassung zeigt sicher gut, dass hier eormes Schadenspotential vorhanden ist, wenn solche Gewitter doch relativ häufig mit möglichem Schadenspotential über Städte wie Leipzig (550k EW) und Halle (230k EW) ziehen sollten. Daher habe ich die Wetterlagen der einzelnen Lagen verglichen und das sieht wie folgt aus...


Die Ausgangsbedingungen


Es ist natürlich schwierig Karten von Lokalmodellen noch nach Jahren zu bekommen, deswegen habe ich mich auf die Analysedaten von GFS von Wetter3 gehalten: [www1.wetter3.de]

Dabei der Reihenfolge nach nun die Wetterlagen für ME:
http://fs2.directupload.net/images/150828/uajrj9sb.gif

http://fs2.directupload.net/images/150828/b64d8fnz.gif

http://fs2.directupload.net/images/150828/xcxrov9k.gif

http://fs1.directupload.net/images/150828/ssdfdrqm.gif

http://fs2.directupload.net/images/150828/t9rpsdjd.gif

http://fs1.directupload.net/images/150828/x2adijz9.gif

Schnell wird klar, dass die Bedingungen, die durch die Wetterlage gegeben sind prinzipiell gleich oder sehr ähnlich sind. Eine kräftige Höhenströmung aus SW und am Boden eine Tiefdruckrinne oder abgeschlossenes Tief, welches von NW-Deutschland bis zum Harz oder Sachsen reicht. An jenem Bodentief bildete sich an der Südseite eine einzelne Zelle oder eine Zelle am Südende einer Linie. Dazu brauchte es eine schwül-warme und labil geschichtete Luftmasse, die durch die Konfiguration von Höhen- und Bodenwind gut geschert ist. Dies kann durch lokale Effekte noch verstärkt oder geschwächt werden.
Ob in Zukunft durch die Klimaerwärmung und zunehmende feucht-warme oder heiße Luftmassen die Wahrscheinlichkeit für kräftige Entwicklungen oder Häufung dieser Zellen zunimmt, muss abgewartet werden. Jedenfalls zeigt dieses Jahr, welche Gefahr diese Rennstrecke der Gewitterzellen für die Region darstellen kann.
Da nun die grundsätzliche Lage und Bedingungen für die Entstehung bekannt sind, kann evtl bei neuerlich anstehenden Lagen dieser Art besser und zeitiger vor diesen Unwettern gewarnt werden. Mit zukünftigen Ereignissen lassen sich noch mehr Informationen sammeln, um diese Auswertung noch verbessern zu können.

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Analyse: Superzellen am Südharz und im Süden Sachsen-Anhalts
http://fs5.directupload.net/images/160103/oja8or9r.png



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