Datum: 30. Dezember 2008 12:35
30 Jahre, eine ganze Generation, ist es her, daß in den Tagen zum Jahreswechsel 1978 auf 1979 Mitteleuropa von einer bis dahin in dieser Form kaum für möglich gehaltenen Schneekatastrophe im Norden und extremem Einbruch arktischer Kaltluft in alle Teile Mitteleuropas heimgesucht wurde. Noch heute ist dieses Ereignis vielen Menschen der Nachkriegsgeneration in tiefer Erinnerung, führte es doch in einigen Regionen zur totalen Einschränkung des öffentlichen Lebens. Darüber ist auch hier im Forum in den letzten Jahren rückblickend detailliert berichtet worden und es wurden erläuternde Analysen erstellt. In letzteren ist der Frage nachgegangen worden, welche meteorologischen Vorgänge und Strukturen die damalige extreme Situation charakterisierten, welche synoptischen und großräumigen Vorentwicklungen stattfanden und in welchem Umfang die damaligen numerischen Modelle die Prognose unterstützen konnten. Hier 3 Links zu diesen Themen in den „Interessanten Beiträgen“ :
Schneekatastrophe 78/79 : Entwicklung + Strukturen :
[
www.wzforum.de]
Schneekatastrophe 78/9 : Vorentwicklung + Analogien :
[
www.wzforum.de]
Schneekatastrophe 78/79 : Was konnten die Modell?
[
www.wzforum.de]
In der ersten Darstellung hieß es zur öffentlichen Situation in Schleswig-Holstein:
„Am Jahresende 1978 wurde von der Schneekatastrophe das gesamte öffentliche Leben lahmgelegt und niemand konnte sich dem entziehen. Auf Straßen und Schienen lief in den Regionen nichts mehr, Ortschaften waren von der Umwelt abgeschnitten, Katastrophenalarme wurden ausgerufen, auf den Straßen wurde ein striktes Fahrverbot ausgesprochen. Menschen waren mitten auf der Strecke in Not geraten, z.T. mit Todesfolge durch Erfrieren. Die Bevölkerung mußte an einigen Orten für mehrere Tage aus der Luft mit dem Lebensnotwendigsten versorgt werden.“
Und zum meteorologischen Aspekt :
„Es war die unheilvolle Kombination von ergiebigem Schneefall, anfangs auch gefrierendem Regen, und anhaltend starkem Wind, teilweise Sturm, der die Schneemassen zu mehrere Meter hohen Verwehungen auftürmte. ... In der Stadt Schleswig wurde am Jahreswechsel 1978/79 an der dortigen DWD-Meßstelle eine mittlere Schneehöhe von 60 cm gemessen, eine Schneehöhe, die es seit Beginn der Schneemessung 1931 dort noch nie und auch später nie mehr festgestellt wurde. Zu den schwerwiegenden Auswirkung gehörten neben den riesigen Schneeverwehungen und gefrierendem Regen auch Schäden durch die damalige Sturmflut an der Ostseeküste. In Flensburg, Kiel und Lübeck standen Straßenzüge unter Wasser und vereisten.“
Es erscheint immer wieder notwendig, die extreme Situation von damals in die Erinnerung zu rufen und ihr Zustandekommen fachlich zu erläutern, um für neue Wetterentwicklungen einen Beurteilungsmaßstab zu haben. Dies soll mit diesem Posting geschehen, auch aus meiner Warte als damaliger fachlicher Zeitzeuge heraus. Auf der Grundlage des Materials hauptsächlich der oben genannten ersten Darstellung möchte ich die meteorologischen Strukturen und Entwicklungen nochmals konzentriert vor Augen führen, zunächst mit deb synoptischen Argumenten, dann mit meteorologischen Meßdaten.
DIE SYNOPTISCHEN STRUKTUREN UND ENTWICKLUNGEN ZWISCHEN DEM 25.12.1978 UND 02.01.1979 :
Die Ausnahmewetterlage entwickelte sich nach den Weihnachtsfeiertagen des Jahres 1978. Die Weihnachtsfeiertage selbst verliefen, wie in vielen Jahren vorher, mild und unbeständig. Von Südwesten her drang in frontalen Staffeln milde Meeresluft nach Mitteleuropa vor, so daß es auch nachts in den Niederungen meist frostfrei war. Die einsetzende synoptische Entwicklung hin zur Wetterkatastrophe deutete sich an Weihnachten erst relativ unauffällig im äußersten Norden Europas an. Die damaligen numerischen Modelle waren noch nicht wie heute in der Lage, verläßliche Prognosen der synoptischen Wetterlage für den Kurzfristbereich, schon gar nicht für den Mittelfristbereich bis 5 oder mehr Tage zu machen. So wurde der Ernst der Situation zunächst auch keinem Meteorologen klar. Deutlichere Anzeichen aus der synoptischen Erfahrung heraus lieferten erst die Tage ab etwa dem 28.12.78, als sich die Situation im Nordbereich Mitteleuropas schon zu verschärfen begann. Was sich zu diesem Zeitpunkt und bis zum 02.01.79 synoptisch abspielte, soll in den folgenden Kartenzusammenstellungen plastisch vor Augen geführt und erläutert werden. Mit Material aus den Reanalysekarten des NCEP wird für jeden Tag ab dem 25.12.78 für den 00 UTC-Termin links die Kombination Bodendruck/500 hPa, rechts die 850 hPa-Temperatur dargestellt :
Bodendruck/500 hPa links, T850 rechts 25.12.1978 00 UTC :
Die Bodensituation des 1.Weihnachtsfeiertages (Karte links) zeigte ein umfangreiches, mit Kern westlich der Britischen Inseln gelegenes atlantisches Tiefdrucksystem sowohl am Boden als auch in der Höhe. Das Tief erstreckte sich in länglicher Form von Neufundland über die Britischen Inseln hinweg bis nach Mitteleuropa. Die Lage des Tiefs war, verglichen mit den normalen Verhältnissen, relativ südlich, entlang knapp nördlich des 50.Breitengrades, die damit verbundene Frontalzone befand sich somit südlich dieser Breitenlage. Vorderseitig strömte milde Meeresluft aus dem Azorenraum nach Mitteleuropa. Dies läßt sich auch an der Verteilung der 850-hPa-Temperaturen (Karte rechs) gut ablesen. Längs der Nordseite des beschriebenen atlantischen Tiefdrucksystems zog sich von Nordskandinavien über das Nordmeer bis nach Grönland eine Hochdruckzone hin, die zum Pol hin eine deutlich kältere arktische Lufmasse abgrenzte. Sie lag synoptisch hinter einem polaren Tief bei Nowaja Semlja. Die arktische Luft war erst am äußersten nördlichen Kartenrand zu sehen. Somit gab es am 25.12.78 über Europa selbst noch keine größeren Temperaturgegensätze. Eine erste, noch nicht alarmierende Bewegung in den geschilderten synoptischen und thermischen Strukturen gab es zum 2.Weihnachtsfeiertag :
Bodendruck/500 hPa links, T850 rechts 26.12.1978 00 UTC :
Das bestimmende atlantische Tief trogte deutlich nach Süden aus, die Luftmassenzufuhr nach Mitteleuropa drehte noch mehr auf südwestliche Richtungen. Ein vorderseitiges Teiltief befand sich nun über Dänemark. Eher noch unauffällig dehnte sich das Nowaja Semlja-Tief südwärts aus und zwischen diesem Tief und dem inzwischen etwas breiteren Grönlandhoch drang die nördliche arktische Luft trogförmig Richtung Nordnorwegen vor. Der Temperaturgegensatz über Skandinavien nach Mitteleuropa hin hatte sich dabei aber vorerst eher weiter abgeschwächt. Dies nun änderte sich sichtbar zum 27.12.78 hin :
Bodendruck/500 hPa links, T850 rechts 27.12.1978 00 UTC :
Der südliche Teil-Kern des atlantischen Tiefdrucksystems war bis zur westlichen Biskaya vorgedrungen. Die vorderseitige südwestliche Luftmassenströmung überdeckte jetzt hauptsächlich noch Frankreich, während über Deutschland an der Südseite einer zonalen Tiefdruckzone zwischen Rußland und dem Atlantiktief die Strömung mehr auf West gedreht war. Die Struktur von Boden- und Höhendruckfeld zeigte erstmals einen deutlicheren luftmassenmäßigen Gegensatz zwischen Nordeuropa/Skandinavien und Mitteleuropa : Auf der Rückseite des Tiefs von Nowaja Semlja und östlich des weiter verstärkten Grönlandhochs hatte sich mit der arktischen Kaltluft ein kalter Höhentrog südwärts bis nach Mittel- und Südskandinavien vorgeschoben. Besonders deutlich wurde der nördliche Luftmassenvorstoß in 850 hPa, wo die Isotherme von –15°C über dem Ostseeraum schon fast den 60.Breitengrad erreicht hatte. Somit war der nordsüdliche Temperaturgradient gegenüber dem Vortag insgesamt deutlich schärfer geworden. Diese Druckfeld- und Temperaturstrukturen hätten im Zusammenspiel mit den heutigen numerischen Vorhersagemodellen sicher ein klares Signal für die kommenden Tage gegeben. Doch damals bestanden zwar erste Ahnungen, aber keinerlei Gewißheit über eine möglicherweise kritische winterliche Lage für Mitteleuropa. Denn zu stark erschien immer noch der Einfluß des atlantischen Tiefdrucksystems, auch wenn dessen Lage ungewöhnlich südlich war. Schließlich bestand auch noch die Möglichkeit, daß die arktische Luft um das Grönlandhoch herum auf den Atlantik geführt würde und so für uns unwirksam geworden wäre.
Am Folgetag, dem 28.12.78 wurde die Gefahr einer schwierigen Winterwetterlage für den Norden Mitteleuropas dann doch synoptisch konkret, ein erster spürbarer Temperaturrückgang setzte in Schleswig-Holstein und im Ostseegebiet (Norden der damaligen DDR) ein. Es gab auch wettermäßig erste Probleme anhaltend gefrierendem Regen und einsetzendem Schneefall :
Bodendruck/500 hPa links, T850 rechts 28.12.1978 00 UTC :
Während sich der westliche Vortages-Kern des atlantischen Tiefdrucksystems ostwärts wandernd deutlich intensiviert hatte, hatte sich der Biskaya-Kern trogförmig und gradientstark nach Mitteleuropa vorgeschoben. Das intensivierte im Süden Deutschlands nochmals die Zufuhr milder Meeresluftmassen, wie auch die Temperatur in 850 hPa schön zeigt. Andererseits bildete sich nun deutlicher quer über dem nördlichen Mitteleuropa von Ost nach West eine Luftmassengrenze heraus. Der meridional ausgerichtete kräftige Höhentrog über Nordeuropa reichte nun schon bis zum Süden Skandinaviens. Das Grönlandhoch hatte sich gleichzeitig bodennah mit einem Keil von Nordwesten her nach Skandinavien vorgeschoben. In 850 hPa stand die –10°C-Isotherme an der Südspitze Schwedens. Unverkennbar hatte sich eine westost-orientierte schärfere Frontalzone an der Nordgrenze Mitteleuropas herausgebildet.
Die neue Druck- und Temperaturverteilung konnte sich in den nächsten 2 Tagen aus sich heraus weiter verschärfen : Die arktische Kaltluft wurde ununterbrochen von Norden her nachgeliefert und kühlte sich zusätzlich infolge der skandinavisch-russischen Schneedecke weiter ab, von Südwesten strömte nach wie vor milde Luft nach Deutschland Richtung Nordosten. Dazu kam die weitere Verschärfung der Druckgegensätze durch Druckanstieg über Skandinavien und Nordeuropa bei gleichzeitiger zyklonaler Aktivität über Mittel- und Westeuropa vom Atlantik her. Wie sehr die Lage dann verschärft erschien, sah man schon am folgenden 29.12.78 :
Bodendruck/500 hPa links, T850 rechts 29.12.1978 00 UTC :
Von dem weiterhin entlang etwa 50°N sich erstreckenden atlantischen Tiefdrucksystem, das von Neufundland her nochmals aktiviert wurde, zog sich am 29.12.78 eine schmale, aber relativ lagefeste Tiefdruckrinne über das nördliche Mitteleuropa hinweg ostwärts. Dadurch, daß die arktische Kaltluft durch Druckgradientverstärkung zum grönlandisch-skandinavischen Hoch hin beschleunigt über die Nordsee hinweg zu den Britischen Inseln geführt wurde, herrschte nun in der Höhe (500 hPa) eine westliche Frontalzonenströmung (Südseite des inzwischen mächtigen skandinavischen Höhentrogs), während bodennah über dem nördlichsten Teil Deutschlands ein kräftiger Druckgradient eine starke Ostströmung erzeugt hatte. Diese führte aus Ostnordost die arktische Kaltluft jetzt direkt auch aus Rußland heran. Wie man sehen kann, war der Temperaturgradient in 850 hPa jetzt sehr stark geworden. Die Schneekatastrophe hatte damit für den Norden Deutschlands begonnen, da es ununterbrochen bei Starkwinden und tiefen Temperaturen schneite. Die Frage, die sich nun stellte, war : Bewegt sich die verheerende Luftmassengrenze, die zunehmend für den Norden Probleme brachte, irgendwie und wenn, wann würde die konzentrierte arktische Kaltluft andere Teile Deutschlands überfluten und zu einem Temperaturschock führen?. Die erste Möglichkeit dazu war synoptisch auf der Rückseite des ostwärts ziehenden Tiefs südwestlich der Britischen Inseln. Aber was würde das nachfolgende Tief über dem Atlantik machen? Eine weiter anhaltende mehr oder weniger ortsfeste Lage der kolossalen Luftmassengrenze würde die Notsiituation für den äußersten Norden noch weiter steigern. Und so kam es denn auch :
Bodendruck/500 hPa links, T850 rechts 30.12.1978 00 UTC :
Um 00 UTC des 30.12.78 war das Tief südwestlich der Britischen Inseln sich abschwächend längs der Frontalzone nach Mitteleuropa gezogen, unter Beibehaltung des starken Druckgradienten auf der Nordseite. Der Süden verharrte gleichzeitig in der sehr milden Meeresluft. Die Luftmassengrenze war über Westeuropa nur wenig südlich vorangekommen, was auch an der nur langsamen Süd-Bewegung der 850-hPa-Isothermen abgelesen werden konnte. Und was befürchtet wurde, bewahrheitete sich für Mitteleuropa : Die Luftmassengrenze kam infolge Annäherung des atlantischen Haupttiefs auch an diesem 30.12.78 bei uns nicht entscheidend nach Süden voran und so gab es keine Entspannung für den stark betroffenen Norden. Dort hatte inzwischen die –15°C-Isotherme von 850 hPa das Küstengebiet fast erreicht. So steuerte alles auf den extremen Höhepunkt der Wetterlage am 31.12.78 zu :
Bodendruck/500 hPa links, T850 rechts 31.12.1978 00 UTC :
An diesem Silvestertag zog sich eine lange und relativ intensive zonale Tiefdruckzone vom Atlantik über Nordfrankreich bis zum östlichen Mitteleuropa hin. Der Kern der Tiefdruckzone als Rest des atlantischen Haupttiefs hatte den Westausgang des Ärmelkanals erreicht. Infolge der starken Luftmassenadvektion nördlich der Tiefdruckzone Richtung Westen zog sich jetzt der sehr kalte nördliche Höhentrog bis zu den Britischen Inseln hin. Das Bodentief lag knapp vorderseitig der Trogachse. Auch in 850 hPa hatte die sehr kalte arktische Kaltluft über die Nordsee hinweg die Britischen Inseln erreicht. Der kräftige Druckgradient erschien kaum aufgelockert und südlich der fast unverändert quer über Deutschland befindlichen extremen Luftmassengrenze floß immer noch milde Meeresluft in die Südhälfte Deutschlands. Mit der jetzigen Höhentrogposition und dem Bodentief am Ärmelkanal wurde nun klarer, daß ein krasser Vorstoß der Arktikluft in den Süden Mitteleuropas sehr bald erfolgen müßte und gleichzeitig aber die katastrophale Schneesturmlage im Norden dem Ende entgegen gehen würde. So sah dann auch die Situation um 00 UTC in der Silvesternacht aus :
Bodendruck/500 hPa links, T850 rechts 01.01.1979 00 UTC :
Die schmale Tiefdruckzone und Luftmassengrenze schwenkte als ein oval geformtes Tief ein, auf dessen Rückseite der Höhentrog und die sehr kalte arktische Kaltluft über Frankreich hinweg nachts nach Süddeutschland vorzustoßen begann. Der Druckgradient über dem Norden wurde schwächer, die Windrichtung drehte bis 00 UTC auf Nordost. Der Kaltluftvorstoß zeigte sich auch in 850 hPa sehr deutlich. Die Endphase sah schließlich am 02.01.79 00 UTC so aus :
Bodendruck/500 hPa links, T850 rechts 02.01.1979 00 UTC :
Die arktische Kaltluft hatte nun auf der Rückseite des inzwischen nach Südrußland abgezogenen Tiefs ganz Deutschland überflutet. In 850 hPa überdeckten Temperaturen von -15°C bis –20°C weite Teile Mitteleuropas, der Süden erstarrte urplötzlich in Eis.
Fassen wir die extremen synoptischen Vorgänge und Strukturen der Tage nach Weihnachten 1978 zusammen : Die extreme Lage, die sich für mehrere Tage (ab 28.12.78 bis 31.12.78) über dem Norden Deutschlands, besonders küstennah, herausbildete, war die konzertierte Aktion mehrerer synoptischer Strukturen und Vorgänge :
1. Ein relativ weit südlich in ungefähr 50°N südlich gelegenes, immer wieder sich erneuerndes atlantische Tiefdrucksystem führte in mehreren Schüben für die Jahreszeit sehr milde Meeresluft in den Süden Mitteleuropas.
2. Zwischen einem Tief am Nordrand Rußlands und einem sich kontinuierlich verstärkenden Hoch über Grönland, das sich dann auch ostwärts nach Skandinavien ausdehnte, wurde zunehmend massive, sehr kalte Arktikluft südwärts geführt. So bildete sich über dem Norden Mitteleuropas eine immer schärfer werdende Frontalzone mit kräftigen bodennahen Ostwinden und stärkeren Westwinden in der Höhe. Sie wurde bodennah durch eine westostwärts gerichtete Tiefdruckzone und Lufmtassengrenze im Norden Deutschland markiert.
3. Die Luftmassengegensätze verschärften sich in dieser stark frontogenetischen Situation über Deutschland immer mehr und lösten mit Schneefällen und starken Winden im Norden eine winterliche Unwetterlage aus.
4. Mit endgültiger Ostverlagerung der atlantischen zyklonalen Aktivität brach schließlich die arktische Kaltluft unvermittelt auch in den Süden ein, während zu Neujahr die Unwetterlage im Norden sich entspannte.
Zur noch besseren grafischen Verdeutlichung der so fundamentalen synoptischen Prozesse, insbesondere auch der ungewöhnlich starken frontogenetischen Vorgänge, hier noch einmal zusammenhängend als Loop die Abfolge der oben gezeigten Karten :
Zeit-Loop 25.12.78 bis 02.01.79 Bodendruck/500 hPa + Temperatur 850 hPa :
WEITERE , DIE EXTREME METEOROLOGISCHE SITUATION KENNZEICHNENDE DATEN :
Die extreme Luftmassengrenze, die sich ab 29.12.78 über Mitteleuropa etablierte, erzeugte auch ungewöhnliche Strukturen in den Radiosondenaufstiegen. Nachfolgend die Wiedergabe der 12 UTC-Aufstiege des 29.12.78 der Stationen Kopenhagen, Schleswig und Essen :
Radiosondenaufstieg Kopenhagen 29.12.78 12 UTC :
Radiosondenaufstieg Schleswig 29.12.78 12 UTC :
Radiosondenaufstieg Essen 29.12.78 12 UTC :
Kopenhagen lag bodennah um diese Zeit schon deutlich nördlich der Luftmassengrenze in der arktischen Kaltluft, Schleswig befand sich bodennah noch nahe an der Luftmassengrenze und Essen eindeutig innerhalb der südlichen milden Luft. Entsprechend sahen die Vertikalprofile der Temperatur (rote Kurve) aus. Die Isothermie über Kopenhagen zwischen 800 und 500 hPa signalisierte dort die (nach Norden geneigte) Luftmassengrenze in der Höhe. Jeweils in der unteren Kaltluft und oberen noch milderen Luft herrschte dort normale vertikale Temperaturschichtung. Sehr beeindruckend auch der totale Windsprung an der Frontfläche : Unten Low-Level-Jet-artiger starker Ostwind, darüber die starke Westströmung die mit der Höhe zunahm. Über Schleswig lag die Schichtung jeweils etwas tiefer, die Kaltluft hatte sich unten hier auch schon durchgesetzt. Fast noch stärker hier der untere Low-Level-Jet aus Ost. Die starken Schneefälle des Nordens entstanden an der Frontfläche. Über Essen sah man noch ein ganz normales Vertikalprofil in Temperatur (unten 10°C) und Wind (Windzunahme mit der Höhe bei westlichen bis südwestlichen Winden).
Die folgende großräumige Bodenwetterkarte stammt ebenfalls vom 29.12.78, und zwar als 06 UTC – „Berliner Wetterkarte“ :
Hier sieht man neben der oben schon von diesem Tag beschriebenen großräumigen und mitteleuropäischen Bodendruckverteilung mit eingetragenen Fronten die Meldungen zu Wetter, Temperatur und Wind der synoptischen Stationen. Was hier besonders beeindruckt, ist einerseits das straffe und sehr starke Windfeld (z.T. 40 Knoten) von der südlichen Ostsee über Schleswig-Holstein und die Nordsee hinweg bis zu den Britischen Inseln bei Frost, andererseits die sehr tiefen Temperaturen, die inzwischen über Skandinavien und Rußland herrschten (im Norden bis unter –30°C, örtlich sogar unter –40°C). Von dort strömte die Luft zu uns. Die Isothermen drängten deshalb immer näher aufeinander zu, da andererseits von Südwesten her noch milde Luft herantransportiert wurd und dies erzeugte extreme Temperaturgegensätze auf engstem Raum. Zur regionalen Demonstration hier Ausschnitte aus der „Berliner Wetterkarte“ von jeweils 12 UTC vom 29.12.78, 30.12.78 und 31.12.78 :
Ausschnitt „Berliner Wetterkarte“ 29.12.78 12 UTC :
Ausschnitt „Berliner Wetterkarte“ 30.12.78 12 UTC :
Ausschnitt „Berliner Wetterkarte“ 31.12.78 12 UTC :
Am 29.12.78 12 UTC erstreckte sich die Luftmassengrenze von Nordrhein-Westfalen ostsüdostwärts bis in den Raum der damaligen südlichen DDR. Die Windrichtung sprang an dieser Linie abrupt von Südwest im Süden auf Ost im Norden. Nördlich davon gab es gefrierenden Regen, schließlich Schneefall bei den schon erwähnten sehr starken Winden. Die Temperatur lag direkt südlich der Grenze noch bei 10°C und ging nördlich davon unmittelbar auf 0°C und dann weiter bis unter –5°C zurück. Am 30.12.78 präsentierte sich die extreme Luftmassengrenze wellenförmig mit einem Teiltief nordöstlich von Frankfurt/M. Der Schneefall überdeckte um diese Zeit fast den gesamten Norden Deutschlands. Küstennah gab es unvermindert stürmischen Ostwind bzw. Sturm. Von Nordosten her lagen die12 UTC-Temperaturen schon unter –10°C. Am 31.12.78 war der Höhepunkt der engräumigen Druckgegensätze, die Luftmassengrenze bewegte sich nun südwärts und hatte die Mainlinie mittags gerade überschritten. Teilweise lag die Temperaturdifferenz zwischen direkter Nord- und direkter Südseite bei 20 Grad. Im Norden wurden jetzt Werte von teilweise unter –15°C festgestellt. Noch stürmte es küstennah aus Ost. In der Nacht drang dann der Frost dann bis in den äußersten Süden vor.
Der Wechsel von der milden Luftmasse zur kalten Luftmasse erzeugte an den Orten jeweils meist markante Temperaturabstürze. Hier in einer Grafik die Kurven der Temperatur-Minima von 5 ausgesuchten deutschen Orten : Schleswig, Hannover, Berlin-Tegel, Frankfurt/M., Konstanz :
Gang der täglichen Temperaturminima vom 24.12.78 bis 01.01.79 :
Man erkennt schön das zunächst hohe T-Min-Niveau zwischen 0°C und 5°C bis einschließlich 2. Weihnachtsfeiertag. Ab 27.12.78 setzte in Schleswig der Temperaturrückgang ein, stetig, aber nie extrem und landend bei etwa –13°C am 01.01.79. Hier äußerte sich die temperatur-dämpfende Wirkung der Ostsee (über die die Luft nach Schleswig kam). Noch in der Nacht zum 28.12.78 war es in Hannover und Berlin-Tegel mild mit Minima um 3°C. Der Absturz erfolge dann schlagartig und ungedämpft, da hier die Luft nicht von Wasserflächen beeinflußt war. Zum Schluß lagen die Minima bei –20°C. In Frankfurt/M. dauerte es bis zum 30.12.78 mit Minima von über 5°C bis schockartig zum 31.12.78 das Minimum auf rund –17°C abstürzte. In Konstanz schließlich brach die Temperatur erst zum 01.01.79 mit Frostgraden von –12°C ein.
Die hier gezeigten Daten bestätigen voll das unglaubliche Ausmaß der damaligen Wettersituation mit z.T. katastrophenartigen Zuständen. Betrachtet man zusätzlich noch die damals über dem äußersten Norden gemessenen Schneehöhen, so wird das ganze Ausmaß vollends klar. Hier die Verteilung der mittleren Schneehöhen in Schleswig-Holstein (DWD-Daten) am 01.01.79 :
Mittlere Schneehöhen Schleswig-Holstein am 01.01.79 :
Am höchsten reichte die Schneedecke im Gebiet zwischen Schleswig und Flensburg mit teilweise über 70 cm. Hier handelte es sich, wie gesagt, um die mittleren Schneehöhen. Die verbreiteten und vieles zudeckenden Schneewehen erreichten teilweise mehrere Meter.
Wetterfuchs
2-mal bearbeitet. Zuletzt am 25.01.09 17:02.