Allgemeine Meteorologie :  Wetterzentrale Forum Wetterzentrale Forum

| Wetterzentrale-Startseite | Wetterzentrale-Chat | Wetterchronik | wetter-foto.de | Das alte WZ-Forum-Archiv (05/1999-04/2007) |

| Nutzungsbedingungen/Forumsregeln/Datenschutz | Die neuesten Postings aus allen Foren | Wettersymbole einbinden | Präfixe in Betreffs verwenden |

Bericht zum Winter 1978/79 von Jürgen Pons
geschrieben von: Thomas Sävert (IP-Adresse bekannt)
Datum: 25. Dezember 2008 12:40

Hallo zusammen, ich stelle folgenden Bericht im Auftrage des Verfassers ins Forum.
Grüße, Thomas Sävert


Jürgen Pons

Schneekatastrophe Jahreswechsel 1978 / 1979

Da ich hier in diesem Forum sicherlich zu den "Alten" zähle ... die in ihrer Jugend auch die sogenannten "echten" Winter erlebt haben, hier zu der allseits bekannten Wettersituation Jahreswechsel 1978/1979 ein Bericht/Kommentar auch von mir. Ich war bereits damals sehr am Wetter interessiert und immerhin 20 Jahre alt. Und "Wetterverrückt" bin ich immer noch.
Ein Schwerpunkt meiner Ausführungen sind die Auswirkungen auf die Menschen in der ehemaligen DDR. Aus meiner Sicht kommt das hier im Forum einfach viel zu kurz.

Das Rhein-Main Gebiet wurde pünktlich zu Silvester am späten Abend von der "Schneefront" getroffen. Grundsätzlich waren hier damals weder Schneehöhe (ca. 20 ... 30 cm), noch Temperaturen (-15 Grad Anf. Januar) für uns was besonderes, sowas gab es in meiner Jugend häufiger. Ich selbst empfand es 1978/79 aber beeindruckend mit welcher Wucht der Übergang von mildem Regenwetter zu "Blizzard ähnlichem" Schneesturm stattfand. Darüberhinaus waren natürlich damals die "Frontberichte" im TV und Radio unglaublich spannend. "Die Schneefront steht an der Elbe" .. "jetzt steht sie schon bei Kassel". Diese mediengerechte Aufbereitung von Wetterereignissen war damals neu für uns und ich weiß noch genau mit welcher Spannung ich gewartet habe bis es "endlich" auch bei uns "soweit war".

Der katastrophale Charakter dieses Wintereinbruchs in Norddeutschland war uns allerdings schon bewusst. Die Bilder von steckengebliebenen Autos und Zügen gingen tagelang durch die Medien. Über Tote wurde berichtet. Hauptbetroffen in unserer Wahrnehmung war insbesondere Schleswig-Holstein, von dort kamen die meisten Berichte, auch über die Einsätze der Bundeswehr. Grundsätzlich hatten wir damals aber schon den Eindruck "Die haben alles im Griff".
Erst im Nachhinein kamen auch Informationen aus der ehemaligen DDR. Diese war insgesamt wesentlich stärker betroffen als der Westen.

In der DDR brach die Energieversorgung für zwei Tage komplett zusammen. Die Menschen saßen wirklich flächendeckend im Dunkeln und auch kalt!! (bis auf Lokalversorger ). Unzählige Wasser- und Abwasserrohrbrüche waren die Folge. Die Braunkohletagebaue um Leipzig - Lebensader der DDR-Industrie - kammen fast vollständig zum Erliegen, unzählige Schweine und Rinder verendeten in der Kälte. Für die Wirtschaft war dies ein schwerer Rückschlag. Braunkohle hat einen hohen Wasseranteil und ist bei der Kälte einfach total zusammengefroren. Auch die Kohle auf Zügen oder auf Halden war somit einfach nicht mehr nutzbar. Einige Jahre vor diesem Wintereinbruch wurde das Stromnetz der DDR endgültig vom Westen abgekoppelt, somit war auch keine schnelle Energiehilfe aus dem Westen möglich. Die Nordbezirke der DDR versanken binnen weniger Stunden unter einem mehrere Zentimeter dicken Eispanzer - die Folge des zunächst gefrierenden Regens. Dann setzt ein 78-stündiger Schneesturm ein. Nichts bewegte sich mehr. Rentner, die vom Feiertagskaffeetrinken nach Hause wollten, warteten in den Haltestellenhäuschen am Dorfrand vergeblich auf ihre Busse. Die Insel Rügen war plötzlich von der Außenwelt abgeschnitten. Als viele Rüganer bereits ums Überleben bangten, verkannte die DDR-Führung noch lange das Ausmaß der Katastrophe. Erst am 3. Januar schickte sie Panzer auf die Insel Rügen, die eine Woche komplett von Bahn-, Schiffs- und Straßenverkehr abgekoppelt war.
Die letzten Opfer wurden erst im Laufe des Frühjahrs geborgen, als die Schneeschmelze den Zugang ermöglichte. Bis heute gibt es keine verlässlichen, offiziellen Informationen über die wirkliche Anzahl der Todesopfer in der DDR (im Westen 17, im Osten wurden offiziell 5 ! gemeldet).
Erwähnenswert ist die Welle der Hilfsbereitschaft und Solidarität. Lokal halfen sich die Menschen gegenseitig. Sie rückten auch näher zusammen. Der eine Nachbar hatte noch ausreichende Lebensmittelvorräte, der andere noch einen alten, funktionierenden Ofen. Die sowjetische Armee mit schwerer Technik war wochenlang im Einsatz. Das ganze lief völlig pragmatisch mit hohem lokalem Improvisationstalent und so überhaupt nicht abgestimmt oder koordiniert mit der offiziellen Staatsführung der DDR.

Fotos von Egon Nehls findet Ihr hier:
[www.saevert.de]

Nachfolgend 2 Bilder aus Rechlin, Landkreis Müritz in Mecklenburg-Vorpommern. Deutlich sind auch hier, fern der Küste die meterhohen Schneeverwehungen zu erkennen (Quelle: Jürgen Pons)


http://www.saevert.de/bilder/197879/1979pons1.jpg

http://www.saevert.de/bilder/197879/1979pons2.jpg


Die beiden Kinder hatten wohl sogar Spaß an dem vielen Schnee. Für ihre Eltern und viele, viele andere war das aber überhaupt nicht ‚spaßig’!

Ich sagte bereits dass für uns hier im Rhein-Main Gebiet dieser Winter nichts wirklich besonderes war. Ich habe als Kind und Jugendlicher heftigere Winter erlebt. In der Erinnerung der (noch :-)) älteren Menschen in meinem Umfeld tritt er auch kaum in Erscheinung. Meine Eltern und Großeltern sprechen und sprachen oft von den Wintern in den 40ern, vom Februar 1956 und natürlich vom Winter 1962/63. Wenn man die Kältesummen dieser Winter mit 78/79 vergleicht dann wird auch klar warum das so ist. Und noch in den 80er Jahren waren Winter in denen unsere großen Kiesgruben hier so RICHTIG zufroren eigentlich völlig normal (ich glaube das letzte Mal war 1995/96).
Insofern muss ich immer öfter über die ‚Winterverrückten’ hier im Forum lächeln wenn sie bei – 5 Grad an 2 Folgetagen von ‚Hammerwinter’ und ‚Russenpeitsche’ sprechen (hatten wir in diesem "Winter" überhaupt schon mal minus 5 im Rhein-Main Gebiet ?? :-) ).

Übrigens: nach meiner Wahrnehmung befinden wir uns seit Anfang 2003 in einer ausgeprägten ‚Kaltwinterphase’ mit vielen Hochdruck und Ostlagen. D.h. wir haben seitdem keine ausgeprägten milden Westwetter Winter mehr gehabt. Solche Lagen wie jetzt sind eigentlich die Voraussetzung für echte Kaltwinter. Und trotzdem haben wir keine Winter mehr die auch nur annähernd an frühere Jahre heranreichen. Jeder kann somit erahnen was uns wintertechnisch blüht wenn der Atlantik wieder "Fahrt aufnimmt".
Dies nur so am Rande zum Thema Klimakatastrophe....

Mit freundlichen Grüßen an die anderen "Wetterverrückten"
Schöne Weihnachten und guten Rutsch

Jürgen Pons



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 25.12.08 12:44.



Thema Klicks geschrieben von Datum/Zeit
  Ein Renner : DVD zur Schneekatastrophe 78/79 SH 6861 Wetterfuchs 18.12.08 20:15
  Anlass ist der 30.Jahrestag von 1978/79... 1318 Wetterfuchs 18.12.08 20:22
  Letzten Samstag kam dazu ne Sendung im Norrddeutschen Fernsehen... 1130 Kaltlufttropfen (80 km sö v Berlin) 18.12.08 21:33
  in Phoenix auch...siehe diesen WZ - Thread 920 Dennis 18.12.08 21:38
  Ups, bin ausversehen im Thread verrutscht 894 Matthias wenig südöstlich v. Berlin ( 18.12.08 20:30
  Wir haben endlich wieder Brot! (Hamburger Abendblatt vom 3.1.1979) 1222 nansen 18.12.08 20:56
  Danke, ist schon mal ein Anfang! (oT) 899 Wetterfuchs 18.12.08 20:58
  Thomas Sävert über den Winter 1978 / 79 1513 Dennis 18.12.08 21:19
  Korrekte Adresse 989 Thomas Sävert 18.12.08 23:00
  @ Thomas: übrigens... 805 Martin aus Kiel 19.12.08 08:38
  Re: Kölner Stadt-Anzeiger vom 2.1.1979 "In meterhohem Schnee begraben" 1030 hadimü 19.12.08 09:07
  B) Re: Kölner Stadt-Anzeiger vom 2.1.1979 "In meterhohem Schnee begraben" 917 Kölsches Wetter 19.12.08 11:05
  Schmunzeln Ein wahres Füllhorn! 883 Andreas (35 Km östlich von Hannover) 28.12.08 15:05
  haaahhh...er hat uns sein Geheimnis verraten, Danke Wetterfuchs (oT) 777 Dennis 18.12.08 21:06
  starkes Gewitter mit Graupel oder Hagel Ja, damals war ich dazu wirklich nicht in Stimmung (oT) 790 Wetterfuchs 18.12.08 21:50
  Re: Ein Renner : DVD zur Schneekatastrophe 78/79 SH 1095 Kölsches Wetter 18.12.08 23:04
  Re: Ein Renner : DVD zur Schneekatastrophe 78/79 SH 1390 HarryMason 19.12.08 07:41
  Danke! Werde ich mir sicherrlich ansehen... (oT) 777 Kaltlufttropfen (80 km sö v Berlin) 19.12.08 12:33
  Re: Ein Renner : DVD zur Schneekatastrophe 78/79 SH 1102 Kölsches Wetter 19.12.08 16:35
  Bericht zum Winter 1978/79 von Jürgen Pons 17394 Thomas Sävert 25.12.08 12:40
  @ Thomas 876 Martin aus Kiel 25.12.08 13:03
  Re: @ Thomas 767 Thomas Sävert 25.12.08 13:17
  @ Thomas 733 Martin aus Kiel 25.12.08 17:01
  Re: Bericht zum Winter 1978/79 von Jürgen Pons (Walldorf, RMG) 950 Jürgen Pons 26.12.08 13:47
  Schön wärs ja, wenn es mal wieder ein paar schöne Winter gibt 760 Frank_W_Potsdam 19.09.09 14:55
  Ist so eine Wetterlage eigentlich nur an der Küste möglich? 907 Frank_W_Potsdam 28.12.08 02:55
  Grundsätzlich überall in Deutschland 954 Niklas (Nürnberg - St. Johannis, 310m 10.01.09 22:33
  Heute kam bei mir die DVD an. Ein wahrer Genuß. Vielen Dank für den Tipp Wetterfuchs! (oT) 752 BastianWeber_Salzgitter_114m 08.01.09 19:16


In diesem Forum dürfen leider nur registrierte Teilnehmer schreiben.