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Schadensbilanz Kyrill - eingehendere forstliche Betrachtungen
geschrieben von: Martin Hubrig, Melle-Whh., 20km sö. O (IP-Adresse bekannt)
Datum: 18. Januar 2008 10:27

Hier eine vorläufige Schlussbilanzierung der Forstschäden (wenn ich endgültige Zahlen habe, werde ich noch einmal eine Zusammenstellung posten).

Angaben in Erntefestmeter Holz (EFm) - d. h. es wurde die Netto-Holzmasse in m³ nach Rinden- und Ernteabzügen berechnet. Es floss nur Derbholz mit mind. 8cm Durchmesser (also kein dünnes Kronenreisig) in diese Berechnung ein.

Summe Europa 58,8 Mio. m³
Summe D 37 Mio. m³
Quelle: Hillmann, Martin , AFZ 22/2007, S. 1190-1191

Summe Schweden 12 Mio. m³ (allerdings Orkan „Per“ am 14. Januar 2007, 2.größter Forstschaden nach Orkan Gudrun, bzw. Erwin (75 Mio. m³) seit 40 Jahren)
Summe Tschechien 12 - 13 Mio. m³
Summe Österreich 3,4 Mio. m³
Summe Polen 3,0 Mio. m³
Summe Lettland 0,5 Mio. m³
Summe Litauen 0,35 Mio. m³
Summe Slowakei 0,15 Mio. m³
AFZ 5/2007, S.250
AFZ 3/2007, S.153

Summe Bayern ca. 4 Mio. m³
Waldzustandsbericht 2007, S. 13
[www.forst.bayern.de]

Summe NRW
Ca. 30.000 ha Kahlfläche
AFZ 23/2007, S.1284
> 15 Mio. m³
AFZ 13/2007, S.726
16 Mio. m³
AFZ 10/2007, S.554

Summe Thüringen ca. 3 Mio. m³ (incl. Schneebruch + nachfolgende Stürme)
AFZ 24/2007, S.1340
Ca. 6.300 ha Kahlfläche u. 4.700 ha verlichtete Bestände
AFZ 20/2007, S.1116

Summe Sachsen 1,71 Mio. m³
AFZ 18/2007, S.1004

Summe RLP ca. 1,5 Mio. m³ (incl. Schneebruch + nachfolgende Stürme)
AFZ 17/2007, S.945

Summe NS > 2,2 Mio. m³ (allein LFV >1,3 Mio (davon 4 Harz FoÄ 0,4 Mio.) + 0,9 Mio. Privatwald)
AFZ 14/2007, S.781
AFZ 12/2007, S.666
AFZ 3/2007, S.153
Lt. gestrigem NDR-Bericht auf „Niedersachsen 19.30 das Magazin“ wurde für die LFV eine Sturmholzmasse von 1,4 Mio. m³ genannt. Es kam ein Bericht von der größten Einzelfläche Niedersachsens mit totalen Bestandesschäden im Forstamt Clausthal (Harz) mit einer Größe von 50 ha (0,5 km²).

Summe M.-V. ca. 0,1 Mio. m³
AFZ 12/2007, S.666

Summe B.-W. ca. 0,5 Mio. m³
AFZ 07/2007, S.336

Summe BRB. ca. 0.5 Mio. m³
AFZ 07/2007, S.362

Summe Hessen mind. 3 Mio. m³
AFZ 3/2007, S.153

Summe Sachsen-Anhalt ca. 1 Mio. m³
AFZ 3/2007, S.153

1990er Stürme:
Summe D 73 Mio. Fm

1999, Lothar:
Summe D 34 Mio. Fm
Quelle:
Hillmann, Martin , AFZ 22/2007, S. 1190-1191

Kyrill war damit zumindest in Deutschland in der jüngeren Forstgeschichte das Sturmereignis mit der zweithöchsten je in D angefallenen Sturmholzmasse. Möglicherweise sogar das mit der höchsten, denn die Zahlen für 1990 geben die durch alle Sturm dieser „Saison angefallenen Holzmassen wieder.

Hier noch ein differenzierter Vergleich der Sturmholzmassen einiger Winterstürme von aus forstwirtschaftlicher Sicht historischer Dimension.

Der Niedersachsenorkan vom 13.11.1972 brachte insgesamt mehr als 25 Mio. m³ Holz zu Boden, davon allein in Niedersachsen 15,9 Mio. m³, was dort dem 5,2 fachen Jahreseinschlag entsprach. Andere Bundesländer waren nur gering betroffen (Rest der alten Bundesländer zusammen 1,4 Mio. m³. Die EX-DDR war mit 7,3 Mio. m³, die Niederlande mit 0,9 Mio. m³ regional ebenfalls sehr stark betroffen.
Die Orkanserie von 1990, in D waren das v. a. Daria und in noch stärkerem Maße Vivian und Wiebke brachten in der damaligen Bundesrepublik Deutschland 70,490 Mio. m³ zu Fall, in der ehem. DDR waren es 1,982 Mio. m³.
Am schwersten waren Bayern mit ca. 23 Mio. m³, Baden-Württemberg mit 14,914 Mio. m³. Hessen mit 14,152 Mio. m³ und Rheinland-Pfalz mit 12,205 Mio. m³ betroffen.
Anatol am 3./4. Dezember 1999 verursachte keine so hohen absoluten Zahlen, was aber einzig daran lag, dass in seiner Zugbahn keine großen Waldflächen lagen. Allein in DK wurden ca. 3 Mio. m³ zu Fall gebracht, was knapp unter dem jährlichen Zuwachs dort liegt. Den Hiebsatz von DK kenne ich nicht. Er dürfte aber deutlich unter dem Zuwachs liegen.
Die Orkane Lothar und Martin am 26. + 27. Dez. 1999 brachten insgesamt fast 200 Mio. m³ zu Fall. Davon allein in Frankreich 138 Mio. m³ (das entspricht landesweit dem vierfachen Jahreshiebsatz!!!). In der Schweiz waren es ca. 12 Mio. m³ (2,5-facher regulärer Jahreseinschlag), in Baden-Württemberg ca. 29 Mio. m³, ca. das 3 fache des regulären Jahreseinschlages.
Erwin (Gudrun) am 8.1. 2005 brachte europaweit über 100 Mio. m³ Holz zu Fall; das Gros in Skandinavien, allein in Schweden fast 80 Mio. m³ (dort ca. der 1,1 fache Jahreseinschlag).
Die Infos habe ich aus verschiedenen Quellen, die als verlässlich gelten dürfen.
Kyrill reiht sich damit auch von den absoluten Zahlen her gesehen in die großen, schadensreichen Orkane ein, ohne indes einen Spitzenplatz einzunehmen. Immerhin: In Nordrhein-Westfalen wurde durch Kyrill die bislang größte absolute Holzmasse durch einen einzelnen Sturm geworfen oder gebrochen. Auf die relative Fläche bezogen „toppten“ vor allem der Niedersachsenorkan vom 13.11.1972 in Niedersachsen und Lothar/Martin 1999 in Frankreich Kyrill noch deutlich.“

Anmerkung:
Lothar und Martin waren mit fast 200 Mio. m³ Sturmholz bislang tatsächlich das mit Abstand schadensträchtigste Ereignis der jüngeren Forstgeschichte.
[www.wetterzentrale.de]


Zu Einordnung von Sturmholzmassen hier einige Ausführungen:

Da sich die Wälder regional aufgrund der Baumartenzusammensetzung, dem Alter der Zuwachsleistung und nicht zuletzt auch in der Bestandesstruktur unterscheiden, ist ein Vergleich von absoluten Zahlen wie oben nur bedingt dazu geeignet, die Schwere eines Schadensereignisses zu dokumentieren.

Man muss, um zu einem objektiven Vergleich zu kommen sich verschiedene Parameter anschauen und miteinander vergleichen.
Hierzu gehören sowohl relative als auch absolute Betrachtungen zur Waldfläche, dem Waldvorrat, den Baumartengruppen Vorrat, die Baumartenverteilung, dem laufenden Zuwachs, aber auch dem durchschnittlichen Gesamtzuwachs (beide zeigen die Leistungsfähigkeit von Wälder auf) und der jährliche nachhaltige Hiebsatz (dieser wir auch gerne herangezogen, weil man so sehen kann, wie schwer ein Betrieb/Region relativ betroffen wurde.

Zum Vergleich, wie hart ein Ereignis die Forstwirtschaft eines Landes relativ getroffen hat, bietet sich der Vergleich mit dem jährlichen Einschlag an:
Hier eine Tabelle der Nutzungsmassen verschiedener Bundesländer in D, nach Waldbesitzarten aufgeschlüsselt. Leider nur alte Bundesländer:
[www.bundeswaldinventur.de]

Hier eine schöne Übersicht mit der Waldverteilung der einzelnen Bundesländer in D in Tabellen und einer Karte dargestellt:
[www.infoholz.de]

Neben den absoluten und relativen Flächenzahlen muss man natürlich noch die absoluten und durchschnittlichen Holzvorräte betrachten. Diese werden in den „Die Ergebnisse der Bundeswaldinventur 2004“ auf S. 13 in einer Grafik bundeslandweise dargestellt:
[www.nwp-online.de]
Dort finden sich interessante Darstellungen zum tieferen Verständnis.

Interessant ist diese Seite mit Betrachtungen zu Holzvorräten und –nutzung:
[www.infoholz.de]
Dort wird auch das Resümee gezogen, dass in D trotz außergewöhnlicher Nutzungsereignisse (z. B Reparationshiebe nach den Kriegen, den vergangenen Sturmereignissen, etc.) der der absolute und relative Holzvorrat und auch der Zuwachs in Deutschlands Wäldern stetig angewachsen ist:
Auf dieser Seite findet sich auch eine graphische Darstellung der Holzvorräte, Zuwächse und Nutzungen am Beispiel der niedersächsischen Landesforsten:
[www.infoholz.de]

Bei diesen Betrachtungen erkennt man, das die Aussage, „Ein Land wurde bereits von einem Sturm x Jahre vorher getroffen, also kann ein nachfolgender gar keinen so großen Schaden mehr anrichten“ ziemlich stark hinkt. Dies gilt nur dann wenn ein großflächiges Gebiet wirklich flächendeckend entwaldet wurde. Und diese Kriterien haben bislang nur Lothar und Quimburga (1972) in Ansätzen erfüllt.
Deutschland hat lt. BWI 2004 einen Holzvorrat von fast 3,4 Mrd. m³. Da waren selbst die europaweit knapp 200 Mio. m³ Sturmholz von Lothar im Verbund mit Martin meilenweit davon entfernt, ganz Deutschland zu entwalden.
Und auf dieser Karte sieht man, wie unterschiedlich selbst das sowohl absolut als auch relativ am stärksten betroffene NRW „heimgesucht" wurde:
[www.forst.nrw.de]
Da bleibt für nachfolgende Stürme auch in NRW noch genügend übrig, z.B. in der Eifel, aber auch in den nördlichen Teilen des Sauerlandes. Aber auch z.B. der Teutoburger Wald wurde sowohl relativ als auch absolut deutlich weniger als das Wiehengebirge getroffen.


Zu den volkswirtschaftlichen Schäden durch Kyrill:

Zitat aus einer Veröffentlichung der Münchener Rück:
„Kyrill verursachte einen gesamtwirtschaftlichen Schaden von rund 10 Mrd. US$, mit einem versicherten Schaden von etwa 5,8 Mrd. US$ war er der zweitteuerste Sturm in Europa nach dem Orkan Lothar im Dezember 1999, der höhere Windgeschwindigkeiten hatte, geografisch aber zugleich stärker eingegrenzt war. Die Besonderheit von Kyrill waren die lang anhaltenden hohen Windgeschwindigkeiten in weiten Teilen Europas.
Besonders stark betraf Kyrill Deutschland, wo mehr als die Hälfte des versicherten Schadens anfiel. Über 1,5 Millionen Einzelschäden – vielfach kleinere Summen – wurden gemeldet. In Ostdeutschland gab es besonders dort starke Schäden, wo sich im Bereich der mit dem Sturm verbundenen Kaltfront Gewitter mit Hagelschlag sowie Tornados bildeten.“
Quelle:
[www.munichre.com]

weitere Infos der Münchener Rück:
49 Tote, 10 Mrd. $ volkswirtsch. Schäden, davon 5,8 Mrd. versichert
[www.munichre.com]
[www.munichre.com]


Viele Grüße, Martin

P.S.:
@ Wetterfuchs, zur max. Windgeschwindigkeit (Spitzenböe) auf der Schneekoppe ist mir nur ein unbestätigter, aber sicher plausibler Wert von 212 km/h bekannt:
[www.wetterzentrale.de]



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