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Analyse + Bilder der Gewitterlage vom 25. Mai (ca. 3 MB )
geschrieben von: Björn (Hannover, 55m) (IP-Adresse bekannt)
Datum: 28. Mai 2007 22:32


Hallo zusammen!

Leider bin ich erst heute dazu gekommen, meine Impressionen vom vergangenen Freitag zusammenzustellen. Aber dadurch sind sie sicherlich nicht weniger schön. Bevor ich die Bilder zeige, zunächst noch ein paar Worte zu den "Rahmenbedingungen".





Vorgeschichte und Radaranalyse:

Auf der Vorderseite eines von den britischen Inseln bis nach Südwesteuropa reichenden Höhentroges drang in einer südwestlichen Höhenströmung sehr warme, feuchte und hochreichend labil geschichtete Luft nach Mitteleuropa vor. Eine Tiefdruckrinne am Boden erstreckte sich von Nordfrankreich bis in den Nordosten Deutschlands und sorgte für einen zusätzlichen Hebungsantrieb.



Radarloop vom 24.05. - 20:00 bis zum 25.05 - 19:00:






Nachdem nachts und morgens erste Gewitter nur sehr knapp an Hannover vorbeigezogen waren, beruhigte sich die Lage vorübergehend, bevor sich mittags erneut Schauer und Gewitter bildeten - zum Einen nahe der holländischen Grenze, zum Anderen über dem Weserbergland südöstlich von Bielefeld. Um 13 Uhr hatte sich dort eine heftige Gewitterlinie gebildet, die nun parallel zur Ausrichtung nach Nordosten zog - geradewegs auf Hannover zu.






Eine Stunde später waren aus der einen Linie plötzlich zwei zueinander parallele Linien geworden. Es deutete sich an, dass beide Linien Hannover genau zwischen sich lassen würden.






Genauso kam es dann auch. Aus der südöstlichen Linie bildete sich eine markante Zelle heraus, die Hannover südöstlich umschiffte und u.a. im Raum Peine für heftigen Hagelschlag sorgte (siehe auch --> hier <--). Gleichzeitig hatte sich westlich von Hannover eine ausgedehnte Zelle mit teilweise höchster Reflektivität entwickelt, laut einigen Forumsberichten möglicherweise eine Superzelle, die dem Gebiet zwischen Minden und Wunstorf teils über eine Stunde andauernden Starkniederschlag und Hagel bescherte (siehe dazu folgende Threads: --> 1 <-- und --> 2 <-- ) Beide Zellen waren natürlich auch mit starker Gewitteraktivität verbunden.






Die Zelle westlich von Hannover scherte nach links aus und fing eine weitere Hagelzelle auf, die vorher u.a. dem Raum Osnabrück ebenfalls teils heftigen Hagelschlag gebracht hatte (siehe --> hier <--) und nun nach rechts ausscherte. Das vereinte, anfänglich äußerst aktive System zog dann über den Nienburger Raum nach Nordosten weiter, wobei es sich aber etwas abschwächte.
Das ganze ist hier nochmal als Radarloop zu sehen, der auch schön die oben beschriebenen Entwicklungen zeigt:






In der Animation ist auch zu sehen, dass sich aus den anfänglich SW-NO orientierten Linien eine völlig neue Struktur entwickelt hat: eine bogenförmige Gewitterlinie, von der Heide über Ostniedersachsen und den Harz bis nach Nordhessen reichend.






Das Interessante dabei: Die Linie hat sich quasi genau in dem Moment so organisiert, als sie über Hannover hinwegzog bzw. kurz danach, so dass Hannover zum großen Teil leer ausging. Bis auf leichten Regen (insgesamt nur 0,3 mm am IMUK in Herrenhausen, in Langenhagen beim DWD waren es 3 mm) und 1-2 Entladungen passierte so gut wie nichts. Ein unglaublicher Zufall eigentlich, wenn man sich die Radarbilder anschaut!

Überhaupt kann man sich den Loop gar nicht oft genug anschauen, so faszinierend ist die Entwicklung der Zellen!





Und nun endlich zu den Bildern:


Mein Standort: Dach des Meteorologie-Institutes in Hannover-Herrenhausen



13:34 Uhr, Panorama von Südost nach Südwest. Aus SSW nähert sich die Gewitterlinie:








13:36 Uhr, Blickrichtung Nordost. Gewaltige Quellungen, jedoch noch ohne Niederschlag:








14:00 Uhr, Blickrichtung Südost. Im rechten Bildteil ist schon die sich Gewitterlinie zu sehen, die dann südöstlich an Hannover vorbeizog:








Und hier das ganze als Panorama:








14:03 Uhr, Blickrichtung Südsüdwest. Wir schauen jetzt quasi zwischen den beiden Gewitterlinien hindurch. Die Zelle im Bild dürfte mehr als 50 km entfernt gewesen sein und möglicherweise die zu dem Zeitpunkt im Bereich Holzminden - Bad Pyrmont gelegene sein:








14:04 Uhr, Blickrichtung Nordost. Eine der Linie vorgelagerte Zelle (siehe auch obiges Radarbild)?








14:09 Uhr, Blickrichtung Südsüdwest. Die eben schon beobachteten Quellungen in der Ferne, nun verdeckt vom Wolkenschirm der näheren Zelle:








14:14 Uhr, Blick nach Südwesten oben. Interessante Wolkenstrukturen, beinahe mammatusähnlich:








14:15 Uhr, Blickrichtung Südwesten zwischen den Zellen hindurch. Im Hintergrund die Zellen über Ostwestfalen/Weserbergland:








14:33 Uhr, Blickrichtung Südsüdost. Das dürften mit hoher Wahrscheinlichkeit die just entstandenen Zellen nordöstlich von Göttingen sein, also etwa 100 km entfernt!








14:33 Uhr, Blickrichtung Südsüdwest. Wir schauen unter dem Wolkenschleier zwischen den beiden Gewitterlinien hindurch auf die gewaltigen Gewitterzellen, die sich von Ostwestfalen her nähern:












14:42 Uhr, Blick nach Westen oben. Wunderschön dynamische Strukturen!








Nun ein kleiner Zeitsprung von einer halben Stunde, schließlich hatte ich noch anderes zu tun, als auf dem Institutsdach zu stehen. ;-)
Außerdem war der Anblick nun nicht mehr so spannend - nur im Westen hörte man es immer wieder leicht Grummeln, die östliche Zelle war längst abgezogen.

15:20 Uhr, Blickrichtung Ost:








15:25 Uhr, Panorama Richtung Westen. Allmählich bildete sich eine Art Böenwalze, die aus Südwesten langsam heranzog - hier der westliche Teil zu sehen. Man achte auf die rundliche Formation am rechten Ende:








Was könnte das sein? Löste sich nach 2-3 Minuten wieder auf.








15:26 Uhr, Panorama Richtung Ost bis Süd - das östliche Ende der sich nähernden "Front":








Panorama Richtung Süd bis West - das westliche Ende:








15:31 Uhr, Blick nach Westen. Die Böenwalze nimmt immer interessantere Formen an:








Panorama von Ost nach Süd - bedrohlich düstere Stimmung mit tiefen Fraktus:








Jetzt begann das große Spektakel. Ich habe selten so faszinierende Wolkenformationen gesehen! Die folgenden Bilder wurden allesamt zwischen 15:32 und 15:35 aufgenommen, als uns die rotierende Böenfront überquerte! Uns stand nur noch der Mund offen und wir kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus... schaut selbst:




























Und hier noch zwei letzte Bilder der abziehenden Böenfront. Danach sind wir schleunigst vom Dach verschwunden, da es anfing zu regnen und ein Blitz in der Nähe einschlug.











Ich hoffe, dieser doch etwas ausführlicher geratene Bericht (der mich mehr als den halben Tag gekostet hat) vermittelt einen ganz guten Eindruck von den Ereignissen dieses Freitagnachmittags. Zwar zogen unglaublicherweise alle Gewitter haarscharf an Hannover vorbei, aber vermutlich konnte ich gerade dadurch so schöne Fotos machen.
Nach 20 Minuten leichtem Regen war der Spuk in Hannover auch schon wieder vorbei. Nun war überall nur noch tristes Einheitsgrau zu sehen.

Einen kleinen Nachgeschmack bekam ich dann noch, als ich um 17 Uhr auf dem Hannoverschen Hauptbahnhof eintraf, um den Zug nach Osnabrück zu nehmen. Ich habe es dort (wo es ohnehin schon ständig brechend voll ist) noch sie so voll gesehen. Man stand minutenlang auf der Treppe zum Bahnsteig hinauf - es ging einfach nicht weiter. Der Bahnsteig randvoll mit Menschen...
Wenig später erfuhr ich dann, dass in Stadthagen ein Blitz in eine Signalanlage eingeschlagen war, wodurch vorübergehend sämtliche Züge Richtung Westen umgeleitet werden mussten. Mein Zug fuhr eine gute halbe Stunde zu spät ab und sammelte unterwegs noch gestrandete Reisende auf, die ein bis zwei Stunden warten mussten. Dementsprechend war auch der Zug dann zum Bersten gefüllt. In Osnabrück kamen wir schließlich mit knapp 90 Minuten Verspätung an... Übrigens beobachtete ich auf der gesamten Fahrt mit Staunen, dass die Sichtweite meistens nur wenige Kilometer betrug, teilweise herrschte Bodennebel. Die Luft schien förmlich zu dampfen. Größere Schäden konnte ich aus dem Zug nicht bemerken, nur vereinzelt Seen auf den Feldern. Nahe Osnabrück bildeten sich später am Abend übrigens schöne Bodennebelfelder aus, leider war es zu dunkel zum Fotografieren. Auch am nächsten Tag lag die Sichtweite nur bei maximal 1-2 km.


Gruß, Björn




Thema Klicks geschrieben von Datum/Zeit
  Analyse + Bilder der Gewitterlage vom 25. Mai (ca. 3 MB ) 1792 Björn (Hannover, 55m) 28.05.07 22:32
  Schön zusammengestellt 966 Stormfront_Wunstorf bei Hannover 29.05.07 11:00


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