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Lügenbaron oder Übersetzungschaos? - Hier das Original
geschrieben von: Badischer Reisbauer (IP-Adresse bekannt)
Datum: 22. Dezember 2012 00:44

So ein Lügenmärchen (eins der besten, die wir in 5 1/2 Jahren Klimaforum aufgetischt bekamen) wäre ja ein glatter Entlassungsgrund. Dass die Sachen Müll sind, die ich im vorherigen Beitrag zitiert habe, sollte eigentlich jeder Mensch mit ein bisschen Allgemeinbildung erkennen. Jeder kann sich zum Beispiel schon aufgrund der Bevölkerungsentwicklung leicht ausmalen, dass die Weizenproduktion wie die Nahrungsmittelproduktion generell in den letzten 50 Jahren stark angestiegen und nicht gesunken ist. Auch dass wir heute (besonders in den Industrieländern) eine Hochleistungsproduktion mit viel höheren Hektarerträgen und größerer Produktionssicherheit haben, sollte Allgemeinwissen sein.

Aber auch wenn diese Allgemeinbildung fehlt, sollte man erwarten, dass jemand, der einen so langen Artikel erstellt, wenigstens mal 5 Minuten im Internet recherchiert. Oder dass ein Lektor einer als qualitativ anspruchsvoll geltenden Zeitung das Zeug mal durchliest, bevor man so einen umfangreichen Artikel veröffentlicht (auch wenn es nur online sein sollte).

Den Autor kann man aber nicht entlassen, er ist selbständiger Buchautor und freier Mitarbeiter: [de.wikipedia.org]

Da er US-Amerikaner ist, stellt sich die Frage, ob ein Teil des Mülls erst durch die Übersetzung reinkam. Der Originalartikel findet sich in "The Daily Beast": [www.thedailybeast.com]

Und tatsächlich sind die schlimmsten Fehler einfach durch die "Übersetzung" (man kann das eigentlich kaum so nennen) entstanden:

Already, a mere 1 degree Fahrenheit of global temperature rise over the past 50 years has caused a 5.5 percent decline in wheat production compared to what would have occurred in the absence of global warming, according to a study published by David Lobell, a professor at Stanford University’s Center on Food Security and the Environment.

Die total verfälschende Kurzwiedergabe im Zeit-Artikel:

"Allein in den vergangenen 50 Jahren sank die Weizenproduktion um 5,5 Prozent, während die durchschnittliche Temperatur anstieg."


Ob das mit den 5,5 % weniger, so wie es im englischsprachigen Artikel formuliert ist, stimmt, weiß ich nicht. Aber das ist unwesentlich, weil der Journalist hier eine Studie zitiert und das nicht seine Aussage ist. Allerdings müsste ein seriöser Autor diese Angabe relativieren, indem er zeigt, wie enorm der Anstieg in der Produktion in diesem Zeitraum war. Die Realität ist: Heute wird rund die dreifache Menge von dem produziert, was man vor 50 Jahren erntete. Ein Forscher behauptet, ohne Klimawandel wäre der Anstieg noch ein paar Prozent höher ausgefallen. Die Forschungsarbeit kann durchaus vollkommen in Ordnung gewesen sein (ich kenne sie ja nicht), die Wiedergabe in dieser Form ist nach meinem Verständnis bewusste Irreführung.

Auf der Seite mit dem Originalartikel habe ich übrigens die folgende Abbildung gefunden, die zeigt, wie enorm auch die Produktion pro Hektar in den letzten 50 Jahren gestiegen ist:
http://i863.photobucket.com/albums/ab195/weschenbach/globalwheatproductionandyield.jpg

Auch der zweite ganz schlimme Unsinn kam durch die Übersetzung zustande.

Original:
"Of course North Dakota is not the only place on earth where durum is grown. Durum originated in the Mediterranean basin 12,000 years ago, and 75 percent of the world’s durum is still grown there. The problem is, climate change is projected to hit the Mediterranean even harder than North Dakota. A region already known for its hot, dry climate will become even hotter and drier, scientists say. As the frequency and intensity of heat waves and drought increase, yields of nonirrigated crops are projected to decline by 5 to 15 percent in Italy and southern France by the 2050s, according to a new report by the European Environmental Agency. Yields in Spain and Portugal could fall by 15 to 25 percent."

Zeit online:
"Doch es geht nicht nur um North Dakota. Überall auf der Welt ändert sich gerade die Art und Weise, wie der Weizen angebaut werden kann. Drei Viertel der weltweiten Weizenproduktion kommen aus der Mittelmeerregionen. Der Klimawandel wird Südeuropa sogar noch härter treffen als North Dakota. Allein in Italien und Frankreich werden die Ernten bis zum Jahr 2050 um bis zu 15 Prozent zurückgehen, weil Hitzewellen und Dürren die Regionen heimsuchen werden, schätzt die Europäische Umweltagentur. Dazu kommt ein steigender Wasserbedarf für die Bewässerung. In Spanien und Portugal könnten die Ernten sogar um bis zu 25 Prozent einbrechen."

Der Autor schreibt in diesem Absatz über Hartweizen, also eine bestimmte Weizenart (die er schon vorher erwähnt hatte, was aber in der Übersetzung weggelassen wurde), die Zeit übersetzt das einfach mit Weizen. Man kann wohl davon ausgehen, dass die Angabe im Original stimmt und auch hier der Müll vom Übersetzer reingebracht wurde. Der zweite gewaltige Unterschied in diesem Absatz: Nach Original in Italien und Südfrankreich evtl. 5-15 % Rückgang des Ertrags (wohl pro ha) in nicht bewässerten Flächen, in der Übersetzung einfach bis zu 15 % Rückgang ohne Hinweis darauf, dass das für nicht bewässerte Flächen gilt. Die Bewässerung nimmt aber in der Landwirtschaft stark zu und man kann dem Problem bis zu einem gewissen Grad entgegenwirken. Hängt natürlich davon ab, wie viel Wasser zur Verfügung steht und wie teuer das ist.

Fazit: Hier handelt es sich nicht um ein Interview, sondern um einen langen Artikel eines Autors. Sofern man überhaupt bemerkt, dass der Artikel von einem englischsprachigen Autor stammt, geht man davon aus, dass er ungekürzt möglichst 1:1 übersetzt wurde. Tatsächlich liegen aber erhebliche Verkürzungen vor und es wurden mit der Übersetzung ganz gravierende Fehler eingebaut. Wenn eine Übersetzung schon so aussieht, kann sich jeder denken, wie wenig man den Inhalten eines Artikels vertrauen kann, den ein Autor aus einem Interview zusammengestellt hat.



4-mal bearbeitet. Zuletzt am 22.12.12 00:51.



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