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FMI - Station Helsinki Kaisaniemi (ID 100971, WMO 02978) - Bildbericht vom 04.09.2019.
geschrieben von: Snab - Naumburg(Saale)/Sandersdorf (IP-Adresse bekannt)
Datum: 15. September 2019 01:56

Los geht's mit der Ältesten aller finnischen Stationen (zumindest wenn man den Angaben zum Startjahr der Messungen auf der FMI-Seite folgt). Sie befindet sich unmittelbar nordöstlich des Hauptbahnhofes von Helsinki im Stadtteil Kaisaniemi, der maßgeblich durch den Botanischen Garten geprägt wird. Am westlichen Rand diesen botanischen Gartens steht die dem Stadtteil gleichnamige Wetterstation, die ein gleichwertiges Messprogramm zu deutschen Hauptämtern führt. Der Windmast befindet sich auf dem Dach eines Gebäudes südlich des Botanischen Gartens, ungefähr 30m über Grund.
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Die nähere Umgebung zeichnet sich durch Baum- und Buschbewuchs in allen Himmelsrichtungen aus (das Google-Earth-Bild täuscht nicht, siehe Bilder unten). Weiter nach Westen folgt ein Schotterplatz und das Gleisvorfeld des Hauptbahnhofes, nach Süden und Osten die Beete, Gebäude und Wiesen des Botanischen Gartens. Nach Norden erreicht man nach ungefähr 200m die Bucht von Kaisaniemen, ein Binnenarm der Finnischen Ostsee:
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Historie:
Die Messreihe beginnt hier im Jahr 1844, wobei allerdings Temperaturdaten erst von 1951 an abrufbar sind. Dafür liegt in diesem Zeitraum eine lückenlos gefüllte Messreihe vor, wobei ich davon ausgehe, dass hier einige nachträgliche Lückenfüllungen vollzogen wurden. Leider lassen sich keine Details zur Historie von Standort oder Messgeräten einsehen, möglicherweise befindet sich die Station aber schon immer im Botanischen Garten, der 1812 eröffnet wurde.

Einige Eckdaten zum Klima:
Dank des maritimen Klimas der Ostsee gehört Helsinki zu den mildesten Ecken Finnlands. Bei Luftmassenadvektion aus südlichen Richtungen überqueren diese kurz vor der Stadt mindestens 50km Wasserfläche, genug um ordentlich Feuchtigkeit mitzunehmen. Wird die Luft dagegen aus nördlichen Richtungen advehiert, ist der Charakter deutlich kontinentaler. Dementsprechend welchseln sich im Winter siffig milde und knackig kalte Tage häufig ab, währenddessen die Sommer beständig unbeständig, stets aber mild bis warm sind. Dennoch merkt man hier schon, dass die Stadt auf 60°N liegt. Die Septembertemperaturen entsprechen ungefähr den Oktobertemps in Deutschland, ähnlich sieht es auch für viele andere Monate in den Übergangsjahreszeiten aus. Trotz aktuell noch! etwas längerer Tageszeiten steht die Sonne mit einem merklich flacheren Winkel über dem Horizont, was insbesondere bei mehrschichtiger Bewölkung jetzt schon zu vielen Tagen mit <50W/m² Einstrahlung zur Mittagszeit führt.
Innerhalb der Stadt zählt jeder Meter weg vom Meer, um in den durchschnittlichen Tagesgängen der Temperatur an Amplitude zu gewinnen. Die nördlichen Stadtteile sehen selbst im Hochsommer selten Nächte mit mehr als 15°C. Der Rekord für die höchste Temperatur liegt an der südlich gelegenen Station Kaisaniemi daher auch nur bei 33,2°C und fiel erst kürzlich am 28.07.2019 mit großem Abstand (dazu auch noch später). In der gesamten Messgeschichte seit 1951 gab es hier auch erst 9 heiße Tage, das entspricht dem Monatsdurchschnitt der letzten Sommer in Leipzig. Besonders frisch war es mit -34,3°C am Morgen des 10.01.1987, aber auch hier ist die Anzahl an Tagen unter -30°C an einer Hand abzählbar.

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Los geht's mit dem Weg zur Station, sie befindet sich linkerhand, rechts ist die Schotterfläche zu sehen:
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v.l.n.r: Ceilometer, Present-Weather-Sensor, Disdrometer, Lamellenhütte mit Thermo- und Hygrosensor. Wie man sieht, geht es auf dem Messfeld kuschelig zu. Und nicht nur dort, auch die nähere Umgebung wird von einer dichten Wand aus Nadelbäumen und Sträuchern gesäumt, Höhe zu Abstand ungefähr 3:1 (1:2 wäre im Sinne der WMO):
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Thermo-Hygro-Hütte im Detail, es wird ein anderer Typ als beim DWD verwendet, auch ist nur ein Sensor in der Lamellenhütte verbaut. Zum Zeitpunkt des Fotos (16:20Uhr) lagen die Messgeräte noch in der Sonne, der Boden darunter allerdings nicht mehr. Die Lufttemperatur wurde daher über abgeschattetem Boden gemessen:
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Das Schneehöhenmessgerät, etwas andere Optik als in Deutschland, das Messprinzip der Distanzmessung über Ultraschall ist aber dasselbe:
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Ceilometer und Present-Weather-Senor. Letzterer ist hier in Finnland auch für die Sichtweitenmessung verantwortlich (wird standardmäßig vom PWS mit ausgegeben), das spart ein paar tausend Euro für ein zusätzliches Gerät. Wie repräsentativ allerdings Sichtweitenbestimmungen in "Waldlichtungen" sind, ist ein anderes Thema.
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Blick von der anderen Seite aus: Der Bewuchs ist ein Problem aller Himmelsrichtungen.
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Noch ein Blick auf die gesamte Schneehöhenmessung
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Diese Perspektive gibt das Standortproblem ganz gut wieder.
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Blick zum Windmast mit Ultrasonic. Er befindet sich auf einem Hausdach ungefähr 30m über dem Boden. Im Bild finder man ihn knapp rechts der Bildmitte:
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Hitzerekord vom 28.07. im Visier:

Aus gegebenen Anlass habe ich einmal die 10-Minuten-Temperaturdaten der Umgebungsstationen mit den Messwerten von Kaisaniemi an jedem Julitag 2019 verglichen, an dem hier der neue Hitzerekord (mit Abstand) aufgestellt wurde. Mit Blick aufs Satellitenbild zeigt sich allerdings leider kein lupenreiner Strahlungstag: [meteologix.com]. Schon zum Mittag entstanden die ersten Quellwolken entlang der Seewindkonvergenz, am späteren Nachmittag brachte ein Hebungsfeld von Osten her dichtere Wolken und eine Winddrehung von anfänglich nördlichen auf südöstliche Richtungen (siehe Windrichtung im Plot). Gegen 10:45UTC konnte die nächstgelegene Radiosonde ungefähr 100km nordwestlich eine gut durchmischte Grenzschicht bis 800hPa und eine Temperatur von 15,6°C auf 1530gpm aufzeichnen. Der Abschätzung nach wären also ohne Einfluss der Wasser- und Stadtflächen eine Temperatur von 32-33°C durchaus gut denkbar.

https://abload.de/img/28_07b5kcn.png
Datenquelle: [en.ilmatieteenlaitos.fi]

Mit Blick auf die Temperaturverläufe fällt zunächst das allgemein höhere Temperaturniveau in den Morgenstunden ins Auge. Dieses ist vermutlich mikroklimatisch bedingt. Weiterhin wurden zwischen 09UTC und 12UTC die höchsten Temperaturspitzen in Kaisaniemi verzeichnet. Bei Nordwind mag das auf dem ersten Blick nicht sehr verwundern, kommt der Wind doch vom Festland und legt auf seinem Weg nach Kaisaniemi einen ganz beträchtlichen Weg durch die aufgeheizte Stadt zurück. Das gilt für die Station Kumpula am Hauptsitz des FMI tatsächlich nicht (mehr Grün stromaufwärts), dafür befinden sich dort in unmittelbarer Nähe die Universitätsgebäude und Parkplatzflächen. Später wurden an der Station, ebenso wie an der Station Malmi in der Nähe des Rollfeldes vom Flugplatz Malmi auch Temperaturen über 33°C registriert, aber halt erst 1-2h später als in Kaisaniemi. Hier machte nämlich gegen 13UTC der einsetzende Seewind (siehe Windrichtungsänderung) einen Strich durch den weiteren Ausbau des Hitzerekordes, währendessen nur 3km nordöstlich in Kumpula der Wind weiterhin von Land kam.

Kurz gesagt handelt es sich hierbei nicht um einem derart abgehobenen Rekordwert wie beispielsweise in Lingen und das Temperaturniveau war für den Tag tatsächlich zu erwarten. Dennoch kann man schon einen gewissen Hang zum Aufbau dicker Thermikblasen mit höheren Temperaturspitzen als beispielsweise an den besser durchlüfteten, aber eigentlich weniger "grün" positionierten Stationen Kumpula und Malmi erkennen. Ungefähr vom Zeitpunkt der höchsten Temperaturen existieren auch diese Stationsbilder von einem Doktoranden an der Uni: [twitter.com]

Fazit:
Sehr lange Messgeschichte, aber bescheidener Standort, um so etwas weiterzuführen. Möglicherweise steht die Station dort tatsächlich schon ewig, sodass man den Standort aus Kontinuitätsgründen beibehalten hat. Dann wären (vorausgesetzt die Bäume sind auch schon immer dort) immerhin die stationseigenen Rekordwerte repräsentativ. Für die Stadt oder auch die Region muss man die Repräsentativität dann allerdings auch schon wieder zurücknehmen, allerdings auch, weil durch die komplexe Topografie Helsinkis das Klima im Stadtgebiet zu stark variiert. Eher stört mich eigentlich die Abschattung des Messfeldes ab dem späten Nachmittag, die dann mit ein paar Stunden am Tag doch schon in den Mittelwerten Rechnung tragen kann. Vielleicht gäbe es ohne Abschattung also noch höhere Temperaturen?


P.S.: Von der Station werden auch 5cm-Temperaturen gemeldet, einen Fühler in der Höhe oder ein Messfeld habe ich allerdings komischerweise nicht gesehen... Zwinkern

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Leipziger Institut für Meteorologie (LIM):

Täglicher Wetterbericht, erstellt von Leipziger Studenten: [meteo.physgeo.uni-leipzig.de]
Aktuelle Temperatur- und Feuchteprofile über Leipzig: [home.uni-leipzig.de]
Aktuelle Wetterdaten der Station auf dem Institusgelände: [meteo.physgeo.uni-leipzig.de]
Meteorologie studieren in Leipzig: [www.uni-leipzig.de]



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 15.09.19 01:58.



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  Besten Dank, sehr ausführlich und interessant! 120 Federwolke 15.09.19 12:47
  Re: Besten Dank, sehr ausführlich und interessant! 118 Snab - Naumburg(Saale)/Sandersdorf 15.09.19 13:48


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