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DWD-Station und RZ Stuttgart (Schnarrenberg) (ID 4982), Bilder vom 26.05.2017
geschrieben von: Snab - Naumburg(Saale)/Sandersdorf (IP-Adresse bekannt)
Datum: 20. Februar 2018 17:19

Im Rahmen der StuMeTa (Studentische Meteorologen-Tagung) verschlug es mich (und ein paar andere Leipziger Studenten) über das Himmelsfahrtswochenende 2017 nach Karlsruhe. Neben dem Austausch zwischen den Meteorolgiestudenten aller Unis in D/A/CH (bei Seminaren, Vorträgen oder einem gepflegten Bier) bilden dabei auch Exkursionen einen wichtigen Bestandteil. Dort waren die Möglichkeiten, von der Bollerwagentour bis hin zur Wanderung in den Nordschwarzwald, breit gefächert, ich entschied mich für den Besuch der DWD-RZ auf dem Stuttgarter Schnarrenberg.

Über Stuttgart selbst und die topographisch schwierige Lage der Stadt muss ich hier glaube nicht viel schreiben, die sollten die Meisten kennen Zwinkern. Die Regionalzentrale befindet sich jedenfalls nördlich des Stadtzentrums im Bereich zwischen den Stadtbezirken Münster im Südosten und Zuffenhausen im Nordwesten. Zu Zuffenhausen gehört auch der Stadtteil Rot, weshalb die Station in einigen Quellen (u.a. bei Kachelmannwetter) anstatt Stuttgart (Schnarrenberg) als Stuttgart-Rot bezeichnet wird:

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Der Schnarrenberg reicht 316m ü. NN und erhebt sich in Richtung Süden und Osten rund 100m über das Neckartal. Nach Westen schließen noch höhere Gipfel an, nach Norden fällt er nur leicht ab. Geologisch lassen sich hier Keuper-Verwitterungen und Lehm- bzw. Lössablagerungen aus dem Quartär finden, die interessierte Besucher auf einem Geologie-Lehrpfad erleben können. (siehe: Wikipedia). Der Südosthang des Schnarrenberges ist auf ganzer Breite mit Weinreben bestellt, in die anderen Himmelsrichtungen wechseln sich einzelne Gebäude und viel Grün ab. Die Messwiese der Regionalzentrale auf dem Gipfel kann also bezüglich der Anströmung nach Süden hin als sehr exponiert, ansonsten eher als vegetationsbeeinflusst angenommen werden:

https://abload.de/img/map3u1pdm.jpg

Zur topographischen Einordnung soll auch wieder die Open-Topo-Map dienen, auch wenn man die Höhenlinien hier kaum erkennen kann (dünne Linien: 10 Höhenmeter, dicke Linien: 50 Höhenmeter):

https://abload.de/img/topomap4bqji.png

Zur Station und der Regionalzentrale wurden in der offiziellen Broschüre allerhand Informationen veröffentlicht. Zusammen mit den Angaben zur historischen Entwicklung der Messgrößen lassen sich folgende wichtige Punkte in der Stationsgeschichte festlegen:

Erste geordnete und klimatologisch verwertbare Messungen werden wohl mit der 1854 erfolgten Gründung des Meteorologischen Insituts im „Württembergischen Statistisch-Topographischen Bureau“ stattgefunden haben, zuvor wurden allerdings schon seit Ende des 18.Jahrhunderts im Schwäbischen Merkur Temperatur- und Luftdruckwerte veröffentlicht (über deren Messherkunft aber nichts bekannt ist). Nachdem die Landeswetterwarte 1934 aufgelöst in den Reichwetterdienst aufgenommen wurde, erfolgte der Klimadienst während der NS-Zeit am Luftamt Stuttgart. Mit dem Ende des 2.WK und der US-Besatzung wurde in der Alexanderstraße ein Wetteramt errichtet, an dem ich fortan auch den Standort der historischen Messungen vermute. Allerdings steht dies im Widerspruch zu den historischen Angaben der seit 01.11.1957 in der Klimadatenbank verfügbaren Messwerte. Hier entsprechen (die recht ungenauen) Koordinaten und Höhenangaben (mit 1m Abweichung) dem heutigen Standort auf dem Schnarrenberg, also scheint doch eine homogene Messreihe seit 1957 vorzuliegen. Vielleicht kennt sich da Jörg aus Berlin ein bisschen besser aus?
Fest steht jedenfalls, dass am 01.09.1984 der Umzug der Wetterwarte zum heutigen Standort erfolgte. Die regionale Vorhersagezentrale samt Luftfahrtberatung verließ das Gebäude zwischenzeitlich von 1999-2012 nochmals, ist aber seitdem auf den Scharrenberg zurückgekehrt.

Natürlich liefen die Messungen zunächst noch konventionell, bereits zum 01.01.1990 ersetzte aber ein SONIE den Campbell-Stokes zur Sonnenscheinmessung. Zum 01.07.1998 folgte der Einsatz des Windsensors Classic, seit dem 01.08.1998 lief ein PLUVIO als Parallelmessung zum Hellmann.
Nach Jörgs Liste wurde der Schnarrenberg bereits im März 2000 zum Vollautomaten umgewandelt. In der Messhistorie findet man aber auch hier widersprüchliche Abgaben: so wurden u.a. die Temperatur und Feuchte erst am 17.10.2006 auf die elektronische Messung mittels PT-100, bzw. HMP 45D umgerüstet. Interessant ist auch, dass nach einer offensichtlichen Automatisierung der Augenbeobachtungen der Bedeckungsgrad ein paar Jahre nicht gemeldet wurde, ebenso die Schneehöhe, die erst mit der Aufstellung des Ultraschall-Schneehöhenmessers am 02.02.2008 wieder in den Klimadateien auftaucht.

Nunja, eine belebte Messgeschichte mit einer frühen Automatisierung, letzte Änderung ist die Einführung des Wäge-Rain[E] von Lambrecht Meteo zum 18.10.2017, also leider erst nach meinem Besuch. Nach Stilllegung der Station Stuttgart-Neckartal im Mai 2013 sind der Schnarrenberg und die Flughafenstation Echterdingen (im Süden der Stadt) die einzigen beiden Stuttgarter Stationen, die das volle Klimapaket liefern. In Weilimdorf befindet sich allerdings noch eine Niederschlagsstation.

Neben der AWST beheimatet die Niederlassung Stuttgart heute noch die Regionale Wetterberatung, die regionale Messnetzgruppe und einen Bereich für die Messtechnik, die Luftfahrtberatung ging 2011 an München und Frankfurt über. Zudem steht auf dem Schnarrenberg eine der 9 deutschen Radiosondenstationen (WMO 10739), die 12-stündig Vertikalprofile der Atmosphäre liefert. Die Anlage arbeitet dabei seit mindestens 10 Jahren vollautomatisch und (wenn der Deckel nicht klemmt) auch zuverlässig.

Auf dem Schnarrenberg liegt die Temperatur im langfristigen Mittel 1961-1990 bei milden 9,5°C und ist im Mittel 1981-2010 auf 10,3°C angestiegen. Währenddessen fielen 1961-90 663,6mm Niederschlag pro Jahr, hier waren es 1981-2010 mit 674,0mm ebenfalls etwas mehr (Quelle: DWD). Alle Extremwerte(beeindruckend unter anderem die Spitzenböe und die höchste Schneehöhe) findet man in der Extremwertafel von SKlima:

https://abload.de/img/extremwerttafelcfrux.png

Nun aber zu den Bildern, leider hatte ich nur das Handy dabei, deswegen müssen diesmal leider ein paar Qualitätseinbußen hingenommen werden:

Baracke der Niederlassung Stuttgart
https://abload.de/img/20170526_124942-6gypgp.jpg

LAM und Erdbodenmessfeld im Vordergrund, Windmast mit Windmesser Classic (auf 12,9m) für SYNOP und Ultrasonic (etwas darunter) für Radiosondenmessung:
https://abload.de/img/20170526_125609-10surmd.jpg

Stationsweg mit Hellmann, PLUVIO, Present Weather Sensor, Niederschlagsregistrierung und Sichtweitenmessgerät:
https://abload.de/img/20170526_124855-3iyrnf.jpg

Von der anderen Seite, hinter dem Hellmann stehen noch das Ceilometer und der SHM zur Schneehöhenmessung:
https://abload.de/img/20170526_125200-74prqh.jpg

Nochmal eine Aufnahme von LAM und Erdbodenmessfeld:
https://abload.de/img/20170526_125422-9pcq9p.jpg

Strahlungspodest mit SONIE, Pyranometer (Globalstrahlung) und schattiertem Pyranometer (diffuse Himmelsstrahlung):
https://abload.de/img/20170526_124904-4ipovl.jpg

automatische Radiosondenstation:
https://abload.de/img/20170526_124909-5u3o4d.jpg

Zusätzliche Temperatur- und Feuchtemessung als Boden- oder Vergleichswerte für den Radiosondenaufstieg:
https://abload.de/img/20170526_125409-85iotv.jpg

Und dann kam das Tageshighlight, der Radiosondenaufstieg. Pünktlich um 12:45 also 10:45UTC gab es ein Zischen, dann ein Klappern und schwupps ging die Klappe auf und der Ballon flog heraus, Wahnsinn! Grinsen
Ich habe mal den Aufstieg rechts dazu gepackt: Wir hatten ja eine sehr stark hochdruckdominante Hochsommerlage mit noch vergleichsweise humanen 22,3°C um 11UTC am Boden. Interessant ist da natürlich die Diskrepanz zu den Bodenwerten im Radiosondenaufstieg, der in der untersten Luftschicht eine schöne Überadiabate mit 26,8°C am Boden zeigt. Man kann jetzt darüber denken was man möchte, jedenfalls schaut die mittlere Troposphäre oberhalb der Absinkinversion in 800hPa schon recht labil, eine zweite neutrale Schicht deckelte aber auch noch bei 450hPa. Dennoch bot der TEMP natürlich einen ersten Vorgeschmack auf die Gewitterlage, die dann (mit noch viel höheren Bodenwerten) ab dem 28.Mai sowohl im Südwesten als auch in Leipzig teils schöne Zellen brachte.

https://abload.de/img/sondenaufstiegaypx2.png
Quelle: [weather.uwyo.edu]

Fazit:
Ein geplegtes Wetteramt (das Personal hat es auch nicht so weit) mit sehr früh automatisierter Station und ein paar Ungereimtheiten zwischen den historischen Quellen. Wir hatten wie an allen Tagen der StuMeTa 2017 natürlich sensationelles (und fast schon zu warmes) Wetter und ich war ehrlich gesagt auch etwas froh, dass die DWD-Vorträge im klimatisierten Seminarraum stattfanden Zwinkern An Radiosondenstationen gibt es in Deutschland ja leider viel zu wenige, man wäre mit einem dichteren Sondennetz nicht nur in der Kurzfrist- und Nowcastprognose zu Gewitterlagen einen ganzen Schritt weiter. Der Einblick in die Niederlassung Stuttgart samt Führung über das Messfeld scheint dort häufiger (insbesondere für Schüler) angeboten zu werden.

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Leipziger Institut für Meteorologie (LIM):

Täglicher Wetterbericht, erstellt von Leipziger Studenten: [meteo.physgeo.uni-leipzig.de]
Aktuelle Wetterdaten der Station auf dem Institusgelände: [meteo.physgeo.uni-leipzig.de]
Meteorologie studieren in Leipzig: [www.uni-leipzig.de]



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  DWD-Station und RZ Stuttgart (Schnarrenberg) (ID 4982), Bilder vom 26.05.2017 723 Snab - Naumburg(Saale)/Sandersdorf 20.02.18 17:19
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  Zur Historie ab 1792 235 Jörg, Berlin-Malchow (53 m) 21.02.18 18:52
  Re: Zur Historie ab 1792 161 Jürgen (Holzminden, 93 m) 21.02.18 20:12
  Ergänzung zu meinen Ausführungen (lt. DWD-Inhomogenitätendatei) 196 Jörg, Berlin-Malchow (53 m) 21.02.18 23:52
  Vielen Dank für die Ergänzungen! 195 Snab - Naumburg(Saale)/Sandersdorf 22.02.18 15:18
  Schmunzeln Ups. Danke. (oT) 81 Jürgen (Holzminden, 93 m) 06.04.18 17:55


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