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Schwerer Sturm über der Ostsee am 27. Aug 1989
geschrieben von: Martin aus Kiel (IP-Adresse bekannt)
Datum: 29. August 2017 09:25

Wie kam es zum August-Orkan am 27. August 1989?

Hallo zusammen,

gestern fiel mir ein Zeitungsausschnitt in die Hände, der über die Entstehung
des o.a. Orkans berichtet. Leider habe ich die Quelle dieses Berichtes nicht
auf die kopierten Seiten geschrieben. Dennoch möchte ich Euch den Bericht nicht vorenthalten.

Ein kleinräumiges flaches Tief schien anfangs wenig entwicklungsfähig. Es sollte laut 24-Std.-Vorhersage für Montag um 12 Uhr UTC, das hieß um 14 Uhr MESZ mit einem Luftdruck von zirka 1007hPa im Raum Frankfurt liegen. Diese Annahme wurde von der numerisch erstellten Prognose unterstützt, die eine über Hessen verlaufende Zugbahn Richtung Osten errechnet hatte.

Diese numerische Vorhersage basiert auf einem Zirkulationsmodell, das den Raum
in ein Gitternetz mit einer Maschenweite von 120 mal 120 Kilometern einteilt.
Die physikalischen Entwicklungen in der Atmosphäre werden anhand von mathematischen Differenzialgleichungen beschrieben und auf die Zukunft hochgerechnet. Wie bei jeder Differenzialrechnung müssen allerdings auch hier die Extremwerte geglättet werden. Wie kam es aber nun zu eklatanten Unterschieden zwischen Computerprognose und der Wirklichkeit?

Hilger Erdmann (Seewetteramt HH) erläuterte den meteorologisch äußerst komplexen Vorgang wie folgt:

"Aufmerksamen Lesern der Wetterkarte des DWD wird nicht entgangen sein, dass in der vergangenen Woche der Hurrikan "Erin" relativ weit östlich auf dem zentralen Nordatlantik langsam NNE-wärts zog. Er führte Tropikluft mit sich. Am 26. Aug. wurde dieser Hurrikan in die SW-liche Höhenströmung eines umfangreichen Höhentiefs über Ostkanada einbezogen und bewegte sich mit zunehmender Geschwindigkeit nach NE in Richtung Island. Seine Warmluft wölbte den Höhenkeil westlich der britischen Inseln nordwärts auf: So meldetet Reykjavik am 26. Aug. um 12 UTC in 500hPa -18°C in einer Höhe der 500hPa-Druckfläche von 5640 gpm, während hier bereits 12 Std. später -15°C auf gleichem Druckniveau bei um 60gpm angestiegener Höhe gemessen wurden. Nochmals um 2 Grad stieg die Temperatur bis zum 27. Aug. um 12 UTC an und hob die 500hPa-Druckfläche auf 6800gpm. Stromabwärts bedeutete diese Druckflächenaufwölbung ein Rechtsdrehen der Höhenströmung, sodass über den britischen Inseln der NW-Wind gegen N drehte und aufgrund des wachsenden Druckflächenunterschiedes zwischen der tiefliegenden 500hPa-Druckfläche in der Kaltluft über Mitteleuropa und der durch die Warmluftzufuhr aufgewölbten 500hPa- Druckfläche im Westen Windzunahme erfolgte".

Soweit H. Erdmann.

Die nach Einschätzung Erdmanns atypische Entwicklung der Zyklone ist wahrlich
nur von Experten nachvollziehbar. Für den Laien klingt das wie eine simple
Schuldzuweisung an den bösen Hurrikan "Erin". Wer kein Fachmann auf diesem
Gebiet ist, sollte allerdings mit seinen Verunglimpfungen der Wetterfrösche
vorsichtig sein. Es sei denn, er hat die folgende sogenannte induzierte Zyklonese von vornherein kommen sehen.

H. Erdmann dazu:

"Aufgrund dieser von "Erin" erzeugten Aufwölbung der 500hPa-Druckfläche über dem zentralen Nordatlantik floss nun zunehmend hochreichende polare Kaltluft aus dem Nordmeer über die Nordsee und die britischen Inseln nach S und erzeugte eine Absenkung der 500hPa-Druckfläche um fast 100gpm über Ostengland und Benelux.

Der hier liegende Höhentrog intensivierte sich also. Einhergehend damit dehnte
sich die Höhenströmung vor allem über dem nördlichen Bundesgebiet aus:


So meldete die Radiosondenstation Schleswig am 26. Aug. 12 UTC noch WNW-Wind
24 Std. später S-Wind auf diesem Niveau. Diese markante Änderung der Höhenzirkulation wurde für den weiteren Lebensweg der am 26. Aug. 12 UTC, noch über Mittelengland liegenden Bodenzyklone entscheidend: Zunächst zog das Tief zwar zur Rheinmündung, umrundete dort aber den sich verschärfenden Höhentrog und gelangte zunehmend auf die Vorderseite des Troges in die hier rückdrehende Höhenstömung."

Soweit H. Erdmann.

Zu diesem Zeitpunkt wurde der Wettercomputer eines Besseren belehrt. Weder die
errechnete Zugbahn noch der erwartete Kerndruck würden eintreten. Er sank bis
auf 994hPa ab. Meteorologisch betrachtet ging das laut H. Erdmann wie folgt vor:

"Dieses Rückdrehen bewirkte, dass vor allem in den unteren Schichten der
Troposphäre Warmluft aus Mittelfrankreich und Südwestdeutschland zunehmend nach Norden in Bewegung gesetzt wurde. Diese Warmluft war subtropischen Ursprungs und beinhaltete hohe Wasserdampfraten. So war die Luft in den unteren und mittleren Troposphärenschichten nahezu gesättigt, was sich an den hohen Taupunkten und Bewölkungsanteilen in diesem Raum zeigte. Im Laufe des 27. Aug. erreichte die feuchtwarme Luft dann Niedersachsen. Mit gleichzeitiger, über Norddeutschland wachsender zyklonaler Rotation der Luftteilchen wurde die Warmluft intensiv gehoben und erzeugte ein breites Niederschlagsfeld, das sich im Laufe des Tages intensivierte. Damit war die weitere Entwicklung des Bodentiefs geklärt: Es musste eine nördlichere Zugbahn als prognostiziert annehmen und sich an der sich verstärkenden Trogvorderseite vertiefen."

Soweit H. Erdmann.

Dieser Schlenker nach NNW drückte die Isobaren immer enger zusammen, wodurch
dann dieser schwere Sturm, mit Spitzten am Kieler Leuchtturm von 66kn, 12Bft.
entstand. Vorausschauend sei das aber nicht zu erkennen gewesen, hieß es aus dem Seewetteramt Hamburg.

Soweit Auszüge aus dem mir vorliegenden Artikel ohne Quellangabe. Er verdeut-
licht auf meist verständliche Weise, wie es zu solchen Sturmereignissen auch im Sommer kommen kann.



Martin aus Kiel (am 25. Mai 2000 erstmals veröffentlicht im WZ-Forum)

Gruß aus Schleswig-Holsteins Landeshauptstadt Kiel

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Koordinaten meiner Station im Süden Kiels:

54° 18´ 14.0´´ N
10° 04´ 03.0´´ E

Höhe: 19m

Böenmaximum seit 01.01.1953: 148,3 km/h am 13.01.1993
Maximum des Mittelwindes seit 01.01.1953: 53,3 km/h am 16.02.1962

Temp-Max seit 1940: am 07.08.2018: 35,1 °C
Temp-Min seit 1940: am 13.02.1940: -24,8 °C

Maximale 24-stündige Regenmenge seit 1940: am 27.08.1989: 104,2 mm

Maximale Sonnenscheindauer seit 1940: am 16.06.1957 17,0 Std
Maximale monatliche Sonnenscheindauer im Mai 2018: 374 Stunden

Maximum des 24-stündigen mittleren Luftdrucks seit 1940: am 23.12.1962: 1049,8 hPa
Minimum des 24-stündigen mittleren Luftdrucks seit 1940: am 06.12.1940: 962,7 hPa



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