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Vergleich der Sommertemperatur Hamburg vs. Gebietsmitel ab 1936
geschrieben von: Jürgen (Holzminden, 90m) (IP-Adresse bekannt)
Datum: 09. Juli 2017 16:24

Anlässlich immer wiederkehrender Diskussionen über die unterschiedliche Qualität des Sommers 2015 in Nord und Süd habe ich mir mal die Zeitreihe der Station HH-Fuhlsbüttel vorgenommen und aus den Monatsmitteltemperaturen (Quelle: DWD WebWerdis) die Sommermitteltemperaturen errechnet und mit denen des deutschen Gebietsmittels verglichen.

Ursprünglich wollte ich die Abweichungen vom gängigen Klimamittel der Jahre 1961-1990 darstellen, habe dann aber festgestellt, dass dies gar nicht nötig ist, denn die mittlere Sommertemperatur dieser 30-Jahres-Klimaperiode beträgt in beiden Fällen, also sowohl am Standort HH-Fuhlsbüttel als auch im deutschen Gebietsmittel, bei der in der Klimatologie üblichen Verwendung von Zehntelgradrundungen
16,3 °C. (Unterstellt man eine allerdings kaum hinreichend belegte Datengenauigkeit und arbeitet mit Hundertsteln, ergibt sich für Hamburg sogar ein minimal höherer Wert von 16,30 °C gegenüber 16,27 °C im Gebietsmittel).

Dies führt uns direkt zur ersten Erkenntnis: Die Sommer in Hamburg, gemeinhin Synonym für "Schietwetter" sind also zumindest in dieser Bezugsperiode nicht wie wohl recht verbreitet angenommen unterdurchschnittlich warm im Vergleich, sondern entsprechen dem klimatologischen Mittel des Bundesgebietes (zu dem natürlich auch die höher gelegenen Mittelgebirgs- und Gebirgsregionen zählen, so dass ein Tieflandvergleich natürlich ein Stück anders ausfallen dürfte).

Die weiteren Erkenntnisse ergeben sich aus dem nachfolgenden Diagramm, vorausgeschickt seien aber noch folgende Hinweise:

- Die Hamburger Reihe konnte ich nicht bis in alle Tiefen auf mögliche Inhomogenitäten und nachträglich gestopfte Lücken prüfen. Dennoch erscheinen nennenswerte Inhomogenitäten unwahrscheinlich angesichts nur einer im interesanten Zeitraum ab 1947 erfolgten Verlegung
im Jahr 1975 und auch die potenziellen Lücken dürften sich wohl hauptsächlich auf die späten
Kriegsjahre beschränken. Jörg wird dazu sicher mehr sagen können, die Sommermitteltemperatur dürfte aber kaum tangiert sein.

- Digitalisierte Monatsmittelwert-Daten liegen für die Messreihe Fuhlsbüttel ab 1936 vor. Daher bleibt der Untersuchungszeitraum auf die vergangenen 81 Jahre beschränkt

- Über die ohnehin weitgehend subjektiv empfundene "Qualität" der Sommer kann und soll keine Aussage getroffen werden, ebenso wenig wurden die für die meisten Menschen eher relevanten Maximumwerte untersucht oder die Anzahl met. Sommer- und Hitzetage, sondern nur die Jahreszeitenmitteltemperatur, und da steht die Frage im Vordergrund, wie sich diese speziell in
den bundesweit als sehr warmen bzw. sogar von manchen als "Hitzesommer" eingestuften Vertretern im Vergleich zwischen dem "echten Norden" am Beispiel Hamburgs (wo der Seewindeffekt anders als an Küstenstationen nur reduziert zum Tragen kommt) und dem Gebietsmittel darstellen.


Meine Vermutung war, dass der Standort Hamburg bei den im Spitzenfeld vertretenen Sommern deutlich zurückbleibt (aus 2003 ist ja diese Ungleichverteilung weitgehend bekannt) und der "Ausgleich" quasi über solche Vertreter wie 2014 mit der Ausnahmewetterlage im Juli sowie über die kühlen Sommer erfolgt, bei denen das maritime Klima Hamburgs sogar thermisch bevorzugt sein kann.


Und dies ist das Ergebnis:

http://www.wzforum.de/forum2/file.php?0,file=44724


Zu meinem Erstaunen ist der Unterschied bei der Mehrzahl der wärmsten Sommer zwischen kühlerem Norden und dem Gebietsmittel eher gering ausgeprägt oder teils gar nicht vorhanden, in einigen Fällen übertrumpft Hamburg sogar das Gebietsmittel.

Blicken wir nun auf die zehn wärmsten Gebietsmittel-Sommer des Vergleichszeitraums ab 1936 (die Top 8 besteht nur aus Vertretern ab 1947, während der 9. Platz im D-Mittel mit Daten ab 1881 an das Jahr 1911 geht, das ich herausnahmen musste), also der vergangenen 81 Sommer:

1. 2003: In beiden Fällen der wärmste Sommer, wobei Hamburg deutlich um 0,85 K unter dem D-Mittel blieb
2. 1947: In Hamburg 0,52 K kühler als im Gebietsmittel, in HH nur Rang 9
3. 1994: In Hamburg identisch mit dem D-Mittel, in HH trotzdem nur Rang 5
3. 2015: In Hamburg um 1,2 K signifikant kühler als im D-Mittel, in HH lediglich Rang 24
5. 1992: In Hamburg um 0,3 K wärmer als im D-Mittel und daher in HH Rang 2, der Abstand zu 2003 beträgt lediglich 0,13 K
6. 1983: In Hamburg identisch mit dem D-Mittel, in HH ebenfalls Rang 6
7. 2006: In Hamburg 0,47 K wärmer als im D-Mittel, in HH Rang 3, nur 0,24 K kühler als 2003
8. 2002: In Hamburg 0,13 K wärmer als im D-Mittel, in HH ebenfalls Rang 8
9. 2010: In Hamburg 0,23 K wärmer als im D-Mittel, in HH Rang 10
10. 2016: In Hamburg 0,22 K kühler als im D-Mittel, in HH Rang 17


In acht Fällen gibt es also eine Schnittmenge bei den zehn lokal und bundesweit wärmsten Sommern, während es in zwei Jahren unterschiedliche Vertreter in den beiden Top 10 gibt:
In Hamburg belegt der Sommer 1997 sogar Rang 4, während dieser im D-Mittel nur auf Rang 14 landet und 1995 kommt in HH auf Rang 7 und im D-Mittel nur auf Platz 16. Diese beiden
Vertreter waren in Hamburg deutlich wärmer als im D-Mittel (0,82 K bzw. 0,67 K!).

Natürlich entscheiden manchmal nur sehr geringe Unterschiede über mehrere Plätze in den beiden Rankings, dennoch kann folgendes Fazit gezogen werden:

Gab es im D-Mittel einen sehr warmen Sommer, also einen "Peak", so ist dieser in den meisten Fällen auch in Hamburg vorhanden. Im Jahr 2003 deutlich schwächer, aber dennoch ein klarer Peak auch in Hamburg, 1947 ebenfalls ein Stück schwächer, aber auch hier gilt: Peak in HH klar erkennbar.

Die beiden Ausnahmen betreffen nun ausgerechnet die beiden vergangenen Sommer, 2016 natürlich nur mit Abstrichen bei nur 0,22 K Differenz (außerdem im D-Mittel kein Peak, sondern optisch aufgrund des wärmeren Vorgängers nicht hevorstechend), aber 2015, also jenes Jahr, um das es immer wieder geht bei den Sommerdebatten, blieb markant kühler als im Gebietsmittel und damit entsprechend noch markanter unter dem heißen Süden.
Nimmt man nun die aktuelle Zwischenbilanz des Sommers 2017 hinzu, bei der das Hamburger Mittel nach 38 Tagen 16,6 °C beträgt und damit erneut wie schon vor zwei Jahren markant unter dem D-Mittel liegt (aktuell gerundet sogar 1,3 K), dann ist klar belegt, dass der subjektive Eindruck, dass zumindest Teile des Nordens in den letzten drei Jahren im Sommer deutlich abgekoppelt hinter der bundesweiten Temperaturbilanz zurückblieben (2016 weniger, 2015 und 2017 bisher deutlich mehr). Nicht mehr und nicht weniger.
Dies ist natürlich aufgrund der Kürze der Zeit alles andere als ein klimatologischer Trend, zeigt aber dennoch, dass der Süden (und mit Abstrichen in Richtung Norden die Mitte) von der jüngsten Sommererwärmung und damit ganz anders als in den 1990er-Jahren (!) deutlich mehr profitiert oder - je nach Gusto - mehr unter dieser zu leiden hat.

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"Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch." (Hölderlin)
"Was nützt mir mein Problem? - Die ehrliche Antwort darauf ist immer ein guter Anfang." (Tatort "Hundstage", WDR 31.01.2016)

Wetterstation: Davis Vantage Pro2 aktiv, Standort: Holzminden-Stadt seit 26.12.2014
Extremwerte: Tmax 37,7 °C 04.07.2015; Tmin -10,0 °C 06.01.2017;
RR24h 55,0 mm 24.07.2017; max. GSH 4 cm 21.01.2016
Stationsrohdaten: Wetterstation Holzminden-Stadt (93 m)

Wesersollingwetter-Blog: [wesersollingwetter.wordpress.com]



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 09.07.17 16:37.



Thema Klicks geschrieben von Datum/Zeit
  Vergleich der Sommertemperatur Hamburg vs. Gebietsmitel ab 1936 978 Jürgen (Holzminden, 90m) 09.07.17 16:24
  Re: Vergleich der Sommertemperatur Hamburg vs. Gebietsmitel ab 1936 404 BastiHH 09.07.17 20:47
  Ja, ich dachte bei 1997 (und auch 1995) zunächst, dass da was evtl. nicht stimmt, da jeweils auch wärmer als bei mir. Passt aber. :-) (oT) 314 Jürgen (Holzminden, 90m) 09.07.17 22:08
  Re: Vergleich der Sommertemperatur Hamburg vs. Gebietsmitel ab 1936 352 Sigward 21.08.17 16:11
  Top! 340 HelgeK 11.07.17 06:55
  Man bedenke, dass Deutschland im Mittel ca. 250 Meter hoch liegt! Bedeutet beim vertikalen Durchschnittsgradienten (0,65 K/hm) für Hamburg ca. 1,5 Grad zu kalte Temperatur (oT) 328 Jörg, Berlin-Malchow (53 m) 12.07.17 17:17
  Wurde doch erstens erwähnt 344 Jürgen (Holzminden, 90m) 13.07.17 00:23
  Nein, aber es relativiert Helges Verwunderung... 363 Jörg, Berlin-Malchow (53 m) 13.07.17 00:54
  wobei es ein bisschen unglücklich ist es, die Temperatur als Maß für die Qualität des Sommers zu nehmen,... 324 Olaf aus Bauersdorf, Kreis Plön, 60m 29.07.17 10:32
  Genau das nimmt diese Untersuchung ja auch ausdrücklich nicht in Anspruch 312 Jürgen (Holzminden, 90m) 01.08.17 21:07
  Schöne Aufstellung..... 289 fabile 19.08.17 14:52


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