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Die Kraniche ziehen aber wir müssen bleiben
geschrieben von: Sigward (IP-Adresse bekannt)
Datum: 01. November 2017 16:49

moin

Sie denken halt weiter, weit über die 10- Tagesgrenze hinaus, doch wer an mögliche Modellspekulationen über diesen Zeitrahmen hinaus glaubt, vielleicht deshalb, weil in dieser dunklen Zeit vielfach ein merkwürdiger vorweihnachtlicher Wunsch nach weißer Pracht und Eisblumen an Fenstern erfüllt werden könnte, ja, dem soll gemäß J.K. gefälligst die Martinsgans im Halse steckenbleiben.Wir hingegen, sofern wir nicht mit den Lufthansakranichen in warme sonnige Länder flüchten, müssen wohl oder übel mit den heimischen alsbald Adventslieder trällernden Singvögeln ausharren.

Der November, eigentlich typisch für den Monat mit dem zweitgrößten Jahresanteil des GWT W beginnt nahezu standesgemäß gleichwohl antizyklonal: Eine vom Atlantik und Westeuropa bis in den westlichen Mittelmeerraum und bis Südosteuropa reichende schwache Hochdruckzone ausgehend vom derzeit noch westwärts abgedrängten Azorenhoch durch einen cut off zwischen Azoren und Portugal so wie drei kräftige zyklonale Zentren über der Davisstraße, Norwegische See und Nordrußland. Kälteste Luft mA über der nördlichen Davisstraße und Grönlandsee, die wärmste Luft cS über dem westlichen Mittelmeer und immerhin xPs über Zentraleuropa. Am Donnerstag streift nach Passage eines Tiefs über Südschweden ein schwacher Trog mit Niederschlägen den Norden Deutschlands.

Doch kleine Ursache, große Wirkung : Am Freitag nähert sich besagter cut off Portugal und stützt schließlich mit einem vorderseitigen Warmluftvorstoß vorübergehend den Hochdruckrücken über Zentraleuropa, zum Wochenende wird er jedoch in den weit südwärts ausgreifendem Trogvorstoß eines Tiefs über dem Nordmeer eingegliedert, verläßt diesen zunächst als isoliertes System über Golf von Genua , wird nachfolgend erneut vom Trog eingefangen um schließlich als persistenter cut off über dem immer noch relativ warmen westlichen Mittelmeeraum sein niederschlagsreiches Unwesen zu treiben.

Inzwischen geht es gegen Wochenbeginn über dem Nordatlantik kräftig zur Sache : Im üblicherweise linken Auszug eines Frontalzonenjets hat sich nahe der Dänemarkstraße zwischen Island und Grönland ein Orkantief entwickelt während das Azorenhoch, welches inzwischen wieder seinen Erbhof eingenommen hat , einen Keil via Mitteleuropa vorschiebt. Schließlich entsteht eine kurzlebige Verbindung mit einer Antizyklone über Rußland die jedoch durch einen trogartigen Vorstoß polarer Meeresluft rasch wieder zerstört wird. Eingebettet in diesen Trog erkennt man zur Wochenmitte nördlich Schottland noch die sterblichen Reste des oben erwähnten Orkantiefs welches infolge senkrechter Achsenlage und eingebetter im eigenen Saft sein Leben ausgehaucht hat. Zu Beginn der zweiten Wochenhälfte erreicht der trogartige Vorstoß maritimer Polarluft mP Westeuropa und das westliche Mittelmeer, besonders über der Lombardei und der Schweiz werden z.T. unwetterartige Niederschläge erwartet.

Schließlich bekommt unser Trog gegen Wochenende kräftige Unterstützung durch einen weiteren kräftigen polaren Kaltluftvorstoß so daß der europäisch – atlantische Raum gegen Mittelfristende von drei äußerst unterschiedlichen Systemen bezüglich Geopotential und Temperatur beherrscht wird: Ein breiter West- und Zentraleuropa so wie den gesamten westlichen Mittelmeerraum bis Sizilien umfassender Trog, ein Azorenhoch auf hochsommerlichem Nivau mit 588 gpdm im Niveau 500 hPa mit minus 10°C, und ein kräftiges Rußlandhoch.

EZ 00 z zunächst ähnlich jedoch wächst hier ab Beginn kommender Woche der kleinere cut off über dem westlichen Mittelmeeraum mit einem umfangreichen zyklonalen System über der Biskaya,Westfrankreich und Nordspanien zusammen, während das Azorenhoch einen Brückenschlag mit einem Hoch über Skandinavien versucht. Diese Brücke wandert langsam Südwärts während gegen Mittelfristende an der Ostflanke des Biskayatiefs subtropische Warmluft nach West- und Zentraleuropa gelangt.

Doch Vorsicht, der Rubikon diesseits einer mittelfristigen 10 Tage- Grenze besonders für das böse GFS ist damit längst erreicht , somit wächst auch die Gefahr einer Kachelmann`schen "palabrota de mierda" mit einem duktus landwirtschaftlichen Charakters.

Ach, und das Martinisömmerchen ? Im Volksglauben und Singularitätenkalender unserer Klimatologen unumstößlich fest verankert. Erinnern wir uns jdedoch an die eigentliche Übersetzung von Singularität also mit „ vereinzelte Erscheinung, Besonderheit“. Aber vielleicht ist ja im neuen Lauf von GFS alles anders, besser und schöner. Aach, oder halt auch vice versa.

Gruß Sigward



Thema Klicks geschrieben von Datum/Zeit
  Die Kraniche ziehen aber wir müssen bleiben 2590 Sigward 01.11.17 16:49
  Re: Die Kraniche ziehen aber wir müssen bleiben 906 FabianL 01.11.17 19:44
  Chapeau... 853 Hanstedter 21271 01.11.17 22:00
  Vielen Dank für den synoptisch-poetischen Hochgenuß! 544 Kaltlufttropfen (80 km sö v Berlin) 03.11.17 00:07
  Danke, Sigward, für Deine klasse GWL-Schau u. "KT" einen schönen, konvektiv geprägten Urlaub in Italy :-) (oT) 397 Ralf aus Teltow (südlich v. Berlin-Ze 03.11.17 01:24
  Schmunzeln Hach wie schön. Eine Freude, es zu lesen. Einfach nur: Klasse! (oT) 470 Schneefee 03.11.17 07:55


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