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Im Norden auch weiterhin nur Kartoffelsuppe ?
geschrieben von: Sigward (IP-Adresse bekannt)
Datum: 23. Juli 2017 16:06

moin

Vielleicht gar ohne Frankfurter Würstchen ? Doch nur kein Neid, auch im Süden kann der sprachliche Ausdruck einer Urteilsfindung bezüglich meteorologischer Speisefolgen durchaus schon mal landwirschaflichen Charakter annehmen. Nun, nachdem der unschöne Begriff „Schaukelsommer“ auf dringende Bitte unserer Zirkus - und Schaustellervereinigung vermutlich aus Konkurrenzgründen auf heimischen Wetterwiesen zum Unwort des Jahres erkoren wurde, wollen wir uns auf den meteorologischen Jahrmärkten lediglich auf einen Karussellbetrieb beschränken obleich hier aus Gründen der Fliehkraft schon manch unangeschnallter Gast zum Entsetzen aller Besucher zu Schaden gekommen ist. Hoffen wir nun , dass uns anläßlich synoptischer Wahrheitsfindung ein ähnliches Schleudertrauma erspart bleibt.

Mit der zonalen Zirkulation ist es eigentlich ganz einfach : Der Süden hui, der Norden pfui, irgendwo im Mittelgebigsraum verläuft dann eine Frontalzone zwischen gut und böse, zwischen Subtropikluft und maritimer Polarluft unter mehr oder weniger leichten Schwankungen, eigentlich das nicht ganz untypische deutsche Sommerszenario. Doch bisweilen gerät, wie am Wochenende geschehen, unser oben angedeutete Karussellbetrieb völlig aus den Fugen : Aus einem alten atlantischen Trog entwickelt sich am Sonntag über GB ein so genannter cutoff welcher nach Aufbau eines schwachen bis in die russische Arktis reichenden Azorenhochkeils nach Mitteleuropa wandert. An seiner Vorderseite gelangt zunächst Subtropikluft aus dem Mittelmeerraum über die Balkanhalbinsel bis in das östliche Zentraleuropa und führt in Deutschland je nach Position der Warmluftzunge besonders im Norden zu massiven Aufgleitprozessen mit sehr unsterschiedlichen Niederschlagsmengen die auch mit Abwanderung des inzwischen komplexen Tiefdrucksystem ins östliche Polen bis zur Wochenmitte unvermindert anhalten. Besonders im Westen und dem Rhein-Maingebiet können die Starkniederschläge am Dienstag bei ausreichenden Labiliätsindices auch konvektiv mit Gewitterbildung durchsetzt sein; im Alpenstau ein zusätzlicher Niederschlagsschwerpunkt.

Mit Beginn der zweiten Wochenhälfte scheint sich die Atmosphäre endlich wieder an ihre alten zonalen Tugenden zu erinnern : Eingeleitet wird das Prozedere bei GFS 06 z durch ein komplexes zonal orientiertes Tiefdrucksystem zwischen dem Seegebiet nordwestlich Schottland und dem Südausgang der Davisstraße zusammen mit dem Vorstoß eines Azorenhochkeils via West- und Zentraleuropa. Mit Verkürzung der Achsenlage des komplexen Systems bei zyklonaler Drehung zusammen und Einbezug eines Randtiefs wird an der Südostflanke des alsbald zum Zentraltief mutierenden Atlantiktiefs zusammen mit dem Vorstoß des sehr warmen Azorenhochrückens ab Freitag die Advektion von Subtropikluft mS oder xT nach Mitteleuropa eingleitet. Bereits zum Sonntag schwächt sich jedoch das Bodenhoch in der Heißluft ab während der mitteltroposphärische Rücken langsam ostwärts wandert. Damit kann bereits zum Montag der Folgewoche ein schwacher Trog mit Advektion kühlerer mSp nach Gewitterbidlung Deutschland überqueren.

Zu Beginn der neuen Woche kommt es an der Südflanke des Atlantiktrogs im linken Auszug eines Frontalzonenjets im Nivau 300 hPa zu einer kräftigen Randtiefentwicklung südwestlich Irlands. Damit vestärkt sich im Rahmen einer GWL SWA erneut die Advektion von Subtropik – bezw. Tropikluft aus Südwesteuropa die just zum Mittelfristende ihren Höhepunkt erreichen dürfte, anschaulich gestützt durch einen Hochdruckrücken im Niveau 500 hPa mit einem Geopotential von fast 590 gpdm mit Temperaturen bei minus 10 °C oder wärmer.

Bei EZ 00 z bis Wochenmitte eine ähnliche Entwicklung. Gleichzeitig wird, ähnlich wie bei GFS eine zonale vom Südausgang der Davisstraße bis in das Seegebiet südwestlich Irlands orientierte Tiefdruckachse angenommen. Bei weiterer Drehung und Verkürzung der Trogachse und weiterer Aufwölbung zu einem komplexen atlantischen Zentraltief erfolgt zum Sonntag ein erster Vorstoß von Subtropikluft der nach Passage eines schwachen Randtrogs wieder von kühlerer mSp ersetzt wird. Danach folgt an der Ostflanke eines Trogs über dem Europäischen Nordmeer mit einem langgestreckten Ausläufer bis in das Seegebiet westlich der Azoren im Rahmen einer GWL SWA ein erneuter Vorstoß des Subtropenhochs zusammen mit einem mächtigen Vorstoß kontinentaler Tropikluft xT oder gar cT nach Mitteleuropa gegen Ende der Mittelfrist. Dies bestätigt erneut die Beobachtung dass größere Temperturanomalien (wir wissen natürlich noch nicht ob es eine größere wird) gern mit einem Vorläufer beginnen.

Und so wie es aussieht könnte nun auch der Norden bei einer GWL SWA von einem geschmacklich weitaus günstigeren Speiseangebot als Kartoffelsuppeneintopf profitieren, vielleicht nun lecker gebratene Nordseescholle mit Kartoffelsalat ? Ob ihnen danach auch noch ein Nachtisch serviert wird ist natürlich völlig ungewiss. Es ist ja noch nicht einmal sicher ob gemäß künftiger Simulationen dem Süden weitere opulente Speisefolgen serviert werden, man weiß ja nie. Und falls doch, man bedenke auch die schlechte Nachtschlafqualität bei Zimmertemperaturen von 30°Ctrotz Belüftung und gar mancher hat sich bei zuviel Speiseeis schon gründlich den Magen verdorben.

Gruß Sigward



Thema Klicks geschrieben von Datum/Zeit
  Im Norden auch weiterhin nur Kartoffelsuppe ? 2751 Sigward 23.07.17 16:06
  Vielen Dank für den synoptisch-poetischen Hochgenuß! (oT) 267 Kaltlufttropfen (80 km sö v Berlin) 23.07.17 17:19
  Re: Im Norden auch weiterhin nur Kartoffelsuppe ? 638 Jürgen (Holzminden, 90m) 23.07.17 23:20
  ..auch nach 00z ist im Norden bis Ende Juli Schmalhans Küchenmeister. (oT) 363 Patrick aus dem Zürcher Weinland (CH) 24.07.17 06:38
  Auch aufgewärmte Kartoffelsuppe kann gut schmecken 613 Badischer Reisbauer 25.07.17 18:15
  Re: Auch aufgewärmte Kartoffelsuppe kann gut schmecken 780 Sigward 25.07.17 18:53
  Fein gemacht (oT) 311 Eike 27.07.17 14:02


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