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VORHERSAGE: Was will, ist und kann "KONRAD" ?
geschrieben von: org: Wetterfuchs (IP-Adresse bekannt)
Datum: 20. August 2002 18:25

Seit dem Berlin-Unwetter vomn 10.07.02 ist "KONRAD" im Forum und in der Presse in aller Munde. In der Presse wurde KONRAD als "Unwetterwarnsystem" bezeichnet. Der DWD seinerseits hat in einer Presseerklärung und in diversen Einzeldarstellungen zusammenfassende Erläuterungen gegeben. KONRAD ist die Antwort des DWD auf die Notwendigkeit, Gewitter und Schwergewitter und ihre schadensbringenden Erscheinungen wie Hagel, Sturmböen und Starkniederschlag möglichst objektiv zu diagnostizieren und zu prognostizieren. Das im DWD beim Meteorologischen Observatorium Hohenpeißenberg in Kooperation mit der Zentrale in Offenbach entwickelte KONRAD wurde in einer 1-jährigen Pilotphase zusammen mit den Feuerwehren von München und Ingolstadt erprobt. Inzwischen können Meteorologen und Wetterberater an den DWD-Dienststellen über Intranet auf die KONRAD-Produkte zugreifen. Ab September soll KONRAD bundesweit angeboten werden, hauptsächlich vorgeschulten Anwendern im Sicherheitsbereich, besonders Feuerwehren. Es wird nicht für sinnvoll gehalten, der Öffentlichkeit generell Zugang zu diesen Daten zu verschaffen, da sie ohne Vorkenntnisse nicht verstanden werden können. Der DWD sieht die KONRAD-Daten im wesentlichen als professionelles Selfbriefing-System im Verbund mit anderen relevanten meteorologischen Daten und Warnungen. Es unterstützt als Diagnose- und Prognosesystem auf Radarbasis die kürzestfristige Erfassung von Gewittern.
Aufgabe dieses Postings soll es sein, das Design von KONRAD für das Forum zu erläutern und gleichzeitig aufzuzeigen, in welcher Weise KONRAD in verschiedenen Gewittersituationen helfen kann.
Global gesehen ist KONRAD keine isolierte Entwicklung des DWD, sondern steht im Rahmen der weltweiten Bemühungen der Wetterdienste, das Nowcasting besonders der Gewitter auf eine objektivere Basis zu stellen. Numerische Wettervorhersagemodelle sind noch nicht in der Lage, Gewitter als reale Einzel-Objekte zu prognostizieren, sondern machen, auch in ihren mesoskaligen Modellversionen wie LM, nur Aussagen über die wahrscheinliche Verteilung der Gewitter in Zeit und Fläche. Existierende Gewitter und Gewittersysteme können andererseits mit Remote-Sensting-Systemen wie Satellit, Radar und Blitzerfassung zusammen mit konventionellen Beobachtungen Gewitter lokalisieren und beschreiben. Will man Gewitter konkret prognostizieren, ist man auf Extrapolationsverfahren angewiesen, die auf der Basis der aktuellen und vorausgegangenen Beobachtungsdaten die zukünftige Entwicklung abschätzen. Extrapolation heißt in diesem Zusammenhang prinzipiell Prognose sowohl der Verlagerung als auch Entwicklung. Systeme, die dieses zu leisten versuchen, werden als Nowcasting-Systeme bezeichnet. Bekannte, schon bestehende Nowcasting-Systeme für die Gewitterprognose sind international z.B. "GANDOLF" (Generating Advanced Nowcasts for Deployment in Operational Landbased Flood Forecasts) vom UKMO, "Autonowcaster" vom NCAR/USA (National Center of Atmospheric Research), "WDSS" (Warning Decision Support System) vom NSSL/USA (National Severe Storms Laboratory) und "CARDS" (Canadian Rardar Decision Support). Diese und andere Nowcasting-Systeme wurden im Rahmen des ersten "Forecasting-Demonstration-Projects" (FDP) des WWRP (World Weather Research Programs) der WMO während der Olympischen Spiele in Sydney zur Unterstützung der operationellen Prognose ("Sydney2000") eingesetzt. Die Ergebnisse liegen jetzt vor, darüber kann in einem gesonderten Posting berichtet werden. Alle genannten Nowcasting-Systeme für die Gewittervorhersage nutzen wesentlich Radarinformationen.
Bei der Entwicklung von KONRAD ging und geht es darum, die bestehenden Produkte des Radarverbunds des DWD möglichst optimal objektiv für das Nowcasting auszuwerten. Im Radargrundlagen-Posting vom 11.06.02 habe ich verschiedene DWD-Radarprodukte vorgestellt, u.a. das Standard-Radarbild "PL", das die Daten des 3D-Scans im 15-Minuten-Takt auswertet und das hochauflösende und engräumige Radarbild "PX", basierend auf einem einzigen Umlauf in möglichst niedrigem Elevationswinkel im 5-Minuten-Takt. Aufbereitete 3D-Informationen bieten neben PL auch die "PZ"-Bilder, bei denen die 12-Höhenschichten mit Radar-Reflektivität in einer Art Computer-Tomographie wiedergegeben werden (hatte ich damals nicht vorgestellt). Schließlich sollte man noch das "PR"-Bild der bestehenden Doppler-Radar-Stationen nennen, das Radialwindkomponenten relativ zum Radarstandort darstellt. Aus diesen Radarbildern läßt sich grundsätzlich ein radarbasiertes Nowcasting aufbauen. KONRAD ist auf mehrere Jahre Entwicklungsarbeit angelegt, die jetzt operationell werdende Version ist eine 2D-Vorstufe der späteren vollen 3D-Auswertung. Grundlage von KONRAD ist momentan noch allein die Auswertung des PX-Bildes. Darauf beziehen sich auch alle nachfolgenden Ausführungen zum Design von KONRAD.
Die Design-Erläuterungen sollen zunächst anhand der PL-, PX- und "VX"-Bilder (KONRAD-Diagnose + Extrapolation) des 20.06.02 gegeben werden. An diesem Schwergewittertag entwickelten sich vor einer Kaltfront (eingebettet in eine markante Höhen-Trogvorderseite) über Deutschland zunächst kurze Squall-Lines und Cluster, später eine quer über Deutschland reichende lange Squall-Line.
Boden-Analyse 20.06.02 12 UTC :

PL-Bild Hannover vom 20.06.02 14.13 UTC :

Man sieht, daß knapp südwestlich von Hannover um diese Zeit zwei kürzere Linien mit starken Zellen (u.a. Hagel- und Starkschauer-Warnpunkte) existierten. Man beachte u.a. die starken Echos (blau) im Auf- und Seitenriß.
PX-Bild Hannover vom 20.06.02 14.20 UTC :

Die im hoch auflösenden PX-Bild (horizontal 1 km x 1 km) erscheinenden Warnpunkte stammen vom PL-Bild (letzte 3D-Information) um 14.13 UTC. Der Kernbereich der beiden Squall-Lines wird in der bodennächsten Radarreflektivität in der Intensität Rot und Blau, den beiden höchsten Stufen wiedergegeben. Die rot-blauen Bereiche repräsentieren dabei die Fußpunkte der darüber befindlichen starken Konvektionszellen.
VX-Bild Hannover vom 20.06.02 14.20 UTC :

Das VX-Bild ist das eigentliche Kernprodukt des KONRAD-Systems. Inhaltlich umfaßt VX Aussagen zur jüngsten Vergangenheit, zum augenblicklichen Zustand und zur +30/+60-Minuten-Prognose von Gewitterzellen. Vergangenheit, aktueller Zustand und Zukunft werden symbolhaft in einer "Tracking"-Darstellung wiedergegeben. Ergänzt wird die Diagnose durch Warnhinweise zu Hagel, Böen und Starkniederschlag. Neben den so beschriebenen kräftigen "Primärzellen" erfaßt KONRAD auch weniger starke "Sekundärzellen". Bestandteil der VX-Darstellung ist auch eine generalisierte Reflektivitätsdarstellung. Die einzelnen KONRAD-Elemente werden in verkürzter Form in der Legende rechts erläutert.
Hier nun eine genauere Betrachtung von Details :
Der Bildausschnitt der VX-Bilder entspricht (im wesentlichen) dem Ausschnitt der PX-Bilder, der eingezeichnete Kreis ist der 100 km-Kreis um den Radarstandort. Zur genaueren Orientierung ist die Orographie in grauer Farbe angedeutet, eine weitgehende Lokalisierung erlauben zusätzlich die eingetragenen Ortspunkte, sowie städtischen Bereiche (schwarz). Um die geographischen Details noch stärker herauszuarbeiten, besteht operationell die Möglichkeit, 5 verschiedene Zoomings zu erstellen (zentrales Zoom und 4 Quadrantenzooms). Die generalisierte Feldverteilung der Reflektivität (hell blau-violett) entspricht dem PX-Bereich mit den dBZ-Leveln >=3 (>=28 dBZ), umgerechnet mit der "Z/R-Beziehung" (Z = Reflektivität, R = Niederschlagsintensität) als Regen von >= 2 mm/h.
In diese Felder sind symbolhaft in runder Form die Primärzellen eingetragen, aktuelle Zellpositionen ausgefüllt, zeitlich zurückliegende Zell-Positionen als farbige Ringe . Primärzellen werden diagnostiziert, wenn mindestens 12 (früher 15) zusammenhängende Pixel (von 1 km x 1 km Größe) mit Level > 5 (rot, blau, >= 46 dBZ) existieren. Um dieses Primärzellengebiet wird ein Zellkernrahmen gezogen, der (s.Legende) nur für den aktuellen Zell-Zustand dargestellt wird. Der Mittelpunkt der Zellsymbole entspricht dem Mittelpunkt des Zellrahmens, bei sehr starken Zellen (Reflektivität blau, >= 55 dBZ) wird auch die Mittelpunktposition der eventuell vom Mittelpunkt weg verschobenen blauen Reflektivität berücksichtigt. Jede Primärzelle erhält eine Identifikations-Nummer, die in die aktuelle Position der Zellen eingetragen ist. Die Zellringe der vorausgegangenen Zeitschritte beschreiben die Spur der verfolgten Zelle für jeweils die letzten 30 Minuten, in einer Schrittfolge von 5 Minuten. Die Zellen sind längs ihrer Verlagerungsspur mit einer Linie (abwechselnd dick/dünn) verbunden. Ist die Zelle älter als 30 Minuten, dann wird die Identifikations-Nummer als "Erstkontakt"-Zahl am Ort der ersten Erfassung in das Bild eingetragen. In dem oben wiedergegebenen VX-Bild von 14.20 UTC sieht man westlich von Nienburg eine zeitlich lange Tracking-Spur der Zelle Nr.44. In gelber Zahl ist die Position des Erstkontaktes eingezeichnet. Ansonsten existieren mehrere kurze Zell-Trackings bzw. Trackings, für die keine aktuelle Zellposition mehr gefunden werden kann. Im Süden der kurzen, vorgelagerten Reflektivitätslinie findet gerade ein Zellsplitting statt (ID-Nr 40/53).
Der Zustand der jeweiligen Primärzellen (vergangen bzw. aktuell) wird sowohl mit der Größe der Kreise bzw. Ringe, bzw. der Farbe symbolisiert. Die Zellkerngröße definiert sich nach der Zahl der zusammenhängenden starken Pixel und wird in den Stufen 1-4 der Durchmesser symbolisiert, die diagnostizierten dBZ-Intensitäten bestimmen zusätzlich zur horizontalen Zellgröße die wiedergegebene Farbe des "Zellstadiums". Das Zellstadium steigert sich von grün über gelb und rot zu (extremer Fall) violett. Große Zelldurchmesser mit rot oder violett verkörpern also starke bis sehr starke Zellen. Zellen 44 und 46 sind demnach im oben gezeigten VX-Bild die stärksten aktuellen Primärzellen. Mit einem kleinem "+" oder "-" kann der momentane Trend der Kern-Reflektivität eingetragen sein.
In kleinen Zahlen knapp oberhalb der aktuellen Zellpositionen sind Verlagerungsrichtung und Geschwindigkeit eingetragen. Berechnet werden die Zahlen als Mittel-Vektor der letzten 10 Minuten (zwei alte Kreise im 5-Minuten-Abstand). Die Zelle 44 verlagerte sich in den letzten 10 Minuten nach 123° mit 41 km/h, die Zelle 46 mit 33 km/h in Richtung 59°. Es ist dabei zu beachten, daß diese Richtungswinkel "physikalische" Winkel wiedergeben, also nicht so, wie Winde in der Meteorologie richtungsmäßig definiert werden. Bei genauerer Betrachtung der Verlagerungsvektoren von Zelle 44 und Zelle 46 sieht man, daß Zelle 46 in der Verlagerung relativ konstant ist, die Zelle 44 dagegen in den letzten 10 Minuten einen Haken geschlagen hat. Dies ist insofern hier wichtig, weil die für +30 Minuten berechnete Prognoseposition aus dem letzten 10 Minuten-Vektor bestimmt wird ("lineare" Verlagerung = die Zelle soll sich genau in der gleichen Weise verlagern wie im Mittel in den vergangenen 10 Minuten). Die Prognoseposition wird als Kreis mit gestrichelter Ausfüllung wiedergegeben, braun wenn es sich um eine +30 Minuten-Position, blau, wenn es sich um eine +60 Minuten-Position handelt. Im Normalfall liegt die prognostizierte Position bei +30 Minuten, nur wenn der Erstkontakt >= 60 Minuten als ist, bezieht sich die Prognose auf +60 Minuten. Beim Blick auf das obige VX-Bild zeigt sich, daß zwar die Zellverlagerungen insgesamt nach Osten gehen, im einzelnen aber sehr unterschiedliche Richtungen zwischen (nach) Südost und (nach) Nordost existieren.
Wesentlicher Bestandteil der Primärzellen-Beschreibung sind die 3 verschiedenen Warnangaben für Hagel, Stark-Böen und Starkregen. Das derzeitige Warn-System stützt sich noch ganz auf die 2D-Informationen im PX-Bild ab, kann daher auch noch nicht als diagnostisch sicher betrachtet werden. Für die Hagelwarnung werden Zellumfang (Kerndurchmesser) und Zellintensität (insbesondere Überschreiten von Level 6 (55 dBZ)) berücksichtigt. Hagelwarnungen werden symbolisch als aufrecht stehende Dreiecke in unterschiedlichen Farben den Primärzellen beigegeben, und zwar in folgender Abstufung : 1.Türkis Hagelwahrscheinlichkeit > 66%, 2.Blau Hagelwahrscheinlichkeit > 80 %. Die dritte tufe (orange) wird derzeit noch nicht gegeben. In dem Hannoveraner VX-Bild von 14.20 UTC sind Hagelwarnungen der Stufe 2 nur mit der Primärzelle 46 (Norden) verbunden, sonst bestehen an den Zellen jeweils Hagelwarnungen der Stufe 1. Die (blauen) Böenwarnungen (Böen-Symbol) (>= Bft 8 als Grundlage) werden gegeben, wenn entweder die Zuggeschwindigkeit der Zellen mehr als Bft 8 entspricht oder Hagelwarnstufe 2 oder diagnostizierte Linien von >20 km Länge im Kern (Vorstadium zum möglichen "Bow-Echo") existieren. Böenwarnungen sind im Hannoveraner VX-Bild besonders für den mittleren und nördlichen Teil der Squall-Line abgeleitet. Starkregen-Warn-Darstellungen erscheinen in zweierlei Formen, als "runde" Zellkern-Form und von Zellkernen unabhängige "Pixel"- Form : Jeweils wird vorausgesetzt, daß die Diagnose >=10 mm/30 Min (in sechs 5-Minutenschritten aufaddiert) ergibt. Auf dem VX-Bild oben ist nur die zellkernunabhängige Form (blaue quadratische Pixel, südlich und weiter südwestlich der Zelle 44) zu sehen.
Zu erwähnen bleiben jetzt noch die "Sekundärzellen" und die dargestellten "Dämpfungsbereiche" : Erstere sind als ergänzende Information zu den Primärzellen zu sehen. Sie werden gegeben, wenn zusammenhängende Cluster der Relflektivitäts-Level 3 bis 4 erscheinen. Sie werden nur definiert außerhalb von Bereichen mit Primärzellen, um eine Über-Information zu vermeiden. Sie erscheinen als blaue (ausgefüllt = aktuell)(leer = vergangen) Kreise. Dämpfungsbereiche entstehen (s. Radargrundlagen-Posting) hinter starken Zellen. Dort erscheint die wiedergegebene Zellstärke gegenüber der Realität abgeschwächt. Dämpfungsbereiche werden mit bräunlichen Linien eingegrenzt.
Ergänzend zum obigen Demonstrations-Fall Hannover 20.06.02 sollen vom gleichen Tag und gleicher Zeit die KONRAD-Aussagen für den Bereich Frankfurt/M betrachtet werden :
PL-Bild Frankfurt/M vom 20.06.02 14.25 UTC :

PX-Bild Frankfurt/M vom 20.06.02 14.30 UTC :

VX-Bild Frankfurt/M vom 20.06.02 14.25 UTC :

Das PL-Bild zeigt, daß damals südlich vom Frankfurter Raum im Rahmen eines großen Cluster-Systems 3 sehr aktive und intensive konvektive Echo-Bereiche entstanden waren. Sowohl die auffällig verbreiteten "blauen" Echo-Gebiete (Grundriß, Aufriß, Seitenriß) als auch die Anhäufung besonders von Hagelwarnpunkten unterstreichen die enorme Stärke der Entwicklung. Im PX-Bild befinden sich 2 der 3 Gewitterzentren (Neckar und Main). Eine nähere Betrachtung des VX-Bildes zeigt klare Tracking- und Extrapolationsstrukturen mit einer starken Anhäufung von Warnungen. Im Gegensatz zum Hannoveraner Raum wirkte sich bei Frankfurt offenbar schon die damalige eindeutige Advektionslage im Bereich der Frontalzone aus : Die beiden Haupttracking-Linien zeigten einheitlich von Südwest nach Nordost. Die imposanteste Primärzelle war die Zelle 9, die schon mehr als 60 Minuten im Tracking verfolgt werden konnte und deren Intensitäten sowohl in der Vergangenheit als auch aktuell die höchste Stufe (violett bei großen symbolischem Durchmesser) zeigten. Die Verlagerung ging
mit 60 km/h in Richtung 48°. Aber auch die Zelle 15 (rot) war recht stark und verlagerte sich mit 73 km/h in Richtung 57°. Ihre Vergangenheit war kürzer als 60 Minuten, deswegen erfolgte eine "normale" Prognose bis +30 Minuten (Raum Buchen), während die nördliche Zelle 9 nach +60 Minuten schon den mittleren Main überschritten haben sollte. Die Hagelwarnungen erreichten bei beiden Zellclustern die Stufe 2, überall wurden Böen von mindestens Bft 8 diagnostiziert. Die pixelförmige Niederschlagsschleppe der beiden Cluster zeigte verbreitet an, daß dort in der Summe mindesten 10 mm/30 Minuten diagnostiziert wurden.
Fälle, insbesondere ähnlich dem vom 20.06.02 im Raum Frankfurt, erfüllen in idealer Weise die Anwendbarkeit der KONRAD-Algorithmen : Langlebige Zellstrukturen mit hohen Intensitäten und eindeutiger Advektionslage (hier Südwestströmung in der Höhe). Ein vergleichbar günstiger Anwendungs-Fall war die nachfolgend gezeigte Situation vom 11.05.02 im Raum Rostock/Wismar. Das Beispiel stammt aus dem KONRAD-Erläuterungstext im Intranet des DWD :
Boden-Analyse vom 11.05.02 06.00 UTC :

VX-Bild Rostock vom 11.05.02 14.36 UTC :

Sowohl die Boden-Analyse als auch die damalige Höhenkarte wiesen für den Raum bei Rostock/Wismar Winde aus SE auf. Entsprechend ergaben sich schöne, linear angelegte Trackings. Von Interesse war in der VX-Darstellung (Zoom des SW-Quadranten) von 14.36 UTC besonders die Zelle 12, die bei "rotem" Zellstadium mit 72 km/h nach 298° zieht. Die +30 Minuten-Vorhersage führte über Wismar hinweg in die Lübecker Bucht. Es kam offensichtlich zum Abbruch einer Regatta, was mit KONRAD gut vorhergesagt werden konnte. Die KONRAD-Warnungen ergaben Hagel 1.Stufe und Böen Bft 8. Eine Zellspur (Zelle 10) weiter westlich (über die Lübecker Bucht hinweg) besaß inbesondere eine ausgeprägtes Starkregen-Warn-Potential.
Gewitterlagen in Mitteleuropa sind keineswegs immer mit klaren frontalen und eindeutigen Advektionsverhältnissen verbunden oder weisen nicht immer langlebige Cluster- oder Squall-Line-Strukturen auf. Luftmassengewitter in gradientschwacher Situation lassen sich sehr viel schwerer prognostisch erfassen. Solche Gewitterentwicklungen pulsieren meist ortsfest, entstehen an einer Stelle ohne deutliche Verlagerungstendenz und brechen sehr bald wieder zusammen. Für solche Fälle kann KONRAD zwar eine befriedigende momentane Diagnostik geben, Prognosen scheitern aber meist . Hier dürfen also keine falschen Erwartungen gehegt werden. Als Beispiel für solch eine Situation kann die KONRAD-Darstellungen für dem 19.06.02 (dem Vortag des oben für die Erläuterung des KONRAD-Designs genommenen 20.06.02) im Bereich des Radars Feldberg/Schwarzwald angesehen werden :
Boden-Analyse vom19.06.02 18.00 UTC :

VX-Bild Feldberg vom 19.06.02 17.51 UTC :

Die Bodenwetterkarte zeigte im Bereich Südwestdeutschland in Warmluft eine ausgesprochen schwachgradientige Lage, die auch noch in der Höhe bestand. Die VX-KONRAD-Darstellung spiegelte genau diese Situation wieder : Kaum Verlagerung im Tracking zu sehen, aber starke Zellen (z.B. Zelle südlich vom Feldberg mit Violett stärkstes Zellstadium), verbunden mit Hagel- und Starkregenwarnungen. Die z.T. gezeigten langsamen Zellverlagerungen streuen in ihrer Richtung sehr stark, die starke Zelle südlich vom Feldberg besitzt fast gar keine Verlagerungstendenz. Es war somit zu erwarten, daß Gewitter in aktuell nicht betroffenen Gebieten im wesentlichen durch Neuentwicklungen, die von KONRAD nicht prognostiziert werden können, erfaßt werden.
Was nun kann KONRAD im derzeitigen Entwicklungsstadium leisten ? KONRAD wird bei existierenden größeren Gewitterclustern und klaren Linien sowie bestehenden guten Advektionsverhältnissen für den Zeitbereich +30/+60 Minuten häufig sehr nützliche Hinweise geben. Bei advektions- und gradientschwachen Gewitterlagen wird eine gezielte Prognose allerdings kaum möglich sein. Denn KONRAD kann, wie auch die meisten der eingangs genannten internationalen Nowcasting-Systeme, keine neuen Zellen vorhersagen, sondern nur bestehende Zellen sinnvoll verlagern. Für die aktuelle Warnsituation sind in der Regel aber andererseits durchaus zutreffende diagnostische Hinweise (Hagel, Böen, Starkregen) zu erwarten, wie die Beispiele gezeigt haben.
Wetterfuchs
PS : KONRAD nutzt die sehr enge Nowcasting-Zeitskala bis zu 1/2h, maximal 1 h, basierend auf den 5-minütigen PX-Bildern. Notwendig bei Gewitterlagen wäre eine Erweiterung dieser Zeitskala auf etwa 3 h oder sogar mehr. Erst ein konsequenter Einbezug der PL-Bilder (incl. Warnpunkten für Hagel und Starkregen) sowie der PZ-Bilder (12-Höhenschichten-Aufnahme) und Doppler-Wind-Informationen wird hier eine durchgreifende Verbesserung bringen. In einem später folgenden Posting werde ich anhand der Ergebnisse des "Radwarn"-Algorithmus aufzeigen, was heute schon mit PL-Bildern und deren Warnpunkte diagnostisch und prognostisch möglich ist.



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  Gewitter III - Eine brandgefährliche Sache. 2997 Org.: Herfried am 13.07.2003 14.07.03 14:10
  Gewitter IV - Wasser Eis und Wind 3477 Org.: Herfried am 13.07.2003 14.07.03 14:15
  Re: Frage zu Pot-Äquiv. vs CAPE (auch KO-Index) 3753 Org: Wetterfuchs am 22.06.2003 22.06.03 11:58
  PVA 5174 org. Christoph Gatzen, 01.02.2001 02.06.03 10:01
  Re: Was ist der CAPE? 3591 Org: johannes am 16.05.2003 16.05.03 15:25
  Re: Was ist der CAPE? 2928 Org: Thorsten/Uni DO am 16.05.2003 16.05.03 15:27
  Re: Was ist der CAPE? 3283 Org: johannes am 16.05.2003 16.05.03 15:28
  ALLGEMEIN: Gewittereinteilung 4144 org:Herfried 13.03.03 14.03.03 15:00
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  ALLGEMEIN: Enstehungstypen der Gewitter (lang) 4257 org:MH [Varel, Friesland, 11m+NN] 21.10.02 14:52
  ALLGEMEIN: Geostrophischer Wind? 4393 org: Wetterfuchs am 7.02.2002 24.08.02 21:35
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  Alles zum Windchill und Hitze-Index 4361 org: Michael aus Greifswald, 30.12.00 24.08.02 19:20
  PEP-Komposit : Möglichkeiten des Modellvergleichs 4906 org: Wetterfuchs am 24.07.2002 24.08.02 17:57
  Re:Und nunGrinseneichen oder Weichen? 4469 org: Stephan Vogt am 18.08.2002 21.08.02 17:35
  Meine frühen Wetterirrtümer geschrieben von: MK - Dresden-NW (Januar 2009) 2833 Admin 30.11.09 13:14
  Gewittervorboten (Ac cas) und entkoppelte Gewitter geschrieben von: Foehnix 4051 Admin 30.11.09 13:20
  Wie Schneelagen in Wetterkarten aussehen können geschrieben von: MK - Dresden-NW (Januar 2008) 5294 Admin 30.11.09 13:29
  Verifikation von 10-Tagesprognosen (Dezember 2008) geschrieben von: Wetterfuchs 4298 Admin 03.12.09 17:55
  Verifikation von 10-Tagesprognosen (Januar 2009) geschrieben von: Wetterfuchs 3581 Admin 03.12.09 17:57
  Re: Verifikation von 10-Tagesprognosen (Februar 2009) geschrieben von: Wetterfuchs 3724 Admin 03.12.09 17:58
  Re: Verifikation von 10-Tagesprognosen (November 2008) geschrieben von: Wetterfuchs 2637 Admin 03.12.09 17:59
  Verifikation von 10-Tagesprognosen (November 2009) geschrieben von: Wetterfuchs 4345 Admin 17.01.10 20:34
  Dezember 2009 : Verifikation erweiterter Mittelfrist-Modellprognosen geschrieben von: Wetterfuchs 2930 Admin 27.02.10 20:10
  Januar 2010 : Verifikation der erweiterten Mittelfrist-Modellprognosen geschrieben von: Wetterfuchs 4766 Admin 19.06.10 09:08
  Verifikation von 10-Tagesprognosen (Februar 2010) geschrieben von: Wetterfuchs 3867 Admin 13.06.10 20:38
  Syn. Verifikation 6-Tages-Modell-Prognosen Dez.2011 - Nov.2012 (geschrieben von Wetterfuchs) 2674 Admin 13.03.14 17:55


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