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Orkane "Lothar" und "Lothar Successor" - Weihnachten 1999 geschrieben von: Felix aus Innsbruck (Januar 2009)
geschrieben von: Admin (IP-Adresse bekannt)
Datum: 30. November 2009 13:27

Link zum Originalbeitrag: [www.wzforum.de]

Hallo,

im Zuge von Orkan "Klaus", der am vergangenen Wochenende Nordspanien und Südfrankreich mit schweren Orkanböen heimsuchte und mindestens fünfzehn Tote forderte, kamen immer wieder Vergleiche mit der Sturmserie an Weihnachten 1999 auf.

Lothar, Martin - man konnte sich nicht so recht einigen. Wie wir im Folgenden sehen werden, war die Ähnlichkeit mit Lothar bedeutend größer als mit Martin, weil Martin von der Zyklogenese-Art her eher der klassischen "warmen-Förderband-Tiefdruckentwicklung" zuzuordnen ist, während "Klaus" ein "kaltes-Förderband"-Vertreter war, ebenso "Lothar". Kaltes-Förderband-Vertreter neigen dazu, rascher zu verwirbeln (und auch kleinräumiger) als ihren warmen Brüder, weil sie auf der kalten Seite des Jetstreaks unter intensive Hebung kommen und der rasante Druckfall ein rasches Okkludieren ermöglicht.

Warme Vertreter wie Martin können mehr Energie aus der Frontalzone beziehen, da sie - wie der Name schon sagt - mehr Warmluft aus dem Jetbereich ansaugen. Ihre Bewölkung ist oftmals hochreichender und kompakter als bei den kalten Vertretern.

Ein weiterer Unterschied besteht darin, dass die Bewölkung bei den kalten Vertretern generell mehr von Feuchtkonvektion dominiert wird (mehr Höhenkaltluft und Labilisierung) als bei den warmen Vertretern, die stratiformer auftreten. Daraus ergeben sich auch Unterschiede im Energiezutrag, der letzendlich für den Druckfall von Bedeutung ist.

Soweit der Vorlauf, zu Klaus werde ich im Laufe der Woche noch ausführlicheres schreiben.

Wetterfuchs hat die damalige Großwetterlage und die Entwicklung von Lothar bereits erschöpfend behandelt:

[www.wzforum.de]

Ich möchte hier lediglich auf seine letzte Bilddarstellung und Interpretation eingehe, wo ich eine andere Ansicht habe

Wetterfuchs schreibt:




[...]

Eine abschließende weitere Bemerkung zu dem letzten WV-Bild : Wie unschwer zu erkennen, näherte sich vom Ärmelkanal erneut eine "ominöse" Struktur mit Dry Slot. Da gleichzeitig dort auch der Wind schon wieder stärker geworden war, bestand kurzzeitig eine Irritation darüber, ob die Geschichte ein zweites Mal losgehen würde. Es war nur ein kurzes Aufflackern, sehr bald danach wurde klar, da passiert nichts mehr (zumindest nicht an diesem Tag, denn Orkan "Martin" ließ den Franzosen noch etwas Zeit) passieren würde.

[...]

Auf dieser französischen Webseite ist ein Satellitenbildloop zu den Orkanserien zu sehen:

[www.meteo.fr]

Ich habe vier Bilder aus dem Loop extrahiert und beschriftet:

Das letzte Wetterfuchs-Bild stammt von 15 UTC, also bereits 3h nach dem folgenden Satellitenbild:



Über Mitteleuropa ist die vollentwickelte Orkanzyklone "Lothar" zu sehen, deren spiralisierter Kernbereich über dem Süden Deutschlands hinwegfegt und dort die heftigsten Orkanböen mit weit über 200km/h im Schwarzwald hervorbringt. Das außergewöhnliche an Lothar, etwa gegenüber Klaus, ist der selbst im Refeistadium hochreichende Wolkenschirm, was für außerordentlich heftige Hebungsvorgänge in allen Atmosphärenschichten spricht. "Klaus" kann Lothar in Sachen Ästhetik den Rang nicht ablaufen.

Nachfolgend über Nordfrankreich und Belgien ist vorübergehend aufgelockertes bis wolkenfreies Wetter zu finden, doch westlich von England naht bereits "Lothar Successor", vom Deutschen Wetterdienst fälschlicherweise in den Medien als "Troglinie" bezeichnet.

Einschub:

Ich erinnere mich noch genau an diesen 2. Weihnachtsfeiertag, als ich Zuhause in Mainfranken war und den ganzen Tag auf mein Barometer schaute, dass sich im freien Fall befand. Am Vormittag hörte man im Radio von dem Orkan, der in Paris mit Böen über 150km/h schwere Schäden brachte. Ich hatte damals noch kein Internet, kannte also auch keine Wetterkarten und musste mich auf das verlassen, was das Radio durchsickern ließ. In den Mittagstunden wurde es dann immer windiger, mit einzelnen Sturmböen, aber mehr als 80km/h dürften es bei uns nicht gewesen sein. Der Kern von Lothar zog fast genau über uns drüber. Ich weiß noch, dass die Wolken rasend schnell über den Himmel zogen und innerhalb weniger Stunden aus verschiedenen Richtungen kommen. Zeitweise schien sogar die Sonne, vermutlich als das "Auge" des Orkans gerade Franken passierte.

Dann war es vorbei und der Druck stieg wieder kräftig an. Bereits in den Abendstunden registrierte ich aber abermals einen starken Druckfall und wusste nicht, woher dieser kam. Im Radio hieß es dann noch, dass eine Troglinie im Anmarsch sei, die mit heftigen Windböen durchgehen würde. Und tatsächlich rüttelte es nachts kräftig bei uns am Dach, zwei Ziegel lockerten sich auch, und das direkt über meinem Dachfenster. Es erinnerte an einen Albtraum, wenn man aufwacht, schaut durch das Fenster und der Ziegel hängt so komisch da.
In den Medien war von diesem Sturm/Orkan kurz nach Lothar nichts mehr zu hören, was eine gewisse Unzufriedenheit hervorruft, wenn das Erlebte einfach ignoriert wird. Damals achteten alle auf den 2. Orkan, auf "Martin". Und auch später war von "Lothar Successor", also Lothars Nachfolger nie mehr die Rede, auch i der Analyse vom Wetterfuchs nicht.

Einschub Ende

Bis ich im ZAMG- Handbuch für satellitensynoptische Meteorologie auf eine Analyse zu Lothar Successor stieß (das dort als Komma bezeichnet wird):

[www.zamg.ac.at]

Und tatsächlich zeigt das obige Satellitenbild eine zyklonale Struktur am Eingang des Ärmelkanals, mit einer kurzen Okklusion über der walisischen See, einem kleinen Warmteil über dem Ärmelkanal und einer langgestreckten Kaltfront westlich davon. In den Reanalysiskarten von NCEP ist für den 26.12.1999, 12 UTC, auch eine schwache Wellenform in besagter Region angedeutet



Hierbei muss man beachten, dass die Reanalysisdaten keine "realen" Analysen sind. Der Kerndruck von Lothar ist in der Reanalyse immer noch 15 hPa zu hoch. Wie dem auch sei, es handelte sich offensichtlich nicht um eine Troglinie, auch ein klassischs Kommatief scheidet eher aus, da die Bewölkung nicht an eine markante Trogachse gekoppelt ist (Kommatiefs entstehen meist bei hoher Krümmungsvorticity).

26.12.1999, 18 UTC:



Sechs Stunden später ist Lothar über Osteuropa schon deutlich im Zerfallsstadium. Der künftige Orkan "Martin" befindet sich noch weit draußen auf dem Nordatlantik, zeigt aber bereits die typischen Charakteristiken eines "warmen-Förderband"-Zyklogenesetyps, mit der hochreichenden und kompakten Cirrusbewölkung, die das warme Förderband markiert und feuchtwarme Luftmassen mit dem Jet transportiert.

Zwischen Lothar und Martin ist nun Lothar Successor im Reifestadium und zeigt eine deutliche zyklonale Stuktur mit der umgebogenen Okklusion, der kurzen Warmfront über dem Süden Deutschlands bzw. der Nordalpen sowie der Kaltfront, die strömungsparallel zum Jet kaum nach Süden vorankommt.

27.12.1999, 00 UTC



Gegen Mitternacht erreicht "Lothar Successor" den Höhepunkt seiner Entwicklung. Die Okklusion spiralisiert deutlich ein und zerfranst im Kernbereich (schwarz markiert), selbiges bei Lothar kurz vor dessen Zerfall. Sein Kernbereich zieht über die Gebiete hinweg, die von Lothar verschont wurden und nun ebenfalls schwere Sturm- und Orkanböen erfahren. Freilich ist "Lothar Successor" nicht so heftig in seinen Auswirkungen wie sein Vorgänger, aber er ist unverkennbar ein selbstständiges Individuum.

Unterdessen plustert sich Martin auf dem Ostatlantik immer mächtiger auf, das warme Förderband sowie der Cloudhead nördlich davon verschmelzen zu einer einheitlichen Wolkenmasse.

27.12.1999, 18 UTC



Weitere achzehn Stunden später sind Lothar und Lothar Successor über Osteuropa schon Geschichte und allenfalls die Reste ihrer Okklusionen künden noch von dem Unheil, das West- und Mitteleuropa überquert hatte. Martin hingegen ist nun ein vollentwickeltes Sturmtief mit einem ausgedehnten Dryslot über Westfrankreich, etwas, das man auch bei Klaus beobachten konnte, wenn auch viel früher über der Biskaya.
Martin ist vom Erscheinungsbild relativ stratiform und Reste des warmen Förderbands wabern über den Alpenram hinweg.

Fazit:

In der Weihnachtszeit 1999 zogen zwischen dem 26.12.1999 und dem 28.12.1999 gleich drei schwere Stürme bzw. Orkane über West- und Mitteleuropa hinweg, nicht zwei, wie bislang behauptet wurde. Deutliche Hinweise liefern die Satellitenbilder von Meteo-Fr, die Satellitenbild-Analysen von der ZAMG als auch die Reanalysiskarten von NCEP mit der Andeutung einer Wellenstruktur in den Isothermen nach Lothar.

In den Karten, wie sie der Fuchs verwendet hat, mit dem Overlay von Satellitenbild, Windfiedern und evtl. noch Druckänderungen, sollte der "Lothar Successor" noch besser zu identifizieren und vor allem von einer Troglinie abzugrenzen sein.

Gruß,Felix



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