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Superzyklonen d. Winters (3) : "Ulf" v. 12.02.05
geschrieben von: Wetterfuchs (IP-Adresse bekannt)
Datum: 27. April 2005 12:23

Die dritte der im ersten Posting vom 21.04.05 definierten „Superzyklonen“ war „Ulf“ am 12.02.05. „Ulf“ spielte unter den drei markanten Orkanzyklonen des letzten Winters insofern eine Sonderrolle, als „Ulf“ Mitteleuropa mit Sturm und Orkan voll traf, d.h. somit auch deutlich südlicher ausgriff als die beiden Vorgänger-Orkanzyklonen. Diese südlichere Position war die Folge eines eindrucksvollen großräumigen „Downstream-Developments“. Von einem Downstream-Development spricht man, wenn ein wellenförmiger Entwicklungsimpuls sich in der Höhe (500 hPa) durch meridionale Luftmassentransporte (Warmluftadvektion, Kaltluftadvektion) rasch stromabwärts (ostwärts) ausbreitet und es dadurch dort zu einer markanten Verstärkung von Trog- und Keil-Amplituden kommt. Der Ausgangspunkt dafür sind häufig orographisch erzwungene starke Zyklogenesen im Raum Nordamerika/Kanada. Genauso war es auch im Falle von „Ulf“ : 2 Tage vor der Orkanzyklogenese erschien die Struktur des Druck- bzw. Geopotentialfeldes am Boden bzw. Höhe über dem Atlantik noch relativ ungestört zonal :
Boden-Analyse DWD 10.02.05 12 UTC :

GME-Analyse 500 hPa 10.02.05 12 UTC :

Beherrschend waren um diese Zeit am Boden ein kräftiges Zentraltief über dem Nordmeer und eine von den Azoren über Südwesteuropa bis zum Balkan reichende Hochdruckzone. Die Höhe war durch eine leicht wellende, relativ nördlich gelegene Frontalzone gekennzeichnet mit einem zum Nordmeertief gehörenden Höhentrog Richtung Nordsee. Im Seegebiet östlich von Neufundland befand sich am Boden ein schwaches, offenes Wellensystem, dem in der Höhe ein ebenfalls unscheinbar wirkender Trog überlagert war. Westlich außerhalb des Kartenausschnitts bahnte sich bereits das kommende Downstream-Development an. 36 Stunden später, um 00 UTC des 12.02.05 erschien von den USA her eine markante Warmsektorzyklone mit kräftigem vorderseitigen Warmluftschub Richtung Norden:
Boden-Analyse DWD 12.02.05 00 UTC :

Die vorher offene, breite Bodenwelle war währenddessen in das Seegebiet nördlich von Irland gezogen. Der Kerndruck hatte sich dabei nur wenig geändert, gegenüber vorher 1005 hPa zeigte die Kernisobare jetzt 1000 hPa. Aber zwischen diesem Irlandtief und dem kräftigen Neufundlandtief hatte sich bereits ein von den Azoren nach Grönland weisender Hochkeil herausgebildet. Dies war am Boden das sichtbare Zeichen des nun in Gang gekommenen Downstream-Developments. In der Höhe war der neue Entwicklungsimpuls deutlicher :
GME-Analyse 500 hPa 12.02.05 00 UTC :

Mit dem kräftigen vorderseitigen Warmluftschub des Neufundlandtiefs hatte sich östlich von Neufundland in 500 hPa ein erster deutlicher Hochkeil gebildet. Auch hier war der Warmluftschub klar zu erkennen. Der vorher bei Neufundland gelegene flache Höhentrog war gleichzeitig bis westlich von Irland ostwärts vorgedrungen und befand sich nun in einem westnordwestlichen Strömungssystem. Ab jetzt verlief die Entwicklung explosiv : Aus der Warmsektor-Bodenzyklone bei Irland wurde innerhalb von 12 UTC das Orkantief „Ulf“ mit einer Kernisobare von 975 hPa über der Deutschen Bucht :
Boden-Analyse DWD 12.02.05 12 UTC :

D.h. es hatte mit einem Kerndruckfall von 25 hPa in der ersten Tageshälfte des 12.02.05 ein echtes „Explosive Development“ stattgefunden (mindestens 1hPa Kerndruckerniedrigung/1h). Das starkgradientige Druckfeld hatte gleichzeitig mit dem Warmsektor des Tiefs Mitteleuropa erfaßt. Rückseitig existierte nun eine langgestreckte nordwestliche Kaltluftströmung von Grönland bis zu den Britischen Inseln. Der von den Azoren nordwärts Richtung Grönland gerichtete Hochkeil erschien jetzt sehr massiv. Ebenso beeindruckend die das Downstream-Development auslösende Zyklone nördlich von Neufundland, nach wie vor verbunden mit einem massiven Warmluftvorstoß Richtung Grönland. Die starke Entwicklung von „Ulf“ war ganz offensichtlich von der stromabwärtigen Verwerfung der Höhenströmung ausgelöst worden :
GME-Analyse 500 hPa 12.02.05 12 UTC :

Infolge der Umwandlung der Höhenströmung war seit dem 00 UTC-Termin polarmaritime Kaltluft nach Südosten in Bewegung geraten und unterstützte in der durch das Downstream-Development erzeugten nordwestlichen Höhenströmung die Ausbildung eines engräumigen diffluenten Kurzwellentroges. Unter dieser Trogvorderseite existierten plötzlich durch stark positive Vorticitiy-Advektion (PVA) sehr gute Entwicklungsbedingungen. Erwähnt werden sollte hier, daß der Verschärfungseffekt der Vorticity-Advektion zusätzlich durch den „Beta-Effekt“ (Südwärts-Transport von Erdvorticity) unterstützt wurde.
Der Höhepunkt von „Ulf“ ereignete sich 12 Stunden später um 00 UTC des 13.02.05 im Raum Dänemark/Südschweden mit einer Kernisobare von 965 hPa :
Boden-Analyse DWD 13.02.05 00 UTC :

Rückseitig strömte auf breiter Bahn polar-maritume Luft aus Nordwesten nach Mitteleuropa.
Jede Sturm- oder Orkantiefentwicklung weist etwas andere Charakteristika auf. Dies wurde nicht nur in der besonderen Rolle des Downstream-Developments von „Ulf“ klar, sondern äußerte sich auch in den Satellitenbildern dieses Falles. Die Vorstrukturen von „Ulf“ erschienen in den Satellitenbildern bis zur Intensivierungsphase unspektakulär. Eine erste Andeutung einer möglichen besonderen Entwicklung konnte man erst um 00 UTC des 12.02.05 erkennen :
IR-Satellitenbild (Meteosat, DWD) + Synops 12.02.05 00 UTC :

Um 00 UTC erschien „Ulf“ mit Warmfront und Kaltfront insgesamt in einem breiten Wolkenfeld zwischen Mitteleuropa und den Britischen Inseln hingestreckt. Es war noch die Phase der reinen, nur mäßig ausgeprägten Warmsektorzyklone ohne jegliche Okklusionsfront. Links von der Dreiecksform des Wolkenfeldes in IR sah man als erstes Anzeichen der bevorstehenden Intensiventwicklung den nicht sehr großen rückgebogenen „Cloud-Head“, geleitet von einer schmalen Andeutung eines „Dry-Slots“. Hinter der ausgedehnten und langgezogenen Kaltfrontbewölkung setzte sich die rückseitige Kaltluft durch einen auffällig schwarzen Bereich ab, d.h. hier fehlte massive, hochreichende rückseitige zellulare Bewölkung.
Um 06 UTC, also schon in der Phase der „Explosion“ von „Ulf“, wirkte das Satellitenbild immer noch nicht sehr „dramatisch“, allerdings mit deutlicherem Cloud-Head :
IR-Satellitenbild (Meteosat, DWD) + Synops 12.02.05 06 UTC :

Wo blieb ein markanter Dry Slot? Er war nur wenig entwickelt. Ein Detail allerdings, das man mitunter auch bei anderen Orkanzyklogenesen beobachten kann, war unübersehbar : Ein heller (hoher) Wolkenbereich an der Südostseite des Dry-Slot in Form einer sehr kleinräumigen Welle. Man konnte diesen neuen „Wolkenkopf“ als Vorstoß von Warmluft und intensivierter Hebung interpretieren. Er sollte dann rasch zum Zyklonenkern vordringen, wie schon das Ausschnitts-Satellitenbild IR 3 Stunden später zeigte :
IR-Satellitenbild (Meteosat, DWD) + Winde 12.02.05 09 UTC :

Der sich jetzt intensiv entwickelnde Bodenkern befand sich, wie die Zuordnung von 10 m-Winden und IR-Satbild zeigt, direkt an der westlichen scharfen Kante des Wolkenkopfes.
In den nachfolgenden Satellitenbildern wird dann die einsetzende Verwirbelung innerhalb von „Ulf“ sehr rasch sichtbar, am deutlichsten durch die rasch nach Mitteleuropa vorstoßende „dunkle“ Kaltluft :
IR-Satellitenbild (Meteosat, DWD) + Winde 12.02.05 12 UTC :

Ab 15 UTC verformte sich „Ulf“ zur typischen Kommaform des zyklonalen Wirbels :
IR-Satellitenbild (Meteosat, DWD) + Winde 12.02.05 15 UTC :

IR-Satellitenbild (Meteosat, DWD) + Winde 12.02.05 18 UTC :

Dabei war noch bis etwa 15 UTC der ins Zyklonenzentrum vorstoßende Wolkenkopf als Sondererscheinung erkennbar. Vergleicht man die eingeplotteten Winde mit den Wolkenstrukturen, so war anders als noch bei „Gero“, kein sehr stark gebündeltes Starkwindfeld am Südrand des sich zum Kern hin einwickelnden Wolkenfeldes zu erkennen. Die Starkwinde waren deutlich gleichmäßiger verteilt.
Um 00 UTC, dem Zeitpunkt der gemäß Bodendruckfeld stärksten Intensität von „Ulf“ waren die Strukturen der Zyklone im Satellitenbild schon weniger markant als um 18 UTC. Im rückwärtigen Bereich der Kaltluft hatte sich ein vorher eher „klumpiges“ konvektives Wolkenfeld zu einer verwirbelnden postfrontalen Linie verformt, die den Süden Deutschlands teilweise überdeckte :
IR-Satellitenbild (Meteosat, DWD) + Winde 13.02.05 00 UTC :

Das Bild von „Ulf“ sei abschließend durch die regionale Kombination von Wind/Maximalböen und Radar-Komposit ergänzt : Um 12 UTC hatte das Niederschlagsfeld der Kaltfront auf Mitteleuropa übergegriffen, wobei die Radarstrukturen in einer Art Doppellinie erschienen :
Radar-Komposit + Synops 12.02.05 12 UTC :

Über Südbayern und der Ostsee hatte eine deutliche präfrontale Windauffrischung eingesetzt. Frontrückseitige Starkwinde gab es um diese Zeit mit teilweise 30 Knoten hauptsächlich über der Nordsee :
Radar-Komposit + Maximalböen 12.02.05 12 UTC :

Mit dem Windfeld verbundene sehr starke präfrontale Böen wurden besonders an den Bergstationen der Schweiz und Süddeutschlands gemessen, dort teilweise schon im Orkanbereich. An der Nordseeküste und über der Nordsee gab es bis dahin Sturmböen.
Bis 15 UTC war die Kaltfront rasch bis zum nördlichen Alpenrand und zum westlichen Polen vorgedrungen :
Radar-Komposit + Synops 12.02.05 15 UTC :

Von einer Doppelstruktur des Kaltfront-Regenbandes war jetzt nichts mehr zu sehen. Dafür hatten sich innerhalb der rückseitigen Kaltfront mehrere deutliche Schauerlinien gebildet. Damit breiteten sich auch Sturmböen auf mehrere Teile Deutschlands aus :
Radar-Komposit + Maximalböen 12.02.05 15 UTC :

Im Nordseeküstenbereich wurde jetzt die Schwelle von orkanartigen Böen erreicht, Helgoland verbuchte 66 Knoten (Orkan).
Was, wie erwähnt, im Satellitenbild um 18 UTC wie ein „klumpig“ strukturiertes Schauerfeld aussah, entpuppte sich im 18 UTC-Radarecho-Feld als eine quer über Deutschland liegende sehr markante Linie, die teilweise mit Hagel- und Graupelgewittern verbunden war :
Radar-Komposit + Synops 12.02.05 18 UTC :

Die gemessenen Maximalböen zeigten, daß an dieser Linie der Wind besonders stark auffrischte und verbreitet starke oder orkanartige Sturmböen festgestellt wurden :
Radar-Komposit + Maximalböen 12.02.05 18 UTC :

Auch im Norden Deutschlands hielten die starken Sturmböen an und erreichten an der Küste und über Schleswig-Holstein orkanartige bzw. volle Orkanstärken.
Während im Süden dann nach Durchgang von Kaltfront und Schauerlinie die Intensität der Winde und Maximalböen deutlich zurückging, erlebte bis Mitternacht der Nordosten Deutschlands erst den eigentlichen Höhepunkt der damaligen Sturm- und Orkanlage :
Radarkomposits + Winde 13.02.05 00 UTC :

Radarkomposit + Maximalböen 13.02.05 00 UTC :

Über Teilen Schleswig-Holsteins und Mecklenburg-Vorpommerns registrierte man um 21 UTC und 00 UTC mittlere Winde von 30 Knoten und mehr. Die Maximalböen lagen im äußersten Norden und im gesamten Osten im Sturm-, teilweise auch orkanartigen Sturmbereich. Dies galt in leicht abgeschwächter Form sogar noch für die zweite Nachthälfte:
Radarkomposits + Winde 13.02.05 06 UTC :

Radarkomposit + Maximalböen 13.02.05 06 UTC :

Als Resume‘ läßt sich sagen, daß „Ulf“ für Deutschland wohl der insgesamt gravierendste Sturm- und Orkanfall des letzten Winters war, ausgelöst durch eine dynamisch sehr interessante großräumige Interaktion der Zirkulationsentwicklung.
Wetterfuchs



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