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Superzyklonen d. Winters (1) : "Erwin" v. 08.01.05
geschrieben von: Wetterfuchs (IP-Adresse bekannt)
Datum: 27. April 2005 12:21

Was bleibt in Erinnerung an den letzten Winter? War es der über lange Zeit überwiegend milde Charakter, war es der dann noch eintretende und bis in den März hineinreichende markante Spätwinter, der ganz erstaunliche Schneehöhen besonders den Mittelgebirgen bescherte? Oder waren es mehr die dynamischen Elemente in Form einiger besonders intensiver Zyklonen? Ich möchte hier den letzt genannten Aspekt aufgreifen und 3 Zyklonen schildern, die ich als die „Superzyklonen“ des letzten Winters bezeichnen möchte :
1. Orkanzyklone „Erwin“ vom 08.01.05
2. Orkanzyklone „Gero“ vom 11./12.01.05
3. Orkanzyklone „Ulf“ vom 12./13.02.05
Alle 3 Zyklonen entwickelten sich vor Mitteleuropa und zeichneten sich nicht nur durch ihr explosives Entstehen aus, sondern besaßen auch ungewöhnliche, ausgeprägte Strukturen. Bei den 3 Terminen fällt auf, daß der Dezember nicht vertreten ist. Das heißt nicht, daß der Dezember „ruhig“ verlief, zumindest nicht über dem Atlantik. Dort gab es in jenem Monat Dezember sogar die Orkanzyklone mit dem tiefsten Kerndruck des ganzen Winters : Das Orkantief vom 22.12., 23.12. und 24.12.04 über dem Nordatlantik, dem Nordmeer und der Barentssee mit einem Kern von unter 935 hPa. Aber diese Orkanzyklone tobte sich weit ab von unserem Raum aus. Die 3 oben genannten Orkanzyklonen betrafen dagegen West- und Mitteleuropa, weshalb ich mich auf sie konzentrieren möchte. Jeder der 3 Orkanzyklonen widme ich ein Extra-Posting. In diesem 1.Posting geht es also um „Erwin“ vom 08.01.05.
Die Hauptentwicklung von „Erwin“ setzte in der Nacht zum 08.01.05 im Bereich der Britischen Inseln ein :
Boden-Analyse DWD 08.01.05 00 UTC :

Um 00 UTC lag über den Britischen Inseln eine ganz markante Warmsektorzyklone mit entsprechend starken Winden im Warmsektor. Der breite Warmsektor wies mit seinen Isobaren auf eine ostnordöstliche Verlagerungsrichtung. In dieser Richtung fiel auch der Luftdruck am stärksten.
Der Blick auf die Situation in der Höhe wies unmittelbar au die bevorstehende extrem starke Verwirbelung hin :
GME-Analyse 500 hPa 08.01.05 00 UTC :

In 500 hPa befand sich stromaufwärts der Warmsektorzyklone vom Boden ein kräftiger Kurzwellentrog, eingebettet in eine kräftige Frontalzone, die im Trog besonders stark gebündelt erschien. Die Warmsektorzyklone lag also direkt unter der Vorderseite des Höhentrogs und somit unter stark entwicklungsfördernder positiver Vorticity-Advektion (PVA). In 850 hPa bildete sich gleichzeitig der Warmsektor deutlich ab :
GME-Analyse 850 hPa 08.01.05 00 UTC :

Hinter dem Warmsektor strömte aus Westnordwest Polarluft heran.
Die vielleicht beeindruckendste Struktur bot zu dieser Zeit das IR-Satellitenbild :
IR-Satellitenbild (Meteosat, DWD) 08.01.05 00 UTC :

Man erkennt das weit geschwungene Wolkenfeld des „Warm-Conveyor-Belt“ der angehenden Orkanzyklone, dessen breiter, hochreichender Vorderteil die Warmfront beschrieb und dessen markanter und schmaler hinterer und nicht ganz so hoch reichender Bereich die Kaltfront inkorporierte. Nicht weniger wichtig die Struktur innerhalb der rückseitigen Kaltluft : Der „Cloud-Head“ der Zyklone. Zwischen Cloud-Head und Kaltfront bildet sich bereits eine erste schmale Form eines „Dry Slot“ ab. Weiter westlich schließlich die labile Bewölkung mit konvektiven Zellstrukturen. Das Satellitenbild war u.a. deshalb so beeindruckend, weil es alles aufwies, was man an Strukturen von einem „Rapid Development“ kennt.
Alle Darstellungen, Boden, Höhe und Satellitenbild ließen also keinen Zweifel : Hier war etwas Gewaltiges im Entstehen. Und so sah dann auch die Boden-Analyse 6 Stunden später aus :
Boden-Analyse DWD 08.01.05 06 UTC :

Aus der Warmsektorzyklone mit dem Wellenscheitel knapp nördlich von Irland war innerhalb von 6 Stunden eine Orkanzyklone von unter 970 hPa knapp östlich von Schottland geworden. Bei einem Kerndruckfall von fast 15 hPa konnte man von einem besonders heftigen Fall eines „Rapid Development“ reden (mindestens 1hPa Kerndruckfall/1h). In dieser Zeit hatte sich auch eine ausgeprägt starkgradientige Rückseite herausgebildet. Die zugehörige Kaltfront war über die Britischen Inseln hinweggeschwenkt.
Das IR-Satellitenbild bestätigte die neue Situation in beeindruckender Weise :
IR-Satellitenbild (Meteosat, DWD) 08.01.05 06 UTC :

Warm-Conveyor-Belt und Fronten bildeten sich weiterhin gut ab. Entsprechend der rapiden Entwicklung erschien jetzt der Dry Slot in ausgeprägter Struktur (dunkles, nach Nordosten schießendes Gebilde). Jetzt war auch sehr deutlich der Kern der Orkanzyklone erkennbar mit dem engräumigen Wirbel bei Südschottland. Somit war auch klar, daß die Wirbelstruktur der Wolken die rückwärtige Neigung des hochbaroklinen Systems widerspiegelte : Am Boden der Kern über der Nordsee, im Wolkenbereich der Höhe aber noch über Schottland.
Die Ostnordostverlagerung von „Erwin“ hielt in den nächsten Stunden weiterhin an, so daß um 12 UTC das inzwischen deutlich okkludierende Orkantief vor der südnorwegischen Küste erschien, mit einem Kerndruck von nun unter 960 hPa. Das „Rapid Development“ hatte also seinen Fortgang genommen :
Boden-Analyse DWD 08.01.05 12 UTC :

Sehr markant am Boden jetzt der rückseitige Drucktrog über der Nordsee. Hier beobachtete man auch die stärksten Druckgradienten. Zusammen mit Labilität der Schichtung (kalter Höhentrog) bedeutete das neben sehr starken Mittelwinden auch Orkanböen.
Die 500 hPa-Analyse zeigt, daß der Höhentrog ebenfalls ostwärts weitergewandert war und jetzt das Bodentief nur noch ganz knapp unter der Vorderseite lag :
GME-Analyse 500 hPa 08.01.05 12 UTC :

Die Verkürzung der Phasenabstände (vorher noch deutliche Differenz zwischen oben und unten, jetzt schon fast senkrechte Achse) deutete an, daß die Hauptentwicklung nun ihren Abschluß gefunden haben würde Beim Blick auf die 850 hPa-Analyse kam ein weiteres Moment zum Ausdruck, das bei der bis dahin heftigen Entwicklung sicher eine Rolle gespielt haben muß :
GME-Analyse 850 hPa 08.01.05 12 UTC :

Der Kern von „Erwin“ besaß unübersehbar einen „warmen“ Kern. Dieser war sogar bis zur Höhe von 500 hPa angedeutet (s.oben). Was hieß das? Infolge der besonders starken Hebungsprozesse im Kernbereich war dort verstärkt Kondensationswärme frei geworden. Dies förderte aber (wie Sensibilitätsrechnungen und Theorie zeigen) die Zyklogenese.
Wie präsentierte sich jetzt die Orkanzyklone im Satellitenbild?
IR-Satellitenbild (Meteosat, DWD) 08.01.05 12 UTC :

Das IR-Satellitenbild bewies zu dieser Zeit Strukturen der vollkommenen Verwirbelung. Der Okklusionsprozeß hatte eine ausgeprägte und gebogene Okklusionsfrontbewölkung mit relativ hohen Obergrenzen erzeugt (Südnorwegen). Das nicht mehr ganz so „imposante“ Bild wie noch an den Vorterminen war ein weiteres Zeichen, daß jetzt der Höhepunkt der Entwicklung abgeschlossen war.
In den nach 12 UTC folgenden 6 Stunden griff „Erwin“ mit seinem nun gleichbleibenden Kern (unter 960 hPa) auf Südnorwegen und Mittelschweden über. Ein extremer Druckgradient überdeckte dabei am Boden Dänemark, Südschweden und die Ostsee :
Boden-Analyse DWD 08.01.05 18 UTC :

Diese Druckverteilung zusammen mit der Situation um 12 UTC ließ erwarten, daß über der Nordsee, Dänemark, Südschweden und der Ostsee die stärksten Winde beobachtet wurden. Dies wird durch die beiden abschließenden Abbildungen mit Mittelwind von 15 UTC und 6h-Maximalböen von 18 UTC bestätigt :
Mittelwinde 08.01.05 15 UTC :

Maximalböen 6h 08.01.05 18 UTC :

Die 15 UTC-Karte beweist, daß zumindest über Dänemark und der südlichen Nordsee Mittelwinde von über 50 Knoten aufgetreten waren, später z.T. auch über Südschweden und der Ostsee. An der Küste und den küstennahen Bereichen Deutschlands übertrafen die Mittelwinde immerhin teilweise auch noch 30 und 40 Knoten. Die stärksten Böen wurden über der Nordsee (84 Knoten) bzw. über Dänemark (89 Knoten) gemessen, aber auch sonst lagen die Spitzenwerte dort vielfach über 70 Knoten. Im deutschen Küstenbereich wurden teilweise Orkanstärken (64 Knoten) erreicht.
Wetterfuchs



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