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Kyrill 18.01.07 : Strukturentwicklung Mitteleuropa
geschrieben von: Wetterfuchs (IP-Adresse bekannt)
Datum: 19. März 2007 13:41

In meinem ersten Posting („Kyrill 18.01.07:Großräumige Entwicklungsstrukturen“) hatte ich die synoptisch-skaligen Aspekte der Entwicklung und Strukturen des ungewöhnlichen Orkans „Kyrill“ aufgezeigt. Im zweiten Posting soll nun detaillierter auf die am Ende gestandene mitteleuropäische Entwicklung von Kyrill eingegangen werden. Grundlage dafür sind regionale Satellitenbilder, diverse Radarbild-Informationen und synoptische Datenquellen. Hier nicht speziell behandelt werden die weitgehend gesicherten und Verdachtsfälle von Tornados während der Kyrill-Wetterlage.
BESONDERHEITEN DER SATELLITENBILD-STRUKTUREN, IHRE ENTWICKLUNG UND ZUORDNUNG :
Einen Einblick in die strukturelle Gesamtsituation über Mitteleuropa am 18.01.07 bieten am besten Meteosat-Satellitenbilder in Kombination mit synoptischen Bodendaten (Java-MAP, DWD). Die atlantischen Analysen vom ersten Posting hatten gezeigt, daß das Orkantief Kyrill (als Kyrill 2) sich am frühen 18.01.07 mit hoher Verlagerungsgeschwindigkeit von Westen her den Britischen Inseln näherte :
Ausschnitts-Bodenanalyse (DWD) vom 18.01.07 00 UTC :

Ausschnitts-Bodenanalyse (DWD) vom 18.01.07 06 UTC :

Der Kern von Kyrill 2 erreichte kurz nach 06 UTC das Seegebiet an der Nordküste Irlands, seine Fronten (Warm- und Kaltfront) überquerten gleichzeitig die Britischen Inseln. Dieser Vorgang steht am Anfang des folgenden Loops mit Satellitenbildern im 3h-Abstand :
IR-Sat-Loop Meteosat + Synops 3 h Intervall 18.01.07 00 UTC bis 19.01.07 00 UTC :

Beim Übergreifen der Fronten auf die Britischen Inseln fällt im IR-Satellitenbild zunächst am stärksten das hochreichende (helle) Wolkengebiet auf, das bereits bei der Atlantik-Übersicht des 1.Postings erwähnt wurde und das sich innerhalb des Warmsektorbereiches gebildet hatte. Es bewegte sich , wie man sieht, über Frankreich hinweg ostwärts und verschmolz dann mit dem Südteil der Warmfrontbewölkung. Im Norden war diese bogenförmig mit der Kaltfrontbewölkung des inzwischen über Skandinavien angelangten Vorläufertiefs verbunden. Relativ komplex entwickelten sich die Verhältnisse an der Kaltfront von Kyrill: Nach Aussage des Loops griff vom Atlantik kommend jetzt jener Dry Slot von Westen her über, dessen Auftreten schon über dem Atlantik mit der Entwicklung von Kyrill verbunden war und sich durch Fehlen hoher bis mittelhoher Bewölkung mit dunklerem Grau im IR bemerkbar machte . Etwa ab 09 UTC, als der Dry Slot die Nordsee erreicht hatte, noch klarer aber ab 12 UTC, konnte man an einem Band niedrigerer Wolken innerhalb des Dry Slots die (Boden-) Kaltfront von Kyrill identifizieren. Daß es sich hierbei wirklich um die Kaltfront handelte, ergibt sich eindeutig aus einer „Rückwärtsbetrachtung“, ausgehend von den anschließenden Verhältnissen über Deutschland. Die beiden nachfolgenden Abbildungen bieten zur weiteren Klärung den Vergleich von IR- und Vis-Satellitenbildstruktur für 12 UTC, sie demonstrieren die Zuordnung von Dry Slot und Kaltfront noch einmal sehr klar :
IR-Satellitenbild + Synops 18.01.07 12 UTC :

Vis-Satellitenbild + Synops 18.01.07 12 UTC :

Im Visbild fällt typischerweise das hell reflektierende Kaltfrontwolkenband mit den tiefen bis mittelhohen Wolken über der südlichen Nordsee besonders auf. Meteorologisch handelte es sich bei diesem Fall der Zuordnung von Dry Slot und frontalem Wolkenband um eine deutliche Splitfrontsituation.
Verfolgt man den Satellitenbild-Loop weiter, so sieht man, wie die Kaltfront sich spätestens ab 19 UTC (der 18 UTC-Termin stand nicht zur Verfügung) dann auch im IR als markanteres, von Konvektion mitbestimmtes und zyklonal verbogenes Wolkenband vom Umfeld abhob. In dieser Zeit überquerte die Kaltfront mit hoher Dynamik, wie die Radarbilder zeigen werden, den Osten Mitteleuropas. Um 19 UTC bewegte sich die Kaltfront dabei auf das Erzgebirge zu. Das Ganze hier noch einmal als IR-Standbild :
IR-Satellitenbild + Synops 18.01.07 19 UTC :

RADARBILDSTRUKTUREN, WINDFELD- UND SQUALL-LINE-ENTWICKLUNG ÜBER DEUTSCHLAND :
Das Übergreifen von Kyrill löste in Deutschland 3 markante Wetter- und Strukturentwicklungen aus :
1. In der gesamten Region die Ausbreitung eines markanten Sturmfeldes
2. Starkniederschläge besonders im Norden der Bundesrepublik
3. Die Bildung einer ungewöhnlich starken Kaltfront-Gewitter-Squall-Line über dem Norden und Osten
Dazu zunächst noch einmal der Blick auf die Bodenanalysen von 12 und 18 UTC :
Ausschnitts-Bodenanalyse (DWD) vom 18.01.07 12 UTC :

Ausschnitts-Bodenanalyse (DWD) vom 18.01.07 18 UTC :

Der äußerst druckgradientstarke Warmsektor von Kyrill griff demnach am Morgen des 18.01.07 auf Mitteleuropa über. Der Druckgradient blieb auch mit Einschwenken der nachfolgenden Kaltfront und auf deren Rückseite am Abend sehr stark .
Aus der Radar- und Windfeld-Perspektive sah der Ablauf am 18.01.07 dabei folgendermaßen aus, demonstriert mit einem Radar-Komposit-Wind-Loop im 3 h-Intervall :
Radar-Komposit-Loop Mitteleuropa + Wind 3h-Intervall 18.01.07 00 UTC – 19.01.07 00 UTC (Java-MAP, DWD) :

Schon um 00 UTC des Tages hatte sich flächiger Niederschlag zum Westen und Südwesten Deutschlands vorgeschoben. Bis zum Mittag waren dann alle Gebiete erfaßt, ab jetzt und nachfolgend mit besonderem Schwerpunkt im Norden. Dort erreichte die 24-stündige Niederschlagsmenge (06 UTC – 06 UTC) vielfach Werte zwischen 20 und 40 mm, örtlich auch mehr. Dies bedeutete zusammen mit dem Sturmfeld eine unangenehme Schlagregen-Lage. Hohe Mittelwindgeschwindigkeiten (20 Knoten, in exponierten Lagen auch mehr) erfaßten zunächst den Südwesten und Süden, ab Mittag auch den Norden und Osten. Dort verschärfte sich die Lage zu einem markanten Höhepunkt, als nach 12 UTC, im Loop besonders sichtbar ab 15 UTC, eine für den Winter ungewöhnlich Radarecho-starke Squall-Line von der Nordsee her kommend südostwärts schwenkte. Die Squall-Line verkörperte die Kaltfront von Kyrill. Sie erreichte über das Erzgebirge hinweg gehend noch vor 21 UTC das Gebiet von Tschechien. Nach Westen hin war die Linie deutlich weniger ausgeprägt und hing auch im weiteren Verlauf dort spürbar zurück. Dennoch blieb im Südwesten und Süden die Sturmlage bis zum Ende des Tages erhalten und erreichte z.T. erst jetzt, wie z.B. in Bayern, ihren Höhepunkt. Im Norden flaute der Sturm nach Durchgang der Kaltfront zwar vorübergehend ab, er frischte aber zum Abend hin wieder auf alte Stärken auf, als unter dem rückseitigen Höhentrogbereich der Gradient wieder anzog und sich gleichzeitig einige nachlaufende kürzere Squall-Lines bildeten. Erst in der Nacht war auch hier die bedrohliche Lage vorüber.
Die Kaltfront-Squall-Line hatte, wie die Radarbilder bewiesen, im Norden und Nordosten geradezu sommerliche Wetterintensität. Dies war die Folge einer ausgeprägten Eigendynamik der Squall-Line. Detailstudien deuten daraufhin, daß diese markante Eigendynamik sich genau in dem Moment einstellte, als die Kaltfront von der Nordsee her auf das Festland übergriff. Aus einer zunächst praktisch Kaltfront-parallelen bodennahen Strömungs-Situation entstand innerhalb kürzester Zeit ein rückseitiges mesoskaliges, zur Kaltfront hin gerichtetes konvergentes Windfeld. Offensichtlich als Folge davon entstand die extrem schmale Linie mit hoher Radarecho-Intensität. Es liegt der Verdacht nahe, daß der mesoskalige Wechsel der Windfeldstruktur an der Kaltfront eine Folge der Reibung über Land war. Ähnliche Squall-Line-Entwicklungen beim Übergang vom Meer auf das Land konnten auch schon in anderen Fällen beobachtet werden. Den beschriebenen Vorgang verdeutlicht die nachfolgende Serie mit 4 regionalen Radarkomposits im 2h-Abstand :
Regionales Radarkomposit mit Windmeldungen 18.01.07 13 UTC :

Regionales Radarkomposit mit Windmeldungen 18.01.07 15 UTC :

Regionales Radarkomposit mit Windmeldungen 18.01.07 17 UTC :

Regionales Radarkomposit mit Windmeldungen 18.01.07 19 UTC :

Man sieht : Noch beim Übertritt der Kaltfront auf das Land (13 UTC) gab es fast nur Kaltfront-parallele Winde. Schon um 15 UTC war deutliche Windkonvergenz im unmittelbaren Rückseitenbereich vorhanden und die Echolinie hatte sich verschärft und präsentierte sich jetzt anders als um 13 UTC als geschlossenes Gebilde. Im weiteren Verlauf blieben diese Strukturmerkmale erhalten und teilweise gab es sogar die sonst nur im Sommer auftretenden Echo-Bögen innerhalb der Squall-Line („Bow-Echos“), stets Anzeichen für eine kräftige Böenlage. Mit der über Land eingetretenen Intensivierung der Linie bildeten sich vielfach kurze, z.T. heftige Gewitter. Das spiegelt sich u.a. im folgenden Radarkompositbild mit Wind-, Temperatur- und Wettermeldungen von 18 UTC wider :
Radarkomposit + Wind-, Temperatur- und Wettermeldungen 18.01.07 18 UTC:

Diese Karte zeigt noch einmal alles : Erstens die erhebliche, mesoskalige Konvergenz des Windfeldes an der Linie, wobei der Wind im weiteren Rückraum sichtbar wieder zurückdrehte, zweitens die Tatsache, daß es sich um die Kaltfront von Kyrill handelte (deutlicher Temperaturrückgang hinter der Linie), drittens den heftigen Wind vor und an der Kaltfront mit zwischenzeitlichem Abflauen dahinter und viertens die Bow-Echos. Das zeitliche Auftreten der weitgehend gesicherten und möglichen Tornadofälle im Osten (s. unter „Naturgewalten“, Thomas Sävert) deckt sich mit der Situation in dieser Karte. Die außergewöhnliche Squall-Line kann somit als Auslöser dieser Fälle angesehen werden. Eine weitergehende Diagnose dazu soll in diesem Posting aber nicht vorgenommen werden.
DIE VERTEILUNG DER MAXIMALBÖEN IN DEUTSCHLAND :
Die zerstörerische Kraft von Kyrill in Deutschland kulminierte in den aufgetretenen Maximalböen. Da sie auf einem schon sehr hohen Mittelwind-Niveau aufsetzten, waren die Spitzenwerte der Böen sehr verbreitet im hohen Sturm- oder Orkanbereich. Wie die Mittelwindübersicht in den Radarkomposits vom Vorkapitel zeigte, baute sich die Sturm- und Orkanlage in der ersten Tageshälfte auf und erlebte ihren Höhepunkt in der zweiten Tageshälfte. Die 4 folgenden Abbildungen geben die jeweils 6-stündigen Maximalböen in Mitteleuropa wieder, und zwar bis 06 UTC, 12 UTC, 18 UTC und 00 UTC wieder (JavaMAP, DWD) :
6-stündige Maximalböen 18.01.07 06 UTC :

Bis 06 UTC wurden demnach Sturmböen außer auf exponierten Berglagen hauptsächlich schon im Südwesten Deutschlands (Oberrheinebene) registriert.
6-stündige Maximalböen 18.01.07 12 UTC :

Bis 12 UTC dehnte sich das Feld mit starken Böen auf den gesamten Süden, den Westen und den Nordwesten Deutschlands aus. Maximalböen mit Sturmstärke oder sogar darüber traten dabei aber noch nicht flächendeckend auf. Dies änderte sich dann wesentlich bis zum 18 UTC-Termin :
6-stündige Maximalböen 18.01.07 18 UTC :

Sturmböen mit mindestens 41 Knoten beobachtete man zwischen 12 und 18 UTC, wie man sieht, in fast allen Bereichen. Die Grenze zu starken Sturmböen (>=48 Knoten) wurde im Norden fast durchweg, in den anderen Gebieten teilweise überschritten. In der Nordhälfte überschritten die Spitzenwerte teilweise sogar die Schwelle orkanartiger Böen (>= 56 Knoten) mit Schwerpunkten in Teilen Nordrhein-Westfalens, in Niedersachsen und im Süden der östlichen Teile Deutschlands (Thüringen, Sachsen-Anhalt, Branenburg, Sachsen). Örtlich gab es dabei selbst in den Niederungen volle Orkanwerte (>= 64 Knoten).
6-stündige Maximalböen 19.01.07 00 UTC :

Bis 00 UTC entspannte sich die Lage in den meisten Regionen noch kaum, im Südosten Bayerns sowie teilweise in Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und in den südlichen Bereichen der neuen Bundesländer wurde sogar erst jetzt der Höhepunkt der Sturm- und Orkanböen erreicht.
DIAGNOSTISCHER HINTERGRUND DER STURM- UND ORKANBÖEN :
Die Frage, die sich im Zusammenhang mit den beobachteten Maximalböen stellt, ist, welche Effekte an ihrem Zustandekommen beteiligt waren. Im Vorfeld von Kyrill wurde im Forum wiederholt auf die mögliche Rolle der Winde in 850 hPa hingewiesen, die ein Maßstab für die zu erwartenden Böen seien, da es bei solch einer Lage mit zusätzlich labiler Temperaturschichtung zu einem höher reichenden Vertikalaustausch der Windgeschwindigkeiten komme . Grundsätzlich erfordert eine stärkere Böigkeit in der Tat immer eine deutliche Windzunahme mit der Höhe und gleichzeitig einen Mechanismus, der für den Vertikalaustausch sorgt. Ist die vertikale Temperaturschichtung bei Windzunahme mit der Höhe deutlich labil (z.B. trockenadiabatisch), so kommt es zu einem höher reichenden Impulsaustausch als bei stabilerer Schichtung. Reicht eine solche Labilität genügend hoch hinauf, so kann tatsächlich die 850 hPa-Fläche ein erster Anhaltspunkt für die Abschätzung von Maximalböen sein. Natürlich ist dabei auch der Grad der Windzunahme mit der Höhe ein wichtiger Faktor. Bei starkem vertikalen Windgradienten werden selbst bei nicht so labiler Temperaturschichtung schon stärkere Böen auftreten. Kombiniert sich beides, starke Windzunahme mit der Höhe und sehr labile Schichtung, kann es zu extremer Böigkeit kommen. Die hiermit beschriebene Böigkeit kann als „trockene“ Böigkeit beschrieben werden. Bei Schauern und Gewittern kann es zusätzlich zu starken Fallböen als „Downburst“ kommen. Dabei verbindet sich Vertikaltransport hoher Windgeschwindigkeit von oben nach unten mit thermischer Zirkulationenergie des Schauers und Gewitters.
Bei der Wetterlage von Kyrill traten alle hier beschriebenen Effekte auf. Zunächst einmal war bereits das Mittelwindniveau bodennah sehr hoch, so daß jegliche Böigkeit bereits Windspitzen im höheren Bft-Bereich erzeugen mußte. Zudem beobachtet man in den Radiosondenaufstiegen (zusätzlich durch die Windmeldungen der Bergstationen belegt) schon in den untersten 1000 m eine teilweise extrem starke vertikale Windzunahme. Dies galt auch für den Warmsektor und deshalb wurden dort konsequenterweise auch schon sehr hohe Böengeschwindigkeiten erreicht. Als Beleg hier die 12 UTC-Aufstiege von Essen, Lindenberg und München :
Radiosondenaufstieg Essen 18.01.07 12 UTC :

Radiosondenaufstieg Lindenberg 18.01.07 12 UTC :

Radiosondenaufstieg München 18.01.07 12 UTC :

Die unterste Temperaturschichtung war in Essen und Lindenberg im Warmsektor etwa feucht-indifferent (rote Temperaturlinie), dafür beobachtete man dort aber schon unterhalb 900 hPa Windwerte von mehr als 50 Knoten. D.h. eine extreme vertikale Windschichtung kombinierte sich hier mit gemäßigter Temperaturschichtung. Anders in München : Unterhalb einer Inversion war die Temperaturschichtung um diese Zeit dort trocken-adiabatisch (vgl. mit grünen Trocken-Adiabaten), gleichzeitig die vertikale Windzunahme (noch) nicht so extrem. Im Ergebnis gab es aber auch hier schon sehr starke Böen.
Einen besonders hochreichenden Vertikalaustausch konnte man dann an der Kaltfront/Squall-Line und im rückwärtigen Bereich unterhalb des Höhentroges annehmen. Für 18 UTC lag nur 1 Radiosondenaufstieg und zwar der von Lindenberg vor, der die Verhältnisse direkt an der Squall-Line widerspiegelte :
Radiosondenaufstieg Lindenberg 18.01.07 18 UTC :

Die Lage an der Squall-Line wird durch die folgende Radarkompositkarte von 18 UTC klar, in der zusätzlich die 1-stündigen Maximalböen eingetragen sind :
Radarkomposit + 1-stündige Maximalböen 18.01.07 18 UTC:

Die Schichtung in Lindenberg war oben (noch) feuchtindifferent bis leicht feuchtlabil (vgl. mit roter Konvektionkurve), unterhalb 850 hPa aber fast trockenadiabatisch. Hier konnten, wie man sieht, Windgeschwindigkeiten bis 850 hPa hinauf (zwischen 50 und 80 Knoten) heruntergemischt werden. Die 1-stündigen Maximalböen betrugen entsprechend längs der Squall-Line an Synopstationen bis zu 60 und 64 Knoten, lokal sicher auch noch höher. Man kann in jedem Fall auch von kräftigen Downbursts ausgehen, sieht man von den in Frage stehenden Tornados mal ab. Nach der Phase relativer Beruhigung hinter der Squall-Line („bloß“ normale Sturmböen), lebte die Böentätigkeit bei sichbarer Labilisierung der Temperaturschichtung (Schauerstaffeln) wieder stärker auf. Dort erstreckte sich der Vertkalaustausch also wieder über eine größere Höhenschicht, wahrscheinlich wie an der Squall-Line bis rund 850 hPa.
RESUME‘ :
1. Bei Annäherung von Kyrill an die Britischen Inseln und die Nordsee zeigten die Satellitenbilder einen gut ausgeprägten Dry Slot. Dieser Dry Slot überrannte die Kaltfront von Kyrill im Sinne einer Splitfront-Situation.
2. Über Deutschland nahmen die Mittelwindgeschwindigkeiten vor Übergreifen der Kaltfront im Warmsektor von Kyrill flächendeckend auf Werte in den Niederungen von teilweise über 20 Knoten zu, auf Berggipfeln wurden schon Sturmstärken erreicht.
3. Zusätzlich zum Sturm gab es vielfach Niederschläge, die im Norden ihren besonderen Schwerpunkt hatten .
4. Ab dem Mittag entwickelte sich aus der radarmäßig zunächst eher unscheinbaren Kaltfront beim Einschwenken von der Nordsee auf das Binnenland eine für die Jahreszeit äußerst markante Squall-Line, die den gesamten Norden und Nordosten sowie Teile der Mitte Deutschlands erfaßte und im Laufe des Abends auch Tschechien erreichte.
5. Die Squall-Line war durch eine auffällige Eigendynamik gekennzeichnet, was sich u.a. im mesoskaligen konvergenten Windfeld und kurzen, heftigen Gewittern zeigte.
6. Die mit Kyrill verbundenen Maximalböen erreichten in der zweiten Tageshälfte des 18.01.07 besonders in der Mitte, im Norden und Nordosten, sowie generell auch auf den Bergen starken Sturm bis Orkan. Die Böen kulminierten besonders in der Squall-Line.
7. Diagnostisch kombinierten sich bei den Böen die Effekte von verschiedener vertikaler Temperatur- und Windschichtung. Besonders an der Squall-Line und im weiteren Rückraum der Squall-Line kam es bei höher reichendem Vertikalaustausch auch zu Downbursts. Die Fälle mit hoher Tornadowahrscheinlichkeit standen wesentlich im Zusammenhang mit der Squall-Line.
Wetterfuchs



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