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Kyrill 18.01.07: Großräumige Entwicklungsstrukturen
geschrieben von: Wetterfuchs (IP-Adresse bekannt)
Datum: 19. März 2007 13:38

SCHÄDEN UND METEOROLOGISCHE BEDEUTUNG VON KYRILL
Kein anderes Wetterereignis des abgelaufenen extrem milden Winters 2006/2007 hatte so verheerende Wirkungen und Schäden wie der Orkan „Kyrill“ vom 18.01.07. Kyrill war ein West- und Mitteleuropa flächendeckend erfassendes Orkantief, bei dem allein in Deutschland mindestens 13 Tote zu beklagen waren. Orkanböen wurden insbesondere in einem mittleren westöstlichen Streifen von Deutschland sowie auf exponierten Berggipfeln registriert mit Spitzenwerten bis über 100 Knoten. Diese Verhältnisse bewirkten, daß z.B. in Nordrhein-Westfalen die bisher größten dort bekannten Waldschäden eintraten. Die Bahn mußte vielfach den Zugverkehr einstellen. Stromausfälle behinderten das öffentliche Leben. Schulen wurden vorübergehend geschlossen. Neben größeren flächenhaften Orkanschäden brachte Kyrill auch erhebliche lokale Wind-Schäden, zu ihnen zählen u.a. 3 weitgehend gesicherte Tornadofälle, in Brandenburg (Lauchhammer, Brachwitz) und Sachsen-Anhalt (Wittenberg). Schäden und meteorologische Strukturen der Wetterlage macht Kyrill nur vergleichbar mit besonders folgenreichen früheren Sturmereignissen wie „Jeanett“ vom 27.10.2002, „Niedersachsen-Orkan“ vom 13.11.1972 oder die großen Orkane des ebenfalls ungewöhnlich milden Winters 1989/1990 (u.a. „Daria“, „Vivian“ und „Wiebke“). In regionaler Intensität wurde der Fall von Kyrill in Deutschland nur von „Lothar“ (26.12. 1999, Südwesten + Süden) und „Anatol“ (03.12.1999, Norden) getoppt.
BISHERIGE AUSWERTUNGEN UND ANALYSEN :
Neben aktuellen Schadensberichten zu Kyrill gab es nach dem Ereignis auch eine Reihe ausführlicherer Analysen und Auswertungen. Nennen möchte ich z.B. die beiden Arbeiten von DWD (Forumshinweis A. Friedrich, 01.03.07) und Meteomedia (Forumshinweis St.Laps 06.02.07). Sehr lesenswerte Ausarbeitungen stammen außerdem von Felix Welzenbach („Nordkette“), Michel Oelschlägel („Michel(Erzgebirge)“) und Marco Puckert, alle über die Kyrill-Seite von „Naturgewalten“ (Thomas Sävert) erreichbar. Die Arbeiten deckten jeweils unterschiedliche Aspekte von Kyrill ab. Die Beiträge der beiden Wetterdienste dokumentierten neben der großräumigen und mitteleuropäischen Entwicklung einschließlich Modellhinweisen auch den Warndienst und dessen Verifikation ab. Michel Oelschlägel analysierte bei Kyrill besonders die Schadensentwicklung in Sachsen. Felix Welzenbach und Marco Puckert widmeten sich ganz den synoptisch-skaligen und regionalen Strukturen und Entwicklungen, Felix Welzenbach unter Beachtung struktureller Besonderheiten über dem Atlantik..
Die von mir vorgenommenen Auswertungen und Diagnosen umfassen 3 Einzel-Postings. Das 1.Posting diagnostiziert unter großräumigen Aspekten den Gesamtablauf der Entwicklung von Kyrill am Boden und in der Höhe, ergänzt durch die Analyse der Satellitenbilder im atlantischen Bereich. Im 2.Posting geht es um Details und Interpretation der regionalen Strukturentwicklung von Kyrill speziell über Mitteleuropa mittels Satellitenbild-, Radar- und synoptischen Daten, wobei aber die Behandlung der Tornadofälle ausgeklammert wurde. Im abschließenden 3.Posting werden die verschiedenen vorgelegenen Modellprognosen verifiziert und bewertet.
GROßRÄUMIGER ABLAUF VON KYRILL AM BODEN :
Die Entwicklung von Kyrill erstreckte sich vom 16.01.07 bis 19.01.07 zwischen der amerikanischen Ostküste und Osteuropa und gehörte zur Klasse der ausgeprägten südlichen Westlagen-Entwicklungen. Einen Überlick über die Verhältnisse am Boden bieten die Boden-Analysen des DWD, die hier in räumlichen Ausschnitten wiedergegeben werden sollen :
Ausschnitts-Bodenanalyse (DWD) vom 16.01.07 18 UTC :

Am Beginn der Entwicklung zeigte sich Kyrill am späten 16.01.07 bereits als markante Warmsektorzyklone knapp südlich von Neufundland (im Kartenausschnitt links oben) mit einer Kernisobare von 990 hPa. Über dem Nordatlantik und Nordeuropa existierten um diese Zeit zwei mächtige Vorgängerzyklonen. Der nachfolgende Loop in 6h-Intervallen vom 16.01.07 18 UTC bis zum 19.01.07 06 UTC zeigt neben der strukturellen Entwicklung besonders die rasante Verlagerungsgeschwindigkeit von Kyrill :
Loop mit Ausschnitts-Bodenanalysen (DWD) zwischen 16.01.07 18 UTC
und 19.01.07 06 UTC :

Kyrill bewegte sich in den ersten 1 ½ Tagen längs einer angenähert westsüdwest-ostnordöstlichen Linie (man beachte zur Orientierung die eingegebenen gebogenen Breitenkreise). Dabei erreichte Kyrill am 17.01.07 18 UTC die Breitenlage von etwa 53°N südwestlich von Island und entwickelte bis dahin eine Kernisobare von 960 hPa. Das bedeutete eine Vertiefung von 30 hPa innerhalb von 24 h, somit die Kriterien eines „explosive developments“ erfüllend. Für jede (manuelle oder numerische) Bodenanalyse über dem offenen Atlantik ist es aufgrund lückenhafter und teilweise nicht verläßlicher Meßdaten schwierig, ein fehlerloses Ergebnis zu liefern. Man muß daher auch für die vorliegende Analysen-Serie eine gewisse Toleranz der Unsicherheit von Lage und Kernintensität einräumen. Zur Unsicherheit gehörte auch die Frage, wann und in welchem Umfang aus der anfänglichen Warmsektorzyklone eine entwickelte Zyklone mit Okklusionsfront wurde. Ausgehend von der gezeigten manuellen DWD-Analyse setzte ab etwa 18 UTC der Prozeß der Okklusionsfrontbildung ein. Dieser Frage wird mit Hilfe der rein numerischen Analysen und Satellitenbild-Interpretationen anschließend noch weiter nachgegegangen.
Ab frühen 18.01.07 verlagerte sich Kyrill, wie der Loop zeigt, dann bis zum Ende der Entwicklung über Osteuropa ziemlich genau in östliche Richtung. Noch vor Erreichen von Westeuropa an der Nordküste von Irland am frühen 18.01.07 spaltete sich am Okklusionspunkt der Zyklone ein neuer Kern ab mit einer Kernisobare von 965 hPa, während der alte Tiefkern sich nachträglich abschwächte. Der neue Kern wurde zu Kyrill 2, wie Felix Welzenbach in seiner ersten Analyse bereits aufzeigte und überquerte mit praktisch gleichbleibender Intensität am 18.01.07 die mittlere Nordsee, wobei ein extremer Druckgradient hauptsächlich an dessen Südseite existierte und dieser Mitteleuropa voll erfaßte. Die Kaltfront von Kyrill überquerte bei der Tiefpassage im Laufe des 18.01.07 Deutschland, wobei kurzzeitig auch sein jetzt rückseitiges Sturmfeld besonders den Nordosten unseres Raums beeinflußte.
NUMERISCHE ANALYSE VON FRONTALZONE UND KERNSTRUKTUR VON KYRILL :
Sturm- und Orkan-Entwicklungen wie bei Kyrill setzen nicht nur eine weitläufige, kräftige Frontalzone mit großen horizontalen Temperaturgegensätzen, sondern auch günstige Auslösungsstrukturen voraus. Starke horizontale Temperaturgegensätze als Zeichen großer potentieller Energie, die in wirbelkinetische Energie umgewandelt werden kann, herrschten insbesondere im Ursprungsgebiet von Kyrill über Nordamerika. Dazu hier die interaktiv erzeugte Java-MAP-Kombination (DWD) von Synops und IR-Satellitenbild :
IR-Satbild Goes + Synops Nordamerika 16.01.07 12 UTC :

Auffälligstes IR-Satellitenbild-Merkmal war das langgestreckte Wolkenband vom Seegebiet südlich von Neufundland quer über den Süden der USA bis nach Südkalifornien. Das Wolkenband war Ausdruck und Folge der Trennlinie zwischen extrem kalter Arktikluft im Norden (bis unter –30°C) und sehr warmer subtropischer Luft im Süden (Atlantik, über +20°C). Bei genauerem Hinsehen erkennt man südlich von Neufundland bereits eine Wellenform des Wolkenbandes, die bereits auf die für die 6 Stunden später um 18 UTC dokumentierte Anfangszyklone am Boden hinwies. Nördlich der Welle existierte gleichzeitig ein leicht gebogenes doppelt-strukturiertes mittelhohes Wolkenfeld, das auf die Labradorsee hinaustrat..
Auch im westlichen Teil des Nordatlantik beobachtete man am 16.01.07 einen recht starken horizontalen Temperaturgegensatz. Dies belegt die folgende Nebeneinanderstellung von GME-Analysen von 500 hPa + Temperatur und 850 hPa + Temperatur :
Links GME-Analyse 500 hPa + Temperatur, 16.01.07 12 UTC:
Rechts GME-Analyse 850 hPa + Temperatur, 16.01.07 12 UTC:

Als Folge des außergewöhnlichen horizontalen Temperaturgegensatzes reichte am 16.01.07 12 UTC eine starke Frontalzonenströmung in 500 hPa Breitenkreis-parallel bis etwa zum 30. westlichen Längengrad hinaus und mündete dort in die Höhentrogkonfiguration des oben schon beschriebenen atlantischen Vorläufertiefs. Damit wurde die kommende Verlagerungsbahn von Kyrill weitgehend vorgegeben. Der Temperaturgegensatz über Nordamerika betrug um diese Zeit in 500 hPa-Höhe rund 30 K (-45°C, -15°C). Der außerordentliche Druckflächengradient von 500 hPa deutete die Existenz eines ausgeprägten Jetstreams in noch größerer Höhe an, dessen Kern (gemäß bekannter diagnostischer Regel) genau über dem Hauptdrängungsgebiet des Temperaturfeldes von 500 hPa lag. Weiter unten in 850 hPa bildete sich bereits die Warmsektorstruktur des Kyrill-Tiefs im Geopotential- und Temperaturfeld ab. Der horizontale Temperaturgegensatz war hier in der gleichen Größenordnung wie in 500 hPa. Man beachte ergänzend die Tatsache, daß das angesprochene nördliche mittelhohe Doppel-Wolkenfeld sich eindeutig in der Kaltluft befand.
Verfolgen wir nun die Kyrill-Entwicklung über dem Atlantik anhand der 500 – und 850 hPa-Analysen :
Links GME-Analyse 500 hPa + Temperatur, 17.01.07 12 UTC:
Rechts GME-Analyse 850 hPa + Temperatur, 17.01.07 12 UTC:

Während das atlantische Vorgängertief sich bis 17.01.07 12 UTC zum Raum südlich von Island vorgeschoben und sich gleichzeitig die damit gekoppelte Frontalzonen-„Schiene“ weiter ostwärts ausgedehnt hatte , bildete sich 850 hPa die Intensivierung und Verwirbelung von Kyrill ab. Auf der Rückseite von Kyrill begann die arktische Kaltluft auf den Atlantik auszufließen. Die Temperaturfeldstruktur von 850 hPa innerhalb von Kyrill deutete auf einen Warmsektor hin, der sich im nördlichen Teil zu schließen begann. Von einer typischen Okklusionsfrontstruktur (warme Zunge) konnte aber jetzt, um 12 UTC, noch nicht gesprochen werden. In der Höhe, in 500 hPa, bildete die glatte Frontalzonenströmung vorne eine links-orientiere Diffluenzstruktur aus. Dort existierte also PVA (positive Vorticity-Advektion) der Scherungsvorticity, was erklärte, warum das bodennahe Tief darunter sich intensivierte. Das Scherungs-PVA-Gebiet war dabei nach vorne in die Länge gezogen, was letzten Endes schon hier auf die oben schon angedeutete nachfolgende Okklusionspunkt-Zyklogenese (Kyrill 2) hinwies. Dies wird im Karten-Duo 12 Stunden später noch deutlicher :
Links GME-Analyse 500 hPa + Temperatur, 18.01.07 00 UTC:
Rechts GME-Analyse 850 hPa + Temperatur, 18.01.07 00 UTC:

Die Verwirbelung in 850 hPa war weitergegangen. Das 850 hPa-Geopotentialfeld hattegemäß GME-Analyse eine Art Trogform ostwärts vorgeschoben und das Temperaturfeld konnte man jetzt in Tiefkernnähe als Warmluftzunge interpretieren. Ganz offensichtlich bestand jetzt nicht nur eine Okklusionsfront des etwas zurückhängenden Tiefs, sondern man bekam auch den Eindruck, daß sich vorne (östlich im trogförmigen Bereich) ein neuer Kern bilden könnte. Der Vergleich mit 500 hPa zeigte über dem bisherigen 850 hPa-Tief von Kyrill ebenfalls einen Tiefkern und zwar mit praktisch senkrechter Achse zwischen 850 und 500 hPa. Hier bestanden anders als vorne (östlich) keine positiven Entwicklungsmöglichkeiten mehr, während im vorderen Bereich wie beim Vortermin oben in 500 hPa Scherungs-PVA herrschte, die auf die unteren Schichten einwirkte. Dort konnte neue Entwicklung stattfinden. In diesem Sinne hatte auch Felix Welzenbach in seiner ausführlichen Analyse argumentiert, auch wenn seine frühzeitig angenommene Okklusionsfront mit GME (und den Satellitenbildern, s.u.) nicht bestätigt werden kann.
Beim Blick auf das Geopotential-und Temperaturfeld von 500 hPa und 850 hPa wird im übrigen klar, daß sich Kyrill inzwischen weit aus dem ursprünglichen Feld mit extremen Temperaturgegensätzen heraus bewegt hatte. Was zu diesem Zeitpunkt zusätzlich fehlte, war praktisch eine jegliche Form einer trogvorderseitigen Krümmungsvorticity-Advektion, es hatte sich noch kein Kurzwellentrog in der Höhe gebildet. Dies macht plausibel, warum vom Bodenkerndruck des neuen Kyrill-Tiefs 2 her keine weitere Intensivierung mehr eingetreten war. Die starke Höhenströmung war im Rahmen der vorauseilenden „Anbahnung“ durch das kräftige Vorläufertief als geradliniges Gebilde nun durchgängig von Neufundland bis zur Nordsee existent. Dies änderte sich bei der weiteren Verlagerung von Kyrill im Bereich der Nordsee :
Links GME-Analyse 500 hPa + Temperatur, 18.01.07 12 UTC:
Rechts GME-Analyse 850 hPa + Temperatur, 18.01.07 12 UTC:

Die gezeigten Analysen vom 18.01.07 12 UTC bestätigten zuallererst den eingetretenen Prozess der „Neugeburt“ von Kyrill am alten Okklusionspunkt als Kyrill 2. Das markante Tiefdruckgebilde in 850 hPa über der Nordsee erschien in sich geschlossen mit südlich anschließender Warmsektor-Warmluft. Das alte Kyrill-Tief befand sich jetzt nur noch in Resten südlich von Island bei etwa 57°N. In der Höhe war es inzwischen ganz verschwunden. Die gleichzeitigen numerischen Bodendruck-Analysen von GME lieferten auch einen direkten Hinweis darauf, daß es am Okklusionspunkt zu einer Tief-Neubildung gekommen war. Als Beleg sei hier ein kurzer Loop mit 3 Analyse-Terminen des kombinierten Feldes p0 + CLL im 6h-Abstand gezeigt :
GME-Analyse-Loop 17.01.07 18 UTC - 18.01.07 06 UTC :

Nach GME war der Prozeß der Neubildung von Kyrill etwa 18.01.07 00 UTC oder kurz davor eingetreten. In 500 hPa hatte anders als vorher nun eine Kurzwellenhöhentrogbildung eingesetzt mit Trogorderseite über dem östlichen Teil der Nordsee. Eine Vertiefung von Kyrill 2 trat dennoch nicht ein, da, wie der Vergleich der Geopotentialstrukturen von 850 hPa und 500 hPa belegt, da wenn überhaupt, nur eine sehr geringfügige rückwärtige vertikale Achsenneigung des Systems von Kyrill bestand.
Beim Überqueren von Mitteleuropa trogte Kyrill 2 unter dem Einfluß Tief-rückseitiger Kaltluftadvektion und einem stromaufwärts ausgelösten „Downstream-Development“ (s. Westatlantik) bis zum 19.01.07 00 UTC weiter aus :
Links GME-Analyse 500 hPa + Temperatur, 19.01.07 00 UTC:
Rechts GME-Analyse 850 hPa + Temperatur, 19.01.07 00 UTC:

Obwohl bei dem genannten Vorgang das Bodentief Kyrill 2 bei exakter Ostwärtsbewegung teilweise knapp unter die entwicklungsfördernde Vorderseite des neuen Höhentrogs gelangte, war auch jetzt keine wesentliche Vertiefung des Kerndrucks am Boden damit verbunden, weil offensichtlich der nun höherere Reibungseffekt und die eintretende Schichtungsstabilisierung über Land sich bemerkbar machte. So zeigte sich auch die Situation vom 19.01.07 12 UTC mit leicht rückwärtiger Achsenneigung (und Temperaturasymmetrie) aber in gleicher Stärke über dem russischen Gebiet :
Links GME-Analyse 500 hPa + Temperatur, 19.01.07 12 UTC:
Rechts GME-Analyse 850 hPa + Temperatur, 19.01.07 12 UTC:

ATLANTISCHE SATELLITENBILDSTRUKTUREN VON KYRILL :
Vorstehend wurde die großräumige Gesamtentwicklung von Kyrill und ihre Strukturen mit Hilfe der manuellen Boden-Analysen (DWD) und numerischen Modell-Analysen (GME) dargestellt. Die dazu passende und ergänzende Satellitenbildanalyse konzentriert sich in diesem Posting allein auf die Vorgänge über dem atlantischen Bereich, der, wie erwähnt, eine deutlich größere Datenunsicherheit birgt als im dichter mit Informationen besetzten Mitteleuropa. Die Satellitenbilder bieten über dem Atlantik den Vorteil einer totalen Flächenabdeckung der Information , besitzen andererseits aber auch Grenzen der Interpretierbarkeit, weil die von ihnen gezeigten Wolkenstrukturen und Wasserdampfverteilungen nicht die Verhältnisse unten, sondern je nach meteorologischer Situation nur in verschiedenen Höhen der Troposphäre erfassen. Dies gilt insbesondere für die frühen Entwicklungstadien der Zyklonen, z.B. für Details wie die Position von Tiefkern, Fronten oder Okklusionspunkt. Andererseits bieten bekannte konzeptionelle Vorstellungen im Satellitenbereich unabhängige Anhaltspunkte für die Diagnose. Konkret soll in diesem Abschnitt die Antwort auf die folgenden 5 Fragen gesucht werden :
1. Wo befand sich im Wellen- bzw. Warmsektorstadium jeweils der Kern von Kyrill relativ zu den gezeigten Wolkenstrukturen?
2. Wann trat aufgrund der Form und Veränderung der Wolkenstrukturen die stärkste Entwicklung von Kyrill ein?
3. Gab es Satellitenbildhinweise auf den Zeitpunkt der Bildung der Okklusionfront und die Position des Okklusionspunktes?
4. Konnte man an den Satellitenbildern die Abspaltung von Kyrill 2 ablesen?
5. Gaben die Satellitenbilder Hinweise auf die Lage von Warm- und Kaltfront über dem Atlantik?
Anknüpfungspunkt sei die Situation, wie ich sie bereits eingangs für das Ursprungsgebiet über Nordamerika gezeigt habe :
IR-Satbild Goes + Synops Nordamerika 16.01.07 12 UTC :

Das Goes-Satellitenbild vom 16.01.07 12 UTC zeigte am Ostende des langen Wolkenbandes eine Wolkenwelle südlich von Neufundland. Vergleich man diese Struktur mit der weiter oben gebrachten GME-Analyse von 850 hPa sowie Bodenanalyse von 18 UTC, so haben wir es hier zweifelsfrei mit der anfänglichen Warmsektorzyklone von Kyrill zu tun. Die Wolkenwelle mit mittelhohen und hohen Wolken war ein klassischer „Baroclinic Leaf“, den Beginn eines „Warm Conveyor Belts“ verkörpernd. Genaue Hinweise auf die Lage des Kerns der Warmsektorzyklone konnte das Satellitenbild nicht liefern, der Kern befand sich aber in jedem Fall unter dem strukturell noch ganz von der Höhe bestimmten Scheitelgebiet des Wolkenfeldes. Das parallel nördlich angrenzende doppelt-strukturierte, mittelhohe Wolkenfeld, ganz in der Kaltluft liegend, konnte als Anfangsstufe eines vor starken Zyklogenesen gerne auftretenden „Cloud Heads“ angesprochen werden.
Die weitere Satellitenbild-bezogene Entwicklung von Kyrill kann im folgenden IR-Satellitenbild-Loop (Meteosat, JavaMAP DWD) in ¼-h-Intervallen zwischen 17.01.07 00 UTC und 18.01.07 00 UTC abgelesen werden (in diesem Posting nur bis zum Zeitpunkt des Erreichens der Britischen Inseln) :
IR-Sat-Loop Meteosat 3 h Intervall 17.01.07 00 UTC bis 18.01.07 00 UTC :

Zu Beginn des Loops, am 17.01.07 00 UTC, sieht man am linken Bildrand das massiv hellgrau (hohe) breite und nach Norden deutlich berandete Wolkenfeld des Baroclinic Leafs auftauchen. Es schiebt sich rasch ostwärts vor bei gleichzeitig leichter Nordwärtskomponente. Mächtigkeit und hohe Obergrenzen des Baroclinic Leafs lassen auf einen zu erwartenden starken Zyklogenesevorgang schließen. Der deutliche Rand des Baroclinic Leaf signalisierte die Existenz und angenäherte Position eines mächtigen Jetstreams in der Höhe. Parallel zum zyklonalen Hauptwolkenfeld bewegte sich auch der mittelhohe Cloud Head auf den Atlantik hinaus. Wegen der geringeren Höhenlage des Cloud Heads und der baroklinen Windschichtung (Windzunahme mit der Höhe) war dabei die Bewegung der Wolken des Cloud Head langsamer, so daß der Cloud Head relativ zum Baroclinic zurückblieb. Gleichzeitig verformte er sich bandförmig. Seine Interpretation als „Cold Conveyor Belt“ und Okklusionsfront würde ich in diesem Moment aber noch nicht für gerechtfertigt halten. Denn während des ganzen Vorgangs bis etwa 17.01.07 12 UTC (erster Stopp des Loops) läßt der Cloud Head in Form und Graufärbung noch keinen „aktiven“ Prozeß erkennen, der zweifelsfrei auf die Herausbildung einer Okklusionsfront schließen ließe. Dies würde auch nicht zu den Temperaturfeld-Analysen 500 und 850 hPa von GME passen, die keine Warmluftzunge erkennen ließen. Im übrigen galt auch jetzt noch das, was für die Ausgangssituation gesagt werden konnte: Der bodennahe Tiefkern von Kyrill zeichnete sich im zyklonalen Wolkenfeld noch nicht ab. Die Position mußte man weiterhin irgendwo unter dem breiten Wolkengebiet des Baroclinic Leafs annehmen.
Im zweiten Teil des IR-Satelliten-Loops nach dem 17.01.07 12 UTC setzten dann 2 Vorgänge relativ klar ein :
1. Zunächst entwickelte sich ein zunehmend deutlicher „Dry Slot“, der den Baroclinic Leaf Bereich zu verformen begann.
2. Dann wölbte sich aus dem Baroclinic Leaf heraus eine schmale und hohe keilförmige Wolkenstruktur Warm Conveyor Belt – artig auf, die schließlich sogar rückwärts gerichtet sich über den bisherigen mittelhohen Cloud Head Bereich legte.
Als schmales, inaktives Gebilde existierte ein Dry Slot schon vorher, er wurde aber jetzt rasch breiter und deutlich „dunkler“, was auf aktiv absinkende hochtroposphärische Luft im Rückraum von Kyrill hindeutete. Dieser Vorgang konnte als Satellitenbildzeichen für die Haupt-Intensivierungsphase gelten und deckte sich weitgehend mit den DWD-Bodenanalysen, die von 12 UTC bis 18 UTC eine Vertiefung der Kernisobare um 10 hPa (970 hPa – 960 hPa) anzeigten und das Tief stärker verwirbeln ließen.. Konzeptionell deutend muß man den im Vorkapitel besprochenen neuen Bodenkern von Kyrill (Kyrill2) unter der Spitze des aktiven, WCB-artigen Wolkenkeils ansiedeln, zusammenfallend mit dem Okklusionspunkt. Das letzte Loop-Bild vom 18.01.07 00 UTC zeigte denn dann dort auch eine Art Rotationsstruktur. Der „alte“ Kern von Kyrill (Kyrill 1) war gleichzeitig nur sehr verwaschen erkennbar.
Zum Abschluß einige Betrachtungen darüber, inwieweit die Satellitenbilder die Struktur und genaue Position von Warm- und Kaltfront von Kyrill belegten. In der Frühphase von Warmsektorzyklone und massivem Baroclinic Leaf waren die „unteren“ Strukturen auch bezüglich Fronten total abgedeckt und die Satellitenbilder konnten dazu keinen genaueren Hinweis geben, d.h. die Fronten bildeten sich nicht im Satellitenbild ab. Aber auch während der weiteren Entwicklung des Tiefs waren Identifikation und Positionierung von Warm- und Kaltfront über die Satellitenbilder nur bedingt möglich. Als Beleg dafür seien für die Termine 17.01.07 18 UTC und 18.01.07 00 UTC IR-Satbild und Bodenanalyse DWD nebeneinander gestellt :
Links IR-Satellitenbild 17.01.07 18 UTC:
Rechts Bodenanalyse 17.01.07 18 UTC:

Links IR-Satellitenbild 18.01.07 00 UTC:
Rechts Bodenanalyse 18.01.07 00 UTC:

Beim Termin 17.01.07 18 UTC deutet der Vergleich von analysierter Kaltfront und Wolkenfeld darauf hin, daß die Kaltfront unter dem vorderen Bereich des breiten nach Südwesten zeigenden Wolkenfeldes lag (entspräche „Kaltfronttyp 1.Art“), das Kaltfrontwolkenfeld war noch sehr breit ohne engere Linienstruktur. Die Wolkenmasse der Warmfront befand sich gemäß Bodenanalyse am rückseitigen Rand des hochreichenden, von Südwestengland nach Westen zeigenden Wolkenfeldes. Dies entspricht der Normalbeziehung zwischen IR-Satbild und Warmfrontposition. Als analytisch ausgesprochen komplex erwies sich der nächste Termin 18.01.07 00 UTC. Die analysierte Bodenkaltfront verlor sich inzwischen unter einem diffus und breit wirkenden Wolkenfeld, das Anzeichen eines in oberen Schichten neu einsetzenden Warm Conveyor Belts zeigte. Auch bei der Warmfront war der vorher noch erkennbare Bezug von Frontposition und Wolkenfeldstruktur komplexer geworden. Ein auffällig hohes, neues Wolkenfeld westlich der Biskaya befand sich weit hinter der analysierten Bodenposition der Warmfront, lag also innerhalb des Warmsektors. Die bisherige Warmfrontbewölkung hatte sich inzwischen nach Frankreich vorgeschoben. Möglicherweise handelte es sich bei dem auffälig hohen Wolkenfeld im Warmsektor um die Auswirkung eines dort neu eingesetzten Warmluftschub in der Höhe, unabhängig von den bodennahen (frontalen) Verhältnissen. Dafür geben die gezeigten 500 hPa-Analysen gewisse Hinweise.
RESUME‘ :
1. Das Orkantief Kyrill war zog als Schnell-Läufer auf einer relativ südlichen, weitgehend West-Ost gerichteten Bahn innerhalb von nur 2 Tagen von Neufundland bis nach Mitteleuropa. Dies entsprach wesentlich den Verhältnissen des Orkanwinters 1989/90.
2. Kyrill entstand über Amerika unter dem Einfluß extrem starker horizontaler Temperaturgegensätze mit jetstreamartiger zonaler Frontalzone. Diese schob sich fast geradlinig, bedingt durch ein kräftiges Vorläufertief, immer weiter in den Atlantik vor.
3. Die Kyrill-Entwicklung wurde nach einer ausgeprägten Warmsektorphase des Tiefs über dem Westatlantik dynamisch hauptsächlich von der Ausbildung starker positiver Scherungsvorticity-Advektion in der Höhe bestimmt. Als Folge davon spaltete sich am Okklusionspunkt über dem mittleren Nordatlantik ein neuer Kern als Kyrill 2 ab.
4. Kyrill 2 erreichte dann bei Überquerung der Nordsee, anfänglich noch mit einem starkgradientigem Warmsektor, etwa die gleiche Kernisobare von 960 bzw. 965 hPa wie Kyrill 1 über dem Atlantik.
5. Mit Kyrill 2 trogte die Frontalzonenströmung über Nordsee in der Höher aus, so daß zusätzlich sein Rückseitensturm- und Orkanfeld Deutschland erfaßte. Kyrill 2 zog dann unter zunächst noch gleichbleibender Intensität nach Rußland weiter.
6. Aus der Satellitenperspektive dominierte zunächst ein markanter, nach Norden durch den Jetstream berandeter zonaler Baroclinic Leaf die Struktur von Kyrill. Eine nördlich sich anschließende Cloud Head Konfiguration war ganz von der Kaltluft bestimmt.
7. Die stärkste Entwicklung von Kyrill wurde durch den Vorstoß eines immer breiter und kräftiger werdenden Dry Slot signalisiert. Fast gleichzeitig entwickelte sich die Okklusionsfront unter einem keilförmigen Vorstoß hochreichender Bewölkung. Darunter kristallisierte sich der Kern von Kyrill 3 heraus.
8. Die Frontenanalyse von Warm- und Kaltfront von Kyrill erhielt über dem Atlantik von der Satellitenbildinterpretation nur sehr diffuse Hinweise.
Wetterfuchs



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