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Ein Markstein : Münchener Hagelunwetter 12.07.1984
geschrieben von: org: Wetterfuchs (IP-Adresse bekannt)
Datum: 24. Juli 2002 10:08

Noch ist uns allen die Dramatik des Berliner Unwetters vom 10.07.02 in frischer Erinnerung und auch die in seinem Gefolge aufgeflammten heißen Diskussionen um Warnungen und Vorhersagen für dieses Ereignis und mögliche Verbesserungen des Warnsystems sind noch nicht abgeebbt. Angesichts dessen kramt man unwillkürlich in der Vergangenheit und sucht nach ähnlich dramatischen Gewitterlagen. Es gibt sie und ich will hier (was eigentlich pünktlich zum 18. Jahrestag hatte geschehen sollen und dann durch die Aktualität verdrängt wurde) auf jenes Unwetter eingehen, das am 12.Juli 1984 die Stadt München als das berühmt-berüchtigte "Münchener Hagelunwetter" traf und dort als "Jahrhundert-Ereignis" (Zitat Münchener Rückversicherung) betrachtet werden konnte. Das Hagelunwetter jenes Hochsommertages war ein Markstein nicht nur im Wetter, sondern hatte damals ebenfalls heftige Diskussionen ausgelöst, es füllte für viele Tage die Schlagzeilen von Presse, Funkt und Fernsehen. Es hatte aber auch positive Konsequenzen für die meteorologische Arbeit, indem die Forderung des DWD nach einem modernen Radarverbund für die Gewitterüberwachung plötzlich im Ministerium Gehör fand. 1 Jahr später stand in München nach Schweizer Vorbild die erste digital arbeitende Radarstation, bis 1988 gab es den ersten Ausbau des Radarverbunds des DWD mit 5 Stationen verteilt über die Bundesrepublik.
Für viele, insbesondere junge Forumleser, ist es gar nicht (mehr) vorstellbar, mit welchen Problemen man noch 1984 zu kämpfen hatte, wenn es darum ging, eine Gewitterlage live zu überwachen und einzuschätzen. Die damaligen Wetterradarstationen arbeiteten noch analog, d.h. Radarbilder konnten nich wie heute digital verarbeitet und als Bild-Information ausgetauscht werden. Es gab auch keine abgeleiteten Produkte wie heute. Die S/W-Radarinhalte wurden mit Text beschrieben und konnten nur so als Bulletins den Wetterämtern zur Verfügung gestellt werden. Ähnlich ungünstig sah es bei der Überwachung durch Satellitenbilder aus: Es gab noch keine lokalen Satellitenbildempfangsanlagen, Satellitenbilder wurden in S/W per Fax alle 3 Stunden übermittelt. Erst vor diesem Hintergrund wird klar, daß eine zeigerechte regionale und lokale Warnung vor Schwergewittern damals sehr, sehr schwer, wenn nicht unmöglich war.
Diese Datenlage ist auch der Grund dafür, warum es im Prinzip nicht möglich ist, über dieses Wetterereignis so zu berichten, wie es für heutige Wetterereignisse selbstverständlich erscheint : Es gibt praktisch keine original en graphischen Bildprodukte von damals; die ersten PCs kamen gerade erst auf den Markt, aufwendige Anwendungen dafür waren noch ein Fremdwort. Alles was, ich hier zeige, sind daher für dieses Posting erstellte Scans von damaligen "Hardcopy"-Bild- und Textberichten zum Münchener Hagelunwetter. Eine wesentliche Quelle ist dabei die damals herausgegebene Informationsbroschüre "Hagel" der "Münchener Rückversicherung", deren Informationen und Abbildungen ich hier in Absprache mit Dr.G.Berz hier verwende. Weitere Scans stammen aus einem damaligen Fortbildungs-Skript des DWD zur Gewittervorhersage, hier basierend z.T. auf Darstellungen eines speziellen DWD-Berichts von M.Kurz. Andere Abbildungen stammen aus einer Veröffentlichung des Instituats für Physik der Atmosphäre der DLR in Oberpfaffenhofen. Genutzt werden zusätzlich auch Graphiken aus der Re-Analyse, bereitsgestellt in der Wetterzentrale. Die Qualität einiger Scans kann notgedrungener Weise nicht mit Originalabbildungen von heute verglichen werden.
Die absolut im Vordergrund stehende schadensbringende Wettererscheinung am 1^2.07.84 war der Hagel. Er brach in München gegen 20 Uhr MESZ ein. Es hagelte etwa 20 - 30 Minuten lang mit einer großen Dichte besonders in den westlichen, südlichen und östlichen Stadtteilen. Die Hagelkörner erreichten vielfach 5 - 6 cm Durchmesser, das größte nachgewiesene Hagelkorn wies einen Duchmesser von 9,5 cm und ein Gewicht von 300 g auf. Es soll sogar ein Hagelkorn von 14 cm mit 800 g Gewicht gegeben haben. Zur Demonstration die folgenden 2 Photos :
Hagel im Straßenverkehr und Abbildung des 9.5 cm Hagelkorns :

Die Schäden waren gewaltig. Hier Zitate aus dem Bericht der Münchener Rückversicherung :
"Große landwirtschaftliche Flächen wurden völlig niedergewalzt. Bäume wurden abgerissen, entlaubt oder ihre Zweige abgerissen. ... Die Gewächshäuser und Freilandkulturen der Gärtnereien... wurden fast völlig zerstört. Die Glasscheiben wurden derart zerschlagen, daß nichts anderes übrig blieb , als das Pflanzen-Erde-Glas-Konglomerat in den Gewächshausbeeten gänzlich auszutauschen. .... An etwa 70.000 Gebäuden wurden die Dächer, Fenster, Jalousien, Fassadenverkleidungen , Reklameschilder, Antennen und alles was nicht absolut schlagfest war, zerschlagen, vom Sturm abgerissen oder beschädigt..... Etwa 240.000 im Freien geparkte oder von Autohändlern ausgestellte Autos erlitten im Hagelgebiet Schäden , die von leichten Dellen bis zu regelrechten Kraterflächen, eingeschlagenen Fenstern und Scheinwerfern wie zerfetzten bzw. durchnäßten Polstern reichten...... Der internationale Verkehrsflughafen München-Riem lag ebenso im Hagelgebiet wie der Flugplatz der Fa. Dornier und der Deutschen Forschungs- und Versuchsanstalt für Luft- und Raumfahrt in Oberpfaffenhofen und die Sportflugplätze Neuiberg und Wörishofen. Insgesamt wurden dort 24 Verkehrsflugzeuge, 17 Maschinen der Fa. Dornier und über 150 Sport- und Geschäftsreiseflugzeuge beschädigt. Der mit Abstand größte Einzelschaden trat an einer unmittelbar bei Hagelbeginn gelandeten neuen Boeing 757 auf."
Die sehr plastische Schadensbeschreibung macht klar, daß es neben dem schweren Hagel auch starke Böen und erheblichen Niederschlag gegeben hat : Die Windmesssungen ergaben Spitzenwerte von Beufort 8 im Stadgebiet, in Riem Beaufort 8 - 9, in Neubiberg Beaufort 10. Die erfaßten Niederschlagsmengen reichten bis 30 mm. Da Bilder noch mehr ausdrücken können als Worte, hier 3 Schadensphotos :
Zerfetztes Feld mit Maiskulturen und ein stark beschädigtes Dach :

Zugerichteter VW-Cabrio :

Das Hagelunwetter war keinesweg ein nur lokales Ereignis. Eine Hagelstrich-Analyse der DLR Oberpfaffenhofen zeigte, daß der Hagelstrich sich längs Südbayern, beginnend in Oberschwaben über gewaltige 300 km Länge erstreckte. Dabei gab es neben dem Haupthagelstrich noch 2 Nebenhagelstriche :
Hagelstrich-Analyse :

Länge und Intensität des Hagelstrichs lassen unmittelbar vermuten, daß es sich bei dem Gewitterereignis um ein mesoskaliges konvektives System gehandelt haben muß. Da es keine absolut zeitdeckenden Satellitenbilder sowie zeit- und flächendeckenden Radarbilder von damals gibt, ist die meteorologische Dokumentation daher auch nicht lückenlos. Am beeindruckendsten ist die in Farbe analysierte Abfolge von IR-Satelliten-Bildern, die damals im Bericht der Münchener Rückversicherung erschien. In graphischer Form "fixierte" Radarbilder konnten damals nur schon vom frisch existierenden Schweizer Radarverbund genutzt werden. Dessen Bereich erfaßte von Deutschland nach Osten hin nur Oberschwaben und den Westteil von Südbayern. Die Hauptentwicklung lag radarmäßig also außerhalb der Erfassung.
Der Beginn der Entwicklung lag etwa um 13 UTC im Westteil der Nordseite des Berner Oberlandes. Mit der Höhenströmung (s. unten) wanderten die zunächst harmlos wirkenden Zellen und Cluster zum Bodensee. Dort wurde um 15 UTC ein normales Gewitter gemeldet. Hier das dazu etwa passende erste Sat-IR-Bild :
Sat-IR-Bild von 16.30 MESZ (14.30 UTC):

In grün (Oberflächentemperatur -20/-52°C) sind südlich vom Bodensee die Gewitterzellen sichtbar. Über dem Bodensee splittete sich das System dann auf, während ein linker Teil weiter nordostwärts zog, bewegte sich der rechte Teil in einem Winkel rechts von der Höhenströmung ("Right Moving Cell") mehr Alpen-parallel ostnordostwärts. Etwa im Raum Ravensburg hat die explosionsartige Phase der Entwicklung eingesetzt. Um 18 Uhr MESZ (16.00 UTC) wurde dort (Klima-Station) der erste Hagel beobachtet. Zu diesem Zeitpunkt sah das Sat-IR-Bild folgendermaßen aus :
Sat-IR-Bild 18 Uhr MESZ (16 UTC) :

Die Zelle hatte sich ausgedehnt und weiter an Höhe gewonnen. Die rote Farbe (-52/-57°C) zeigte die Stelle des heftigsten Höhenwachstums. Die Umwandlung in eine gewaltige Superzelle (nach allen damals zur Verfügung gestandenen Kritierien zu urteilen) erfolgte bis 19 Uhr MESZ (17 UTC). Dies kann gleich mit 2 Abbildungen belegt werden : Das IR-Satellitenbild von dieser Zeit und ein genau in dem Moment von der Cockpit-Mannschaft einer Lufthansa-Maschine gemachtes Photo :
Sat-IR-Bild 19 MESZ (18 UTC) :

Die Zelle hatte sich bis 19 Uhr MESZ noch mehr ausgebreitet und erreichte jetzt in einem zentralen Bereich (weiße Farbe) eine Top-Temperatur zwischen -57°/-61°C. Eine von stromaufwärts nachrückende, ebenfall schon recht kräftige Zelle, war auch über der Schweiz entstanden. Das gemachte Photo gehört zum Beeindrucksten aus der Wetterphotographie von damals :
Photo von 19 MESZ (18 UTC) vom Flugzeug aus nach Norden, momentaner Standort etwa Innsbruck :

Der "weiße" Punkt im Satellitenbild war demnach identisch mit dem im Photo sichtbaren "Overshooting". Der Wolkenamboß war gewaltig. Unten am Bildrand waren die Nordalpen bei Innsbruck zu sehen. Links im Bild erkannte man schon die von Westen nachrückende zweite Zelle. Beim Vergleich dieser beiden Bild-Informationen wurde somit der alte "Meteorologentraum" von der dreidimensionalen Wetterschau Realität.
Zum Zeitpunkt des nächsten Sat-IR-Bildes erreichte die Superzelle das Münchener Stadtgebiet :
Sat-IR-Bild 20 Uhr MESZ (18 UTC) :

Das im Bild eingetragene Kreuz kennzeichnet den Standort München (vgl. auch Sat-IR von 19 Uhr MESZ). Man sieht, daß München von dem Gewittersystem mit seinen scharfen Südbereich erfaßt wurde. Dort waren die Wolkenobergrenzen verbreitet um -60°C. Die gebogene Form der "weißen" Obergrenzen war ein typisches Merkmal ("V-Notch") für die hagelträchtige Schwergewitterlage. Die Verlagerungsrichtung des sich jetzt eindeutig in ein MCS verwandelndes Gewittersystem ist genau W-E. Im Laufe des Spätabends erreichte das Gewittersystem das östliche Mitteleuropa und spätestens etwa um 22 Uhr MESZ hatte man es hochwahrscheinlich mit einem echten MCC (Mesoscale Convective Complex) zu tun, was sich später auch im Satellitenbild von 00.30 Uhr MESZ bestätigte (braune Farbe Tops kälter als -61°C) :
Sat-IR-Bild 22 Uhr MESZ (20 UTC) :

Sat-IR-Bild 00.30 Uhr MESZ (22.30 UTC) :

Die nachfolgende zusammenfassende Track-Analyse der DLR zeigt besonders den engen Zusammenhang von Wolkentops, Radar-Maxima und Hagelmeldungen :
Tracking-Analyse :

Zur Besonderheit des Münchener Hagelunwetters vom 12.Juli1984 gehörte damals auch die Struktur der Wetterlage, auf die nun eingegangen werden soll. Genaugenommen gab es damals einschließlich dem Tag mit dem Münchenener Hagelunwetter eine Kette von 3 aufeinanderfolgenden Gewittertagen, auch vorher schon z.T. mit Schwergewitter. Es bestätigte sich einmal mehr, daß Schwergewitterlagen "nicht vom Himmel" fallen, sondern charakteristische Vorentwicklungen haben. Der Scan der Bodenwetterkarte vom 10.Juli zeigt eine Südwestlage für Mitteleuropa mit Einschub sehr warmer Subtropikluftmassen. Das steuernde Druckgebilde war ein kräftiges Tief über dem Atlantk :
Bodenwetterkarte 10.07.84 00 UTC :

Über Frankreich und den Benelux-Staaten befand sich eine schleifende Kaltfront. 500 hPa + Bodendruck sowie 850 hPa der Re-Analyse lassen ebenfalls die Brisanz der Wetterlage erkennen :
500 hPa + Boden 10.07.84 00 UTC :

850 hPa 10.07.84 00 UTC :

Man sieht : Die zum atlantischen Höhentrogsystem gehörende Frontalzone hatte sich im vordersten Bereich bereits von Südwesten her nach Deutschland vorgeschoben. In 850 hPa hatte die 15°C-Isotherme ganz Mitteleuropa überschwemmt, die 20°C-Isotherme näherte sich von Südwesten her. So war klar, daß die Temperaturen an diesem Tag bereits die 30°C-Marke überschreiten würden. In der zweiten Tageshälfte bildete sich über NW- und N-Deutschland eine erste stärkere Gewitterzelle, die abends Hamburg erfaßte. Die damaligen Prognosen beruhten auf den Informationen des "BKF"-Modells des DWD (6 Schichten) und sind hier mit Bodenvorhersagekarten (manuelle Frontenkonstruktion) und 850 hPa wiedergegeben :
Bodenvorhersagekarten vom 10.07.84, gültig bis 12.07.84 :

Vorhersagekarten 850 hPa BKF vom 10.07.84 00 UTC :

Demnach sollte sich bis zum 11.07.84 über Frankreich eine flache Welle herausgebildet haben, die dann nach Skandinavien weiterzieht. Dabei mußte ganz offensichtlich die Warmluftadvektion noch stärker werden, was auch die 850 Pa-Prognosen andeuteten (Isothermen etwas schwach zu sehen). Die Kaltfront mit Welle sollte dann die extreme Subtropikluft langsam nach Südosten abdrängen. Am 12.7.84 00 UTC wurde die Kaltfront quer über Süddeutschland, am Mitte schleifend über dem Alpenraum erwartet. Auch das Isothermenfeld in 850 hPa zeigte prognostisch diesen Vorgang.
Die Situation am Folgetag 11.07.84 bestätigte weitgehend die BKF-Prognosen :
Bodenkarte 11.07.84 06 UTC:

500 hPa + Boden 11.07.84 00 UTC :

850 hPa 11.07.84 00 UTC :

Über Frankreich lag die prognostizierte Bodenwelle. Die Frontalzone hatte sich noch etwas mehr nach Deutschland hineingeschoben und in 850 hPa befand sich schon morgens ganz Süddeutschland innerhalb der 20°C-Isotherme. Da gleichzeitig über dem gesamten Bereich die vertikale Schichtung sehr labil und unten feucht geworden war und dadurch auch deutliche potentielle Instabilität herrschte, kam es schon an diesem Tag in der zweiten Tageshälfte zum Ausbruch schwerer Gewitter . Eine sich rasch zum MCS entwickelnde Zelle (mit weitererer Zelle davor) bewegte sich vom Zentralmassiv kommend über das südwestliche, mittlere und nordöstliche Deutschland hinweg. Es gab Hagel und schwere Sturm- und Orkanböen. Die 500 hPa-Karten zeigten, daß durch eine kurze Welle in 500 hPa innerhalb der markanten Frontalzone die notwendige Hebung ausgelöst worden war.
Man konnte nun erwarten, daß beim Südostwärtsschwenken der Kaltfront auch der Süden von Schwergewittern getroffen wird. Erstaunlicherweise ereignete sich in der Nacht zum 12.07.83, als die Kaltfront am Boden Bayern überquerte, aber keinerlei Gewitter. Außer Wolken, einem vorübergehenden spürbaren Auffrischen des Windes und einem merklichem Temperaturrückgang (am Tage hatte die Höchsttemperatur in München bei unglaublichen 37°C gelegen) tat sich nichts Dramatisches. Der vorher herrschende Föhn hatte, wie die genaueren Analysen später zeigten, die Luft soweit ausgetrocknet, daß keine Auslösung möglich war. Außerdem existierte von der Höhe her kein wesentlicher Hebungsantrieb (im Gegensatz zum Norden). Eine vorher bestehende Unwetterwarnung wurde deshalb abgesetzt. Daß am frühen 12.07.84 der Raum München dann bereits auf der Rückseite der Bodenkaltfront lag, zeigt u.a. die Sonderanalyse von M.Kurz mit 500 hPa + Bodenkarte :
BodenKarte + 500 hPa 12.07.84 00 UTC :

Hinter der Kaltfront war der Luftdruck gestiegen und es hatte sich ein Hochdruckkeil vorgeschoben. In der Höhe lag Süddeutschland andererseits voll in der Frontalzone bei 500 hPa-Winden bis zu 70 Knoten. Der Münchener Mittags-Temp wies deutlich die in den unteren 200 hPa eingeflossene gemäßigte Luft auf, getrennt durch eine Inversion von der darüber noch befindlichen Subtropikluft.
Temp München (Darstellung M.Kurz) 12.07.84 12 UTC :

Dargestellt sind von links nach rechts : Taupunktsdifferenz, pseudopotentielle Temperatur, Taupunkt und Temperatur. Die über Bayern und dem Alpenraum noch bestandenen Frontalzonenverhältnisse der Höhe (Alpen auch Boden) werden auch mit den nachfolgenden Re-Anlyse-Karten klar :
500 hPa + Boden 12.07.84 00 UTC :

850 hPa 12.07.84 00 UTC :

Bei heiterem Wetter stieg die Temperatur in München bis zum Spätnachmittag etwa auf 29°C an. Die Untersuchung des Mittags-Temps (s.oben) führte zum Ergebnis, daß rein thermische Auslösung hochreichender Konvektion nicht möglich erschien. Synoptisch gesehen gab es also vordergründig keinerlei Grund mehr zu Gewittern, schon gar nicht zu Schwergewittern, zumal angesichts des Bodenhochdruckkeils. Was dann geschah, kann heute im wesentlichen nur qualitativ belegt werden : Ein genauer Blick auf die 500 hPa-Analyse (M.Kurz, aber auch Re-Ana) läßt einen in die starke 500 hPa-Strömung eingebette flache Sekundärtrog erscheinen. Aus der quasigeostrophischen Theorie ist bekannt, daß bei entsprechend starker Strömung auch schon kleine zyklonale Verbiegungen spürbare Vorticity-Advektionen auslösen können. Dies kommt durch die gestrichelten Isolinien der aboluten Vorticity in der 500 hPa-Analyse von M.Kurz auch heraus : Es entwickelte sich PVA. In diesem Zusammenhang wurde der akutelle Münchener Mittagstemp bedeutsam : Denn wie zu erkennen nahm die pseudopotentielle Temperatur mit der Höhe deutlich ab (s.dort). Das hieß : Freiwerden potentieller Instabilität und Labilisierung der Schichtung bei existierender Hebung. M.Kurz hat diesen Vorgang diagnostisch nachempfunden, indem er die Luftsäule im Mittagstemp um 100 hPa anhob. Das Ergebnis sah dann folgendermaßen aus :
Um 100 hPa gehobener Temp München 12.07.84 12 UTC :

Mit der Hebung um 100 hPa (was innerhalb einiger Stunden für möglich gehalten werden kann) mußte sich der Münchener Temp so verwandeln, daß nicht nur die Inversion total verschwand, sondern daß ein dort startendes Luftpaket frei bis zur Tropopause aufsteigen würde. Dieser Vorgang kann demnach das Münchener Hagelunwetter verursacht haben zu einer Zeit, zu der synoptisch gesehen "normalerweise" keinerlei Gefahr mehr bestand. So kam alles sehr überraschend und infolge der damaligen Einschränkungen der aktuellen Überwachung schneller hochreichender Konvektionsvorgänge durch Satellit und Radar war eine rechtzeitige Reaktion prinzipiell erschwert.
Die endgültige Klärung des in jeder Hinsicht ungewöhnlichen Münchener Hagelunwetters wird vielleicht nie mehr ganz möglich sein. Es wurde (zu Recht) später auch dahingehend spekuliert, daß die über dem Alpenraum liegende bodennahe Luftmassensgrenze primär für die Auslösung der Initialzündung (Berner Oberland) verantwortlich war und somit mehrere Faktoren letzten Ende unglücklicherweise zusammenwirkten und für die Überraschung sorgten.
Wetterfuchs



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  Rückschau : Entwicklung des Berliner Unwetters 7420 org: Wetterfuchs am 11.07.02 09.07.03 18:01
  18.06.02: Eine Gewitterlage der Superlative 6256 org. Wetterfuchs 02.07.2003 02.07.03 16:41
  Unwetterdoku vom 23.06.2003 4553 Christian (Braunschweig) 01.07.03 21:37
  Tornadolage 10.06.03 : Met.Strukturen (2,5 mB) 6522 Org: Wetterfuchs am 21.06.2003 21.06.03 13:09
  Ausführlicher Bericht aus Acht / Eifel 3688 Matthias, Bonn 12.06.03 21:14
  So! hier nun die Karte des Ortsgebietes Acht 3132 Matthias, Bonn 12.06.03 23:12
  Bilder aus Acht 3588 Matthias, Bonn 13.06.03 13:14
  Das Straßburger Gewitter-Drama vom 06.07.2001 6703 org:Wetterfuchs am 06.07.02 08.06.03 01:28
  MCS 07.07.2001 : Harmonie der Synergetik 5350 org:Wetterfuchs am 07. 07 2002 08.06.03 01:26
  Heute vor 2 Jahren : Schwergewitterlage 02.07.2000 6177 org:Wetterfuchs am 02.07.02 11.05.03 13:17
  Die Gewitterfront kam wie eine Wand, 02.06.99 7556 org:Wetterfuchs am 10.09.02 13.09.02 13:59
  Heute vor 8 Jahren : Schwere Hagelgewitter in NRW 5428 org:Wetterfuchs am 4.07.02 30.08.02 19:53
  21.07.92 : Top-Schwergewitterlage in Mitteleuropa 9677 org: Wetterfuchs 23.07.02 15:29
  Ein Markstein : Münchener Hagelunwetter 12.07.1984 7362 org: Wetterfuchs 24.07.02 10:08
  Noch ein Bericht zum Sturm am 10.Juli 2002 4494 org: Christoph Gatzen am 13.07.2002 21.08.02 20:32
  Interessante Bemerkungen zum Hagelschlag vom 15.06 5028 org: Martin Hubrig am 1.07.2002 21.08.02 20:28
  15.05.2008 - Konvergenz in NRW - Gewitter/Starkregen geschrieben von: Fabian aus Bochum (Mai 2008) 10286 Admin 30.11.09 13:17
  Analyse/Rückblick: Der markante 30.7.2009 im Norden... geschrieben von: Jan Hinrich Struve (August 2009) 4938 Admin 30.11.09 13:18
  Bemerkenswerte Boundary, 02.07.2009 geschrieben von: Roboter (Juli 2009) 2818 Admin 30.11.09 13:21
  Tornado-Outbreak Hamburg 27.03.06 (1) : Synoptik + Radar/Sat-Überblick geschrieben von: Wetterfuchs (März 2009) 5368 Admin 30.11.09 13:40
  Tornado-Outbreak Hamburg 27.03.06 (2) : Detail-Analyse Zell-Entwicklung + Tornados geschrieben von: Wetterfuchs 4499 Admin 30.11.09 13:41
  Tornado-Outbreak Hamburg 27.03.06 (3) : Kurzfristprognosen + Nowcasting geschrieben von: Wetterfuchs 8673 Admin 30.11.09 13:42


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