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16.07.03: Strukturvielfalt einer Schwergewitterlage
geschrieben von: Org: Wetterfuchs, 5.08.2003 (IP-Adresse bekannt)
Datum: 03. September 2003 07:56

Unter den besonderen Gewitterlagen dieses Sommers stand der 16.07.03 sicher mit an vorderster Front. Wenn ich mir die Schlagzeilen von damals in der Presse und hier im Forum anschaue, so war schwerpunktmäßig der Südwesten und Westen Deutschlands betroffen mit hohen Blitzraten, Sturmschäden, Hagel und örtlichen Starkregenfällen. Auch im bayerischen Bereich traten einige stärkere Gewitter auf, ohne allerdings von solch verbreiteten Schäden wie im Südwesten und Westen begleitet zu sein. Nach Norden erreichte die Gewitterzone an diesem Tag nur noch Teile Niedersachsens und Thüringens. Die meteorologischen Strukturen der Gewittersysteme waren durchaus komplex und sind es wert, im Nachhinein noch einmal betrachtet zu werden. Dabei ging die interessanteste Entwicklung nach meiner Meinung in Form eines Splitting vom Oberrhein aus .
Die großräumige synoptische Situation war durch eine Omega-Lage gekennzeichnet mit einem blockierenden Hoch über Nordeuropa/Nordmeer und einem Tief komplex über Westeuropa und dem Atlantik, dessen Fronten gegen das blockierende Hoch ost- und nordostwärts nach Mitteleuropa schwenkten. Im Vorfeld der Fronten bestimmte sehr warme bis heiße Luft die Temperaturen in Deutschland mit Höchsttemperaturen im Rheingebiet zwischen 31 und 37 Grad.
Hier die 500 hPa-Analyse von GME (DWD) vom 16.07.03 12 UTC :

Zusätzlich die regionale Boden-Analyse DWD vom 16.07.03 12 UTC :

Die Gewitter-auslösenden Strukturen dieses Tages waren der Warmsektor , die einschwenkende Kaltfront sowie die hebungsaktive Vorderseite des die Omegalage nach Südwesten flankierenden Höhentroges. Auffällig in der Höhe die starke Diffluenz der südwestlichen Höhenströmung im Vorfeld von Südwestdeutschland., wobei ein Zweig der Höhenströmung über die Alpen nach Osten eindrehte, der andere über Ostfrankreich nach Norden zeigte. Das hatte, wie sich dann zeigte, für die Primärauslösung und Bewegungs-Steuerung der Gewitterbereiche Bedeutung. Daß die Schichtung zunehmend labil wurde bzw. werden mußte, kann man u.a. auf der nachfolgenden Karte des KO-Indexes (DWD-eigener Index zur Darstellung der potentiellen Instabilität) zusammen mit Bodenwinden und 500 hPa-Geopotential erkennen :

Im gesamten Ostbereich des Höhentroges war die Schichtung demnach potentiell signifikant labil (rote Fläche) mit Werten von den Westalpen bis NRW von –11 bis –15 K.
In den Früh- und Vormittagsstunden zeichnete sich die von Frankreich heranrückende Kaltfront klar auf den Satellitenbildern ab, hier als Beispiel das IR-Sat-Bild von 09 UTC :

Die Kaltfront erstreckte sich als gebogenes Wolkenband vom Pariser Raum bis zur nördlichen Provence. Unser Raum war noch fast frei von konvektiven Entwicklungen. Der Beginn der stärkeren Entwicklung bei uns war dann auf dem Satellitenbild von 12 UTC zu erkennen :

Unverkennbar hat sich bis 12 UTC eine präfrontale Konvektionszone von den Westalpen über die Westschweiz bis zum Oberrhein gebildet. Dies wird noch mehr Details auf dem Mitteleuropa-Radarkomposit von 12 UTC (DWD) klar :

Der nördliche Teil der präfrontalen Gewitterzone lag über dem Schweizer Mittelland, dem südlichen Oberrhein und Teilen des Schwarzwaldes. Betrachtet man das mit eingeplottete Windfeld, so sieht man, daß sich dieser Gewitter-Cluster im Südbereich einer längs dem Oberrhein und über die Kölner Buch bis zu den Benelux-Staaten reichenden Wind-Konvergenzzone befand. Bodennah hatte diese Konvergenz leichten Kaltfrontcharakter, was man an den höheren Temperaturen östlich und nordöstlich davon sah. Ganz offensichtlich war im nördlichen Bereich entweder jetzt die Auslösetemperatur noch nicht erreicht, die Luft trockener als im Süden oder die Hebung noch nicht ausgeprägt genug. Die Auslösung der Gewitter im Bereich Schweiz/Oberrhein befand sich dagegen direkt unter dem beschriebenen starken Diffluenzbereich der Trogvorderseite und somit wohl im Bereich starker Divergenz in der Höhe.
Dennoch war für die nächsten Stunden das „Anspringen“ der Konvektion auch im Westen Deutschlands zu erwarten, einerseits durch weitere Aufheizung, andererseits durch die Wirkung der bodennahen Wind-Konvergenz. Das geschah ganz offensichtlich aber erst entscheidend nach 15 UTC, wie das folgende Radar-Komposit von 15 UTC beweist:

Im Südwesten hatte sich in der Zwischenzeit die Gewitteraktivität nicht nur nordostwärts ausgedehnt, sondern auch eine deutliche Verbreiterung mitgemacht. Im Rahmen der breiteren Gewitterzone überwog der Verschmelzung von größeren Zellbereichen .
Zwischen 15 UTC und 18 UTC verschob sich der Schwerpunkt der Gewitter vom Südwesten in den Westen Deutschlands. Es setzte dort zunächst eine Phase sehr engräumiger hintereinander liegender Gewitterlinien zwischen Niedersachsen und dem nördlichen Südwestdeutschland ein :

Der auffällige Windsprung der Konvergenz von Südost auf Südwest war eng mit der hinteren Begrenzung der Gewitterzone im Westen verbunden. D.h., daß die vorderen Gewitterlinien offensichtlich nicht unmittelbar von dieser Konvergenz ausgelöst wurden. Dies machte auch ihre weitere Prognose schwierig. Im Süden Deutschlands war inzwischen die dortige breite Konvektionszone bis weit in südbayerisches Gebiet vorgedrungen und hatte dabei die vorher markante Zellstruktur verloren, ebenso die ganz hohen Spitzen der Radarreflektivität. Der Temperaturgegensatz längs der Gewitterfront war aber dort weiterhin recht groß.
Die Schwierigkeit der genauen Prognose der Gewittertägkeit im Westen und Nordwesten Deutschlands offenbarte sich u.a. in der Tatsache, daß das Fortschreiten der Gewitteraktivität nach Nordosten am späten Abend mitunter ganz zum Erliegen kam. Die folgende, aus „KonRad“ (DWD) stammende Quasi-3D-Darstellung der Radarreflektivität der Radarstation Essen von 20.13 UTC zeigt diese Phase mit sehr starken konvektiven Echos im Bereich östlich und nordöstlich des Rheins :

In dieser Phase war auch die Blitzrate sehr hoch. Die Schwere der Gewitter wurde u.a. bei der Betrachtung nicht nur der vielen Hagelwarnpunkte (aufrecht stehende violette Dreiecke), sondern auch in den Seitenprojektionen mit den ausgeprägten blauen Hot-Towers (Radarreflektivität >= 55 dBZ) sichtbar. Die höchste Reflektivität erreichte den für diese Uhrzeit ungewöhnlichen Wert von 63 dBZ (sehr starkes Indiz für schweren Hagel).
Die interessanteste regionale konvektive Entwicklung dieses Tages spielte sich in meinen Augen, wie oben schon angedeutet, in den Nachmittagsstunden im Südwesten Deutschlands in Form eines markanten Zell-Splittings ab. Splittings werden meist im Zusammenhang von Superzellen-Entwicklungen beobachtet und diskutiert, sie gehen dabei der Superzellenentwicklung voraus. Das konzeptionelle Modell eines Zell-Splittings zeigt nach dem Aufsplitten einer Zelle oder eines engen Zellverbandes das Abwandern der linken Zelle in Richtung der Führungsströmung (700 – 500 hPa) („Let-Mover“) und das Rechtsabdriften (verglichen mit der Führungsströmung)(„Right-Mover“) der rechten Zelle. Letztere entwickelt sich dann deutlich stärker, teilweise bis zur Superzelle. Ein berühmter historischer Fall für eine Superzellen-Entwicklung in Deutschland aus einem Right-Mover war die Superzelle des Münchener Hagelunwetters vom 12.07.84 (vgl. mein Posting dazu vor 1 Jahr). Verfolgt man das Splitting des 16.07.03 , so erkennt man sowohl Gemeinsamkeiten als auch markante Unterschiede zum konzeptionellen Bild des Splitting. Zur Darstellung benutze ich regionale Radar-Komposits im ½-Stunden-Abstand.
Das erste Komposit zeigt den Südwestausschnitt für den Zeitpunkt von 11.30 UTC :

Man sieht die schon angesprochene Cluster-Konfiguration von der Schweiz bis zum südlichen Oberrhein. Seitlich begrenzt wurde der Cluster von einer starken Zelle über den Vogesen sowie einer Zelle bei Freiburg und nordöstlich davon über dem Schwarzwald. Die Zelle bei Freiburg kann als Ursprung für das nun einsetzende Splitting betrachtet werden. Dies wird im 12.00 UTC-Komposit deutlich :

Unter Aufteilung in zwei deutlich getrennte sehr starke, blaue Kerne (>= 55 dBZ) ist der Freiburger Gewitterbereich längs dem Westabhang des Schwarzwaldes nordnordostwärts gezogen. Die vorlaufende Schwarzwald-Gewitterzelle hat Freudenstadt im Nordschwarzwald erreicht. Ebenfalls zu sehen, wie die Vogesenzelle längs dem Vogesenkamm auch nordnordostwärts gewandert ist. Innerhalb der nächsten ½ Stunde, bis 12.30 UTC, verstärkte sich der Splitting-Effekt noch mehr :

Während die Zelle über den Vogesen und die linke Zelle am Westrand des Schwarzwaldes ihre Nordnordostverlagerung fotsetzten, setzte sich die rechte Zelle des Splittings nach Ostnordosten Richtung Schwäbische Alb ab. Zwischen 12.30 UTC und 13.00 UTC erreichte die Entwicklung einen ersten dramatischen Höhepunkt :

Die Zellen an der Rheinschiene hatten die Nordvogesen bzw. den Westbereich des Nordschwarzwaldes bei Freudenstadt erreicht. Der kompakte blaue Kern sowie die Wettermeldung der Wetterstation Freudenstadt um 13 UTC (Schwergewitter, 97) ließen vermuten, was sich um diese Zeit dort abspielte. So wird auch verständlich, warum Gregor damals um 14.37 Uhr (12.37 UTC) in seinem Posting wortwörtlich von „Weltuntergang im Schwarzwald“ sprach. Nicht minder dramatisch erschien auf dem 13 UTC-Radarkomposit die Lage in der rechten Splitting-Zelle, die inzwischen mit größerem blauen Kern die Schwäbische Alb an ihrem Nordrand entlang nordostwärts zog. Etwa von dieser Zeit stammten auch die damaligen Meldungen von erheblichen Verkehrseinschränkungen auf der Autobahn A81 Stuttgart – Singen.
Bis 13.30 UTC setzte die rechte Zelle ihre Nordostverlagerung mit unverminderter Intensität des Kerns (nach wie vor Blau mit >= 55 dBZ) fort :

Sie näherte sich jetzt, nochmal unter Andeutung neuerlichen Splittings dem Alb-Gebiet südlich von Stuttgart und erfaßte auch voll den oberen Neckar. In der gleichen Zeit kam nun die konzeptionell nicht überraschende Abschwächung der Nordschwarzwaldzelle auf „nur“ noch rote Intensitäten. Was sich wettermäßig jetzt und direkt nachfolgend im Neckar- und Albbereich abspielte, soll mit dem abschließenden 14.00 UTC-Radarkomposit verdeutlicht werden :

Der Hauptschwerpunkt der konvektiven Aktivität mit deutlich blauer Zelle lag jetzt direkt am Nordrand der Alb südlich von Stuttgart, also im Raum Reutlingen. Von dort kamen daher auch in SWR und im Forum (u.a. MarcoK) die meisten Meldungen über Schäden : Hagel, umgestürzte Bäume, Straßenüberflutungen. Getroffen wurde aber auch vorher z.B. Tübingen am Neckar. Der Blick auf das Radarkomposit beweist im übrigen, daß ab jetzt ein umgekehrter Organisierungsprozess eingeleitet worden war : Die gesplittete Zellen verbanden sich nun wieder (Merging) zu einer mesoskaligen, bogenförmigen Squall-Line.
Wie läßt sich das Splitting vom 16.07.03 einordnen und interpretieren ? Ungewöhnlich in meinen Augen, daß sich auch der linke Zweig des Splittings sich zunächst erstaunlich lange als Unwetter-aktiv erwies, bevor er dann (früher als der rechte Zweig) sich abschwächte. Beide Zellen sind hochwahrscheinlich Superzellen gewesen, soweit man das anhand der gezeigten Daten und Wettererscheinungen ablesen konnte (Detail-Radarbilder mit 3D und Radialwinden vom Feldberg lagen damals wegen technischen Ausfalls leider nicht vor). Über die Ursache des Splittings kann man spekulieren, es gibt aber gute Hinweise für folgende Interpretation : Das Splitting befand sich unter dem Diffluenzpunkt der Höhenströmung, bei der ein Zweig ziemlich nach Norden, der andere ziemlich nach Osten zeigte. Andererseits zogen die gesplitteten Zellen auffällig parallel zum Kammverlauf von Schwarzwald (auch Vogesen) und der Nordkante der Schwäbischen Alb. Es ist daher sicher nicht zu weit hergeholt zu vermuten, daß die gesplittete Höhenströmung und die geographisch-orographische Konfiguraten beim Zustandekommen und der weiteren Entwicklung des Splittings eine entscheidende Rolle gespielt haben. Somit hätte es dann auch Abweichungen vom üblichen konzeptionellen Bild des Splitting gegeben. US-amerikanische Verhältnisse lassen sich also nicht immer 1 :1 auf mitteleuropäische Verhältnisse übertragen.
Noch eine Anmerkung zum Schluß : Alle diejenige, die den 16.07.03 in der Schweiz erlebt haben, können in der gezeigten regionalen Radarbild-Abfolge sehen, wie auch dort eine klassische Superzelle im Mittelland ostnordostwärts zog.
Wetterfuchs



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