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23.07.04 : Diagnose Unwetter Bonn + Rhein-Main
geschrieben von: Wetterfuchs am 28.07.2004 (IP-Adresse bekannt)
Datum: 31. Juli 2004 22:34

Wenn Gewitter-Unwetter Ballungsgebiete treffen, dann ist das öffentliche Interesse stets groß. Ein berühmtes Beispiel war das Hagelunwetter vom 12.07.1984 in München, aber auch der jüngste Fall vom 23.07.04, der das Rhein-Main-Gebiet erfaßte, stand im Mittelpunkt ausführlicher Berichterstattung und Diskussion. Schäden entstanden an diesem Tag insbesondere durch Starkniederschläge, Hagel und Sturmböen. Am häufigsten gab es Meldungen von lokalen Überschwemmungen auf Straßen und Bahngleisen, Rebhänge wurden abgeschwemmt und Fernverkehr sowie Telekommunikation wurden teilweise lahmgelegt. Am Flughafen Frankfurt war der Start- und Landeverkehr unterbrochen. Die DWD-Station des Flugshafens meldete dort für 18 UTC rund 37 mm Niederschlag/1 h sowie eine Maximalböe von 37 Knoten. Würzburg weiter ostwärts traf es anschließend mit einer Orkanböe von 64 Knoten. Im Forum gab es viele eindrückliche Daten-, Erlebnis- und Schadensberichte, so u.a. von Felix, Bernhold, sowie von Matthias aus Bonn. In Bonn war rund 4 Stunden vorher schon ein markantes Schwergewitter aufgetreten, das sich im Nachhinein gewissermaßen als Vorentwicklung zu den Geschehnissen in Rhein-Main erwies.
Genau genommen waren am 23.07.04 mehrere Regionen in Deutschland betroffen, von Schleswig-Holstein bis nach Bayern. Als besonders bemerkenswert zeigte sich dabei u.a. die Meldung eines massiven Hagelschlags nahe der A9 südlich von Bayreuth. Alle diese Ereignisse sind es Wert, in einer Rückschau genauer betrachtet zu werden. Die zur Verfügung stehende Datenmenge für diesen Tag ist riesig. Aus Gründen der Konzentration möchte ich mich in diesem diagnostischen Beitrag neben einem Gesamtüberblick zur Wetterlage auf eine detailliertere Betrachtung der Entwicklungen von Bonn bis Offenbach beschränken.
Synoptisch gesehen gab es an den Vortagen und am Tag selbst klare Anzeichen für eine verbreitete Gewitterlage für den 23.07.04. Mitteleuropa lag zwischen einem Hoch über Nordeuropa und hohem Druck südwestlich der Britischen Inseln in einer flachen Tiefdruckzone im Bereich von Warmluft. Von Westen her näherte sich langsam eine zu einem nordatlantischen Tief gehörende Kaltfront unserem Raum, vorgelagert befand sich bei uns warmluftmassen-intern eine Konvergenzlinie :
Bodenanalyse (DWD) 23.07.04 12 UTC :

Gewitter waren bei dieser Situation hauptsächlich im präfrontalen Warmluftbereich zwischen Konvergenzlinie und Front zu erwarten. Dies wurde auch durch die aerologischen Verhältnisse unterstützt :
GME-Analyse 500 hPa 23.07.04 12 UTC :

GME-Analyse 850 hPa 23.07.04 12 UTC :

LM-KO-Index-Analyse 23.07.04 12 UTC :

Radiosondenaufstieg Idar-Oberstein 23.07.04 12 UTC :

Wie die 500 hPa-Analyse demonstriert, schwenkte ein zum nordatlantischen Tief gehörender, nicht sehr stark ausgeprägter Höhentrog über den Nordwesten Mitteleuropas hinweg langsam ostwärts. Dies bedeutete entsprechende Vorderseiten-Hebungsprozesse und dahinter stabilisierendes Absinken. Für den Norden und die Mitte hieß dies auch eine gewisse vertikale Windzunahme. Die 850 hPa-Analyse läßt den präfrontalen Warmlufteinschub (Isotherme 15°C etwa bis zur Mittelgebirgsschwelle) erkennen. Die KO-Index-Analyse deutete eine ausgeprägte potentielle Instabilität an. Die KOI-Werte lagen im Süden durchweg deutlich über 10, was bei Hebung hohe CAPE-Werte versprach. Als Beispiel für die dann aktuelle Labilität am Mittag zeigt der Temp von Idar-Oberstein, daß auch ohne dynamische Auslösung bei Erreichen einer bodennahen Temperatur von 28°C hochreichende Konvektion entstehen würde (Tops bei rund –57°C knapp unterhalb von 200 hPa). Die LM-Wetter-Interpretation des 00 UTC-Laufes gab für den 12 UTC-Termin die folgende Wetterverteilung:
LM-Prognose 12 Stunden für 23.07.04 12 UTC :

Man beachte neben der Nord-Südverteilung der Gewitter auch die Gewitterkonzentration in 2 west-ost-orientierten Bereichen (Mittelgebirge mit Rhein-Main sowie Mittelfrankreich über Südwestdeutschland bis Südbayern).
Die Gewitterentwicklung begann, angeregt durch die vorlaufende Konvergenzlinie am 23.07.04 schon frühzeitig, erste Zellen beobachtete man bei uns bereits nachts und am Morgen. Die Situation vormittags wird sehr schön vom Satellitenbild von 09 UTC widergespiegelt :
Vis-Satellitenbild Meteosat (DWD) 23.07.04 09 UTC :

Man erkennt noch die Wolken der Konvergenzlinie sowie den zurückhängenden Wolkenbogen der Kaltfront (Nordsee-Nordfrankreich). Südwestlich des um diese Zeit noch relativ wolkenfreien Gebietes über Deutschland sind über dem mittleren bis südlichen Frankreich schon 2 größere Cluster entstanden, quasi als frühzeitige Nowcasting-Warnungen für diesen Tag. Die französischen Cluster entwickelten sich rasch weiter und um 14 UTC erreichte der Wolkenrand das auffälligsten Clusters die Grenze zu Südwestdeutschland :
Vis-Satellitenbild Meteosat (DWD) 23.07.04 14 UTC :

Über Deutschland war um diese Zeit an mehreren Stellen die Gewitterentwicklung lokal neu angefangen. Man sieht eine Reihe kleinerer Zellen, die jeweils nach Osten bis Nordosten (Höhenströmung) auslaufen. Zu diesen neueren kleinräumigeren Entwicklungen gehörten auch zwei Zellbereiche einerseits bei Bonn, andererseits über dem Norden des Odenwaldgebietes.
Im Deutschland-Radar-Komposit mit eingetragenen Winden sah die Situation vom gleichen Zeiptunkt um 14 UTC so aus :
Radar-Komposit (DWD) + Synop-Winde 23.07.04 14 UTC :

Von den beiden angesprochenen neuen Regionalschwerpunkten erschien Bonn besonders intensiv. Es war der Zeitpunkt der dortigen frühen Schwergewitter-Situation. Eine wichtige Background-Rolle spielte neben den schon genannten Feldgrößen noch die Temperatur + Taupunkt-Verteilung , hier auch von 14 UTC gezeigt :
Temperatur + Taupunkt 23.07.04 14 UTC :

An den aktuellen und kommenden Gewitterbrennpunkten lag die Taupunktstemperatur deutlich über 15°C, örtlich sogar über 20°C. Dies bedeutete markante Erhöhung der Auslösewahrscheinlichkeit und ein noch größeres Gewitterpotential.
Betrachten wir nun Details der regionalen Schwergewitterentwicklung von Bonn bis zum Rhein-Main-Gebiet : Dabei konzentrieren wir uns auf Radar-Echos und Synops jeweils bodennah (Java-MAP-Programm DWD) sowie im Vertikalprofil. Im Komposit-Ausschnitt West sah die Lage um 14 UTC folgendermaßen aus :
Radar-Komposit West + Synops 23.07.04 14 UTC :

Die frühe Bonner Schwergewitter-Situation ist nun deutlicher als im Überblicks-Radarkomposit zu sehen. Knapp westlich von Bonn liegt die sehr kompakte, sehr intensive Gewitterzelle (schon am Boden mit allen Kennzeichen einer Superzelle). Es wird bodennah höchste Radarecho-Intensität (blau >= 55 dBZ) gemessen. Diese Starkgewitterzelle war nach 13.00 UTC im Bereich westlich von Bonn explosionsartig entstanden und befand sich schon um 13. 25 UTC (¼ Stunde vor dem gezeigten Radarkomposit) „am Anschlag“. Zur Struktur des Vertikalprofils hier aus Essener Radar-Sicht das Quasi-3D-Radarbild („PL“) von 13.57 UTC :
Radarbild PL Essen 23.07.04 13.57 UTC :

Beeindruckend der mindestens 12 km (Skala reicht bis 12 km) hochreichende „Hot-Tower“ mit blauem Kern von 6 km Höhe bis zum Boden. Die Konzentration der Hagelwarnpunkte sprach auch eine deutliche Sprache. Verweisen möchte ich hier zusätzlich auf die schon von Matthias (Bonn) in seinem Hauptposting gezeigten Radarbilder des Radars der Uni Bonn.
Die angesprochene hohe Intensität der Bonner Zelle und ihr offensichtlicher Charakter als Superzelle wurde u.a. durch die zeitlichen Quasikonstanz der Maximalstrukturen belegt . Geht man in die Intensitäts-Details der Warnpunkte, so ergibt sich folgende Zeitreihe der maximalen Reflektivitäten in der Vertikalen :
13.25 UTC : 57 dBZ
13.42 UTC : 61 dBZ
13.57 UTC : 61 dBZ
14.10 UTC : 60 dBZ
14.25 UTC : 61 dBZ
14.43 UTC : 57 dBZ
14.57 UTC : 58 dBZ
15.10 UTC : 56 dBZ
Das bedeutete 1 ½ Stunden lang superzellen-typische Werte.
Wie so oft bei Schwergewitterlagen, blieb es nicht bei einer einzelnen extremen Zelle, sondern es entwickelte sich ein ganzer Multizellen-Verband, wie die folgenden Radar-Komposit-Darstellungen und Essener Radarbilder zeigen :
Radar-Komposit West + Synops 23.07.04 15 UTC :

Radarbild PL Essen 23.07.04 14.57 UTC :

Die Bonner Superzelle überschritt den Rhein, etwa in Richtung 120° langsam südwärts driftend. Bis 16 UTC gesellte sich eine starke Zelle, die vorher schon rechtsrheinisch lag, dazu und war jetzt sogar die stärkere Zelle des neuen Doubles. In der Zeit, als die Bonner Zelle den Rhein überschritt, entstand genauso schnell wie die erste Zelle an praktisch gleicher Stelle (durch Rechtsanbau) eine weitere Doppelzelle, die nun die Schwergewitterlage linksrheinisch weiter andauern ließ. Dieses Bild wird auch in der Quasi-3D-Darstellung des Essener Radars von 13.57 bestätigt. Das Radarbild zeigt, daß um diese Zeit die „blaue“ Intensität teilweise sogar bis 9 km Höhe reichte. Während der rückwärtige bzw. rechtsseitige Regenerationsprozeß auch noch bis 16 UTC anhielt, driftete das erste Zellenpaar, ebenfalls unter Rechtsanbau, weiter bis in den Raum Koblenz :
Radar-Komposit West + Synops 23.07.04 16 UTC :

Wie komplex dabei im Einzelnen die „effektive“ Verlagerung durch Führungswind + Tochterzellenbildung vonstatten ging, zeigt u.a. die folgende Tracking-Analyse (Radwarn-Programm, Eigenentwicklung) auf der Basis der Starkschauer-Warnpunkte für die Zeit von 13.57 UTC bis 17.13 UTC (Erläuterung s. Legende) :
Tracking-Analyse Essen 23.07.04 13.57 UTC -17.13 UTC :
Radar-Komposit West + Synops 23.07.04 16 UTC :

Der Blick auf das obige 16 UTC-Radarkomposit beschreibt nicht nur die Entwicklung aus dem Bonner Raum heraus, sondern auch die Situation, die sich um diese Zeit weiter südlich rund um das Rhein-Main-Gebiet anbahnte. Das Rhein-Main-Gebiet jetzt noch frei von Gewitterzellen, starke Entwicklungen deuteten sich jedoch südlich davon zwischen Darmstadt und Worms und im Raum der Nahe im Westen an. Im Zusammenspiel mit der von Nordwesten anrollenden „Gewitterlawine“ spielt sich nun in den nächsten Stunden ein beeindruckendes „Merging“ (Verschmelzen) der beiden Gewitterzentren ab, was u.a. in den Schwergewittern von Mainz bis Offenbach gipfelte.
Zur Demonstration dieses „Schauspiels“ nun eine ¼-Stunden-Serie in noch kleinerem Ausschnitt (ohne Synops) von 16.30 UTC bis 18.15 UTC :
Radar-Komposit Rhein-Main 23.07.04 16.30 UTC :

Radar-Komposit Rhein-Main 23.07.04 16.45 UTC :

In der Viertelstunde von 16.30 UTC bis 16.45 UTC tat sich insbesondere im Rhein-Main-Gebiet sehr viel : Die Zellen aus dem Raum Darmstadt-Worms drifteten nord- bis nordnordostwärts zum Rhein-Main-Gebiet und intensivieren sich gleichzeitig zu „blauen“ Kernen (>= 55 dBZ). Das bedeutet, daß dort, wo „Blau“ auftrat entweder kurzzeitig extremer Niederschlag fiel oder Hagel vom Himmel kam. Die Gewitter-„Zentrale“ an der Nahe baute sich in dieser Zeit ebenfalls zu „blauer“ Intensität auf, blieb aber durch stromaufwärtigen Anbau zunächst effektiv ortsfest. Die Entwicklung von Nordwesten hatte dann um 16.45 UTC die Nordseite des Taunus erreicht und zeigte nun ebenfalls einen „blauen“ Kern.
Die volle Dramatik für das Rhein-Main-Gebiet spielte sich ab 17 UTC ab :
Radar-Komposit Rhein-Main 23.07.04 17.00 UTC :

Radar-Komposit Rhein-Main 23.07.04 17.15 UTC :

Radar-Komposit Rhein-Main 23.07.04 17.30 UTC :

Um 17 UTC stand das Merging der beiden Entwicklung kurz vor dem Zusammenschluß. Aus Richtung Darmstadt hatte die dem Merging-Komplex vorlaufende Zelle Langen erreicht und setzte dort alles unter Wasser oder Hagel („blauer Kern“). Der Komplex über dem Nordtaunus bildete gleichzeitig an seiner (in Verlagerungsrichtung) rechten Flanke eine neue Zelle aus. Der „blaue“ Kern der Nahe-Zelle war hart an Bad Kreuznach vorbei ostnordostwärts gezogen. Zwischen dieser Zelle und der „rechten“ Taunuszelle gab es um 17.00 UTC bei Bingen nur noch eine schmale aktivitätsfreie Lücke. Sie war dann aber um 17.15 UTC total geschlossen, das Merging war vollendet. Das Rhein-Main-Gebiet war nun ein reiner „Sumpf von Starkgewittern“ mit der weiterhin besonders starken vorgelagerten Zelle (Superzelle), jetzt zwischen Langen und Offenbach angelangt. Um 17.30 UTC üerrollte die westliche Merging-Zelle (offensichtlich auch Superzelle) mit „blauer“ Intensität die Stadt Mainz. Gleichzeitig blieb ein Teil des aus Nordwesten gekommenen starken Gewitteraktivität noch am Mitteltaunus hängen.
Die folgenden Radar-Ausschnitte zeigen den Abschluß der Schwergewitterlage im Rhein-Main-Gebiet :
Radar-Komposit Rhein-Main 23.07.04 17.45 UTC :

Radar-Komposit Rhein-Main 23.07.04 18.00 UTC :

Radar-Komposit Rhein-Main 23.07.04 18.15 UTC :

Bis 17.45 UTC war die Mainzer Superzelle (Merging-Zelle) unter nur leichter Abschwächung (kein „blauer“ Kern mehr) südlich am Stadtkern von Wiesbaden vorbei ostnordostwärts gezogen. Dagegen blieb die Zelle südlich der Offenbacher City unverändert stark und hatte eine fast genau östliche Zugrichtung. Die Taunuszelle hatte sich ebenfalls ostwärts bewegt (leichte Abschwächung). Bis 18.00 UTC ergab sich dann ein weiteres Merging, das für den Raum nördlich Langen bis Offenbach für erheblichen Niederschlag sorgte (anhaltend „rot“ bis „blau“). Wie sehr dieses zweite Merging sich auf die Intensität der Gewitterentwicklung auswirkte, sah man dann im Radar-Komposit von 18.15 UTC : Das Stadtgebiet von Offenbach wurde mit „Blau“ voll getroffen und die Superzelle war jetzt gerade dabei, nach Hanau weiterzuziehen. Im Verlauf der Fortentwicklung schwächte sich diese außerordentliche Zelle unter Ausbreitung langsam ab und verlagerte ihren Schwerpunkt allmählich ostnordostwärts.
Wie zum Bonner Unwetter auch hier ergänzende 3D-Informationen. Ich kombiniere dabei die „PL“-Information (Quasi-3D) mit der „PE“-Information (Echo-Top-Radarbilder) des Radars am Frankfurter Flughafen :
Radarbild PL Frankfurt 23.07.04 16.58 UTC :

Radarbild PE Frankfurt 23.07.04 16.58 UTC :

Über die Struktur der Warnpunkt-Verteilung und besonders auch über Auf- und Seitenriß (Maximal-Information oben und rechts) sah man sehr schön die unglaublich hoch reichenden und auch oben sehr intensiven Zellen. Der Zellkern im Bereich des Westtaunus (kurz vor dem endgültigen ersten Merging, s.o.) besaß um diese Zeit einen „blauen“ Hot-Tower bis 11 km Höhe und eine Maximal-Intensität von 60 dBZ. Die Zelle an der Nahe war „blau“ bis 7 km Höhe mit einer Maximal-Intensität von 59 dBZ. Die Zelle von Langen (s.o.) war zwar „nur“ bis 7 km „blau“, kam aber auf den außergwöhnlichen dBZ-Wert von 65. Die markante obere Zellkonfiguration (in der Höhenlage des Ambosses) wurde sehr klar im PE-Bild dargestellt : Die zwei „blauen“ Gewitter-Komplexe („blau“ hieß Höhenlage 11-12 km, höher wird ja keine Radarauswertung vorgenommen) im Norden und im Süden kommen wunderbar heraus.
Nun wär es natürlich sehr schön gewesen, wenn auch für die nächsten Zeitschritte nach 17 UTC eine ungestörte Radar-Information vorgelegen hätte. Nein, das Radar am Frankfurter Flughafen war nicht wegen Blitzschlag ausgefallen, aber es trat nun das ein, was physikalisch nicht verhindert werden konnte wenn ein Schwergewitter den Radarstandort überschritt : Ein Teil der Information ging im standortnahen „Totbereich“ unter und in der Fläche ergab sich rundherum soviel niederschlagsbedingte Dämpfung (s. mein Grundlagen-Posting Radar vom Juni 2002 in „Interessante Beiträge“) , daß für einige Zeit alle Frankfurter Radarbilder deutlich zu „harmlos“ wirkten. Zur Demonstration aber trotzdem die PL- und PE-Bilder von 17.58 UTC :
Radarbild PL Frankfurt 23.07.04 17.58 UTC :

Radarbild PE Frankfurt 23.07.04 17.58 UTC :

Man sieht die Schrumpfung und Abschwächung der Echoflächen ebenso wie wie den kreisförmigen Datenausfall im „Totbereich“. Das war Schicksal und so haben wir für den Fortgang der „heißen“ Zeit keine verläßlichen Informationen. In dieser Zeit waren die Echos trotz der Entfernung z.B. der Radarstation Neuheilenbach (Südeifel) für den Frankfurter Raum stärker und gingen entsprechend in das Radarkompositbild ein. Man kann aber annehmen, daß bei „ungestörter“ Nahaufnahme die Gewitter im Radar-Komposit noch stärker erschienen wären als aktuell gezeigt.
Was hat die Diagnose der Schwergewitterlage von Bonn bis zum Rhein-Main-Gebiet nun in der Summe als Ergebnis geliefert :
1. Entsprechend der hohen Schichtungslabilität, aber nicht sehr starken Höhenwinde, entwickelten sich häufig und schnell intensive Einzel- und Multizellen, die bis in die Intensität von Superzellen reichten.
2. Typischerweise gab es dabei besonders Starkniederschlag und Hagel.
3. Mesoskalige konvektive Systeme (Linien) standen weniger im Vordergrund als in anderen Starkgewitterlagen.
4. Merging von Gewitter-Komplexen und Zellen spielte bei der Schwergewitterlage im Rhein-Main-Gebiet eine wichtige, wahrscheinlich verstärkende Rolle.
5. Die Radarrelflektivitäten erreichten in den stärksten Zellen Werte von 60 und mehr dBZ. Die 65 dBZ bei Langen war ein für Deutschland außergewöhnlich hoher Wert.
6. Die effektive Verlagerung der Zellen erwies sich im Einzelfall als sehr komplex.
Eine Frage stellt sich natürlich am Ende dieser Betrachtung : Warum zog die Bonner Superzelle und ihre Nachfolge-Systeme so deutlich südostwärts und die Systeme im Rhein-Main-Gebiet entweder nordost- oder ostwärts? Dies war ja der Grund für das zweifache Merging. Natürlich kommt gleich das Argument des „Right-Movers“ auf. Und in der Tat war die Strömung in der mittleren bis oberen Troposphäre ja eine mehr oder weniger westliche Strömung (s.o. Karte 500 hPa und Temp Idar-Oberstein). Neben dem „Right-Moving“ gab es noch ein weiteres Argument für die herrschenden konvergenten Bewegungen der Zellen, das ich mit der abschließenden nochmaligen Wiedergabe der Kombination Radar + Winde zeigen möchte :
Radar-Komposit + Synop-Winde 23.07.04 14 UTC :

Betrachtet man das Windfeld näher, so sieht man, daß im gesamten Nordwesten, also auf der Rückseite der Haupt-Gewitteraktivität, eine westliche bis nordwestliche bodennahe Strömung herrschte. Das Rhein-Main-Gebiet war dagegen eingebunden in eine west-ost-verlaufende Strömungskonvergenz. Die Bonner Zelle, wie klar erkennbar, hatte sich noch in der rückseitigen mehr west-nordwestlichen Strömung gebildet. Diese Strömung war zwar nur auf die untersten Schichten beschränkt, aber man kann durchaus die Vermutung ableiten, daß diese Strömung mitverantwortlich für das „Right-Moving“ war.
Wetterfuchs



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  Teil 3 ... viele Pics 3551 Micha (Giessen, 180m) am 04.11.03 11.11.03 22:27
  Meine Intensitätseinschätzung z. Kirchhein-Tornado 3477 Martin Hubrig am 09.11.03 13.11.03 21:06
  Der Innsbrucker Gewittersturm vom 21.Juli 2003 4739 Org: Friedrich Föst, 27.08.2003 03.09.03 08:00
  Schadensanalyse/Bilder Teil 1 3370 Org: Friedrich Föst, 27.08.2003 03.09.03 08:02
  Schadensanalyse/Bilder Teil 2 4255 Org: Friedrich Föst, 27.08.2003 03.09.03 08:04
  16.07.03: Strukturvielfalt einer Schwergewitterlage 4876 Org: Wetterfuchs, 5.08.2003 03.09.03 07:56
  Zusatz zum Verlauf dieser Schwergewitterlage: 4631 Org: Marco Puckert, 5.08.2003 03.09.03 07:57
  09.07.02 : Starkgewitter vor dem Berlin-Unwetter 7000 org:Wetterfuchs am 09.07.03 09.07.03 21:19
  Rückschau : Entwicklung des Berliner Unwetters 7687 org: Wetterfuchs am 11.07.02 09.07.03 18:01
  18.06.02: Eine Gewitterlage der Superlative 6511 org. Wetterfuchs 02.07.2003 02.07.03 16:41
  Unwetterdoku vom 23.06.2003 4764 Christian (Braunschweig) 01.07.03 21:37
  Tornadolage 10.06.03 : Met.Strukturen (2,5 mB) 6789 Org: Wetterfuchs am 21.06.2003 21.06.03 13:09
  Ausführlicher Bericht aus Acht / Eifel 3879 Matthias, Bonn 12.06.03 21:14
  So! hier nun die Karte des Ortsgebietes Acht 3347 Matthias, Bonn 12.06.03 23:12
  Bilder aus Acht 3766 Matthias, Bonn 13.06.03 13:14
  Das Straßburger Gewitter-Drama vom 06.07.2001 6957 org:Wetterfuchs am 06.07.02 08.06.03 01:28
  MCS 07.07.2001 : Harmonie der Synergetik 5603 org:Wetterfuchs am 07. 07 2002 08.06.03 01:26
  Heute vor 2 Jahren : Schwergewitterlage 02.07.2000 6420 org:Wetterfuchs am 02.07.02 11.05.03 13:17
  Die Gewitterfront kam wie eine Wand, 02.06.99 7799 org:Wetterfuchs am 10.09.02 13.09.02 13:59
  Heute vor 8 Jahren : Schwere Hagelgewitter in NRW 5712 org:Wetterfuchs am 4.07.02 30.08.02 19:53
  21.07.92 : Top-Schwergewitterlage in Mitteleuropa 10051 org: Wetterfuchs 23.07.02 15:29
  Ein Markstein : Münchener Hagelunwetter 12.07.1984 7640 org: Wetterfuchs 24.07.02 10:08
  Noch ein Bericht zum Sturm am 10.Juli 2002 4700 org: Christoph Gatzen am 13.07.2002 21.08.02 20:32
  Interessante Bemerkungen zum Hagelschlag vom 15.06 5206 org: Martin Hubrig am 1.07.2002 21.08.02 20:28
  15.05.2008 - Konvergenz in NRW - Gewitter/Starkregen geschrieben von: Fabian aus Bochum (Mai 2008) 10506 Admin 30.11.09 13:17
  Analyse/Rückblick: Der markante 30.7.2009 im Norden... geschrieben von: Jan Hinrich Struve (August 2009) 5192 Admin 30.11.09 13:18
  Bemerkenswerte Boundary, 02.07.2009 geschrieben von: Roboter (Juli 2009) 3102 Admin 30.11.09 13:21
  Tornado-Outbreak Hamburg 27.03.06 (1) : Synoptik + Radar/Sat-Überblick geschrieben von: Wetterfuchs (März 2009) 5584 Admin 30.11.09 13:40
  Tornado-Outbreak Hamburg 27.03.06 (2) : Detail-Analyse Zell-Entwicklung + Tornados geschrieben von: Wetterfuchs 4768 Admin 30.11.09 13:41
  Tornado-Outbreak Hamburg 27.03.06 (3) : Kurzfristprognosen + Nowcasting geschrieben von: Wetterfuchs 8996 Admin 30.11.09 13:42


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