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20.08.92 : Unvergeßlicher Unwettertag in SW-D
geschrieben von: Wetterfuchs am 02.09.2004 (IP-Adresse bekannt)
Datum: 03. September 2004 13:45

Nur wenige sommerliche Unwettertage bleiben noch über Jahre hinweg in fester Erinnerung. So ein Unwettertag war für den Südwesten Deutschlands der 20.August 1992. Es war ein Schwergewittertag par Excellence : Synoptisch mit Einschub subtropischer Warmluft aus Südwest bei erzwungener Hebung auf der Vorderseite eines von Frankreich einschwenkenden Kurzwellentroges. Im Satellitenbereich mit Ausbildung eines markanten ovalen MCS. Im Radarbild mit einer sich explosiv entwickelnden Squall-Line und mehreren Superzellen. In meine Erinnerung ging der 20.08.1992 als Tag des „Saarbrücker Hagelunwetters“ ein. Berühmt wurde die damalige textliche Sondermeldung des DWD-Wetterbeobachters von Saarbrücken, der letzte Satz seiner Meldung ging sogar in die internationale meteorologische Literatur ein :
„Temperaturrückgang von 25.1 Grad C auf 14.2 Grad C, Sichtrückgang von 30 km auf 200 m. Windspitze : 90 kt aus West, 10-Min-Mittel : 29 kt. ww : 99. Hageldurchmesser : 24 mm, Niederschlag von 14.32 bis 14.55 UTC : 32.6 mm.
Minuten des Grauens und voller Stress (aber vielleicht einmalig im Leben eines Beobachters...)“.
Es blieb nicht allein beim Unwetter von Saarbrücken : 2 Stunden später wurde am Flughafen Frankfurt/Main eine Böe von 70 Knoten gemessen. Im Stadtgebiet fielen bis zu 46 mm Niederschlag, es wurde Katastrophenalarm ausgelöst. Weiter östlich im Spessart meldeten mehrere DWD-Klimastationen Hagel. Auch im Hunsrück, Taunus und an der Lahn löste die Squall-Line schwere Gewitter aus. Von dem, was damals z.B. in Villmar an der Lahn passierte, gab am 26.Juli 2002 Bernhold hier im Forum eine anschauliche Schilderung. Ein Auszug daraus :
„Kurz bevor das Wetter hereinbrach (so gegen 18 Uhr) nahmen die Wolken im Bereich der Boeenwalze eine unheimliche gelbliche Farbe an und im SSW senkten sich die Wolken fast bis zum Boden herab (genau konnte ich das nicht sehen, da ein Nachbarhaus die Sicht versperrte und ich bei diesem Wetter keine Lust hatte, die Sache von einem unsicheren Standort ausserhalb unseres Hauses zu betrachten). Heftige Sturmboeen setzten ein, rasch gefolgt von fast waagerecht gepeitschtem Regen, der die Sicht auf unter 100 m herabsetzte. Das ganze Spektakel dauerte nicht besonders lang und als der Regen wieder nachließ, zeigte sich uns ein leicht verwüsteter Garten, in welchem eine ca. 3 m hohe Douglasie in ca. 50 cm Höhe abgebrochen war und (wie auch in der Nachbarschaft) Blumenkästen ihre angestammten Plätze auf den Fensterbänken verlassen hatten.“
Ich möchte heute mein damaliges Versprechen Bernhold gegenüber einlösen und eine synoptische Diagnose vom Geschehen des 20.08.1992 geben, so wie es mit dem mir damals verfügbaren Material noch möglich ist. Wesentliche Grundlage ist das live (im Rahmen meiner DWD-Fortbildungstätgikeit) archivierte Radarbildmaterial der Radarstation Frankfurt/M., ergänzt durch nachträgliche Scans vom damaligen Hardcopy-Kartenmaterial , Satellitenbild-Video-Sequenzen sowie neues amerikanisches Re-Analyse-Material aus dem WZ-Archiv.
SYNOPTISCHE VORENTWICKLUNG :
Schon der 18.08.92 gab eine Vorahnung für eine mögliche kommende Schwergewitterlage :
Re-Analyse Bodendruck + 500 hPa 18.08.92 00 UTC :

Re-Analyse Temperatur 850 hPa 18.08.92 00 UTC :

Westeuropa lag im Vorfeld eines breiten atlantischen Höhentroges; am Boden herrschten geringe Luftdruckgegensätze. Dabei erstreckte sich quer über Deutschland eine Luftmassengrenze zwischen subtropischer Warmluft im Süden und kühlerer Luft im. Nördlich der Mainlinie erreichten die Temperaturmaxima an diesem Tag nur Werte von knapp über 20°C, im äußersten Norden sogar noch weniger, im Süden dagegen verbreitet über 30°C. Im Süden war es sehr sonnig. Nur im Schwarzwald beobachtete man örtlich nachmittags Gewitter bei potentiell instabiler Schichtung (negativer KO-Index). Nach den Prognosekarten des damaligen GM-Modells des DWD war zu erwarten, daß sich aus dem geschilderten Atlantiktrog heraus ein Kurzwellentrog in 2 Tagen noch Mitteleuropa verlagern würde mit kurzzeitig weiter verstärktem Einschub der subtropischen Luft im Zusammenhang mit der Ausbildung eines neuen Bodentiefs über der Biskaya, das sich dann zur Nordsee verlagern sollte. Dies bedeutete die Gefahr einer verschärften Gewittersituation für den späten 20.08.92 im Südwesten, Süden und die Mitte Deutschlands.
Eine Entwicklung in diesem Sinne deutete sich dann schon an den Analysen des 19.08.92 an:
Bodendruck + 500 hPa, Re-Analyse WZ-Archiv, 19.08.92 00 UTC :

Temperatur 850 hPa, Re-Analyse WZ-Archiv, 19.08.92 00 UTC :

Mit Einlaufen eines neuen Höhentrogs in die Rückseite des atlantischen Höhentroges verkürzte sich letzterer und begann langsam ostwärts zu wandern. Gleichzeitig kristallisierte sich bei uns die Luftmassengrenze auch im Bodendruckfeld mehr heraus. In 850 hPa schob sich die subtropische Warmluft verstärkt in den südwest- und süddeutschen Raum hinein. Die Höchsttemperaturen stiegen in der Oberrheinebene (Karlsruhe) bis auf über 34°C an. Verbreitet beobachtete man jetzt Taupunkte von mehr als 15°C. Die Temperaturdifferenz T850-T500 stieg stellenweise auf über 30 K. Diese Bedingungen, die zunehmende Zyklonalisierung am Boden und die Annäherung der Trogvorderseite, lösten an diesem späten 19.08.92 von Frankreich her eine erste stärkere Gewitteraktivität aus : Ein nach 15 UTC am Nordrand des Zentralmassivs entstandener Gewitterkomplex (MCS) wanderte im Laufe des Abends über Südwestdeutschland und den Frankfurter Raum hinweg ostnordostwärts. Das folgende Frankfurter Radarbild zeigt dieses Gewittersystem mit Zentrum kurz vor Frankfurt :
Radarbild PL Frankfurt 19.08.92 19.52 UTC :

Man beachte die Konzentrierung der Starkschauer- und Hagelwarnpunkte im Grundriß und die „roten“ Hot-Towers im Auf- und Seitenriß. Der Frankfurter Flughafen meldete beim Durchgang des starken Gewitters 26 mm Niederschlag.
Bis 00 UTC des 20.08.92 hatten sich dann die Verhältnisse in der Höhe und am Boden über Westeuropa so stark umgestaltet, daß als Folge davon verbreitete nächtliche Gewitteraktivität über einen noch größeren Bereich, nämlich Spanien, Südwest- Westfrankreich die Situation beherrschte. Zur Demonstration die Re-Analysen vom 20.08.92 00 UTC, ergänzt durch die manuelle Bodenanalyse des DWD :
Bodendruck + 500 hPa, Re-Analyse WZ-Archiv, 20.08.92 00 UTC :

Temperatur 850 hPa, Re-Analyse WZ-Archiv, 20.08.92 00 UTC :

Bodenanalyse DWD 20.08.92 00 UTC :

Der atlantische Höhentrog befand sich um 00 UTC des 20.08.92 mit seiner Achse über der Biskaya, seine deutlich verschärfte Vorderseite überdeckte Frankreich und war im Begriff auf den Westen Deutschlands überzugreifen. Am Boden zeigte die Re-Analyse ein Tief von 1010 hPa über der südlichen Biskaya. Diese Situation erschien in der manuellen Bodenanalyse des DWD noch etwas verschärfter mit Bodenkern weiter im Norden und einer Kaltfront über der Biskaya. Präfrontal wurde dabei über der Mitte und dem Süden Frankreichs eine Konvergenzlinie analysiert. Diese Konvergenzlinie deckte sich mit der Position der höchsten Temperatur in 850 hPa Re-Analyse.
ENTWICKLUNG DER STARKGEWITTERLAGE IM LAUFE DES 20.08.92 :
Das neue Gewittergebiet über Spanien und Frankreich schwächte sich zunächst Tagesgang-bedingt ab, im Satellitenbild setzte aber schon früh ein Vorgang ein, der offensichtlich eine wesentlich Rolle bei der Auslösung der späteren Unwetter bei uns spielen sollte: Von der Biskaya her schob sich im Höhentroggebiet ein markanter „Dry Slot“- (IR-Bild) bzw. „Dry Intrusion“- (WV-Bild) Bereich in den mit der Kaltfront verbundenen Wolken- bzw . Feuchtebereich vor und erreichte im scharfen Kontrast mit dem fronten Feuchte- und Wolkenbereich keilförmig um 12 UTC den Pariser Raum (vom zugehörigen Sat-Video konnte ich für das Posting leider keine Reproduktion erstellen) . Entsprechend der „Conveyor-Belt“-Theorie mußte der Vorstoß von „Dry Slot“ bzw. „Dry Intrusion“ direkt vorderseitig starke Hebungsprozesse auslösen. Einen entsprechenden prognostischen Hinweis hatte auch bereits das GM-Modell mit einem Hebungsmaximum östlich des Pariser Raumes für 12 UTC gegeben. Genau dort schossen dann auch über Nordostfrankreich ab etwa 13.30 UTC längs einer Linie mehrere Cbs hoch. Daß dies möglich war, darauf gaben auch die damaligen Radiosondenaufstiege von 12 UTC eindeutige Hinweise :
Radiosondenaufstieg Nancy 20.08.92 12 UTC :

Radiosondenaufstieg Suttgart 20.08.92 12 UTC :

Mit Erreichen der Auslösung von Konvektion bestand eine hohe Labilitätsenergie mit Konvektions-Tops nahe –60°C. Daß dies organisierte mesoskalige Konvektion und sogar Tornado-Gefahr bedeutete, konnte man an der gleichzeitig ausgeprägten vertikalen Windscherung erkennen (besonders Temp Nancy). Hierzu auch die Horizontalverteilung der vertikalen Windscherung 500-850 :
Temperatur- und Windvektordifferenz 500/850 hPa 20.08.92 12 UTC :

Wie spiegelte sich die im Satellitenbild sichtbare heftige Entwicklung nun im Frankfurter Radarbild wider? Um 13.37 UTC tauchte die beschriebene Linie in 200 km Entfernung im Gebiet Metz-Nancy auf :
Radar-PL-Bild Frankfurt 20.08.92 13.37 UTC :

Zusätzlich war im Raum Nordvogesen eine starke Entwicklung in Gang gekommen, . Eine weitere kräftige Zelle gab es im Neckarraum. Alle Gewittertürme besaßen schon jetzt hochreichend „rote“ Intensität (>= 46 dBZ). Eine halbe Stunde später, um 14.07 UTC, hatten sich die Gewitter nordostwärts vorgeschoben, zusätzlich begann der Übergang zur stärksten, der „blauen“ Intensität (>=55 dBZ) in der mittleren Troposphäre :
Radar-PL-Bild Frankfurt 20.08.92 14.07 UTC :

Das bedeutete : Vom Neckarraum bis stromaufwärts von Südwestdeutschland bestand unmittelbare Schwergewittergefahr. Sie verschärfte sich für den Bereich Saarbrücken zum Radarbild von 14.22 UTC weiter :
Radar-PL-Bild Frankfurt 20.08.92 14.22 UTC :

Knapp südwestlich von Saarbrücken war das Reflektivitätsmaximum in mittlerer Höhe jetzt, eine ¼ Stunde vor dem gemeldeten Einsetzen des Unwetters, 57 dBZ stark. Das volle Ausmaß der Gewitter-Intensität wurde im Radarbild aber erst im Moment des Einbrechens des Unwetters sichtbar :
Radar-PL-Bild Frankfurt 20.08.92 14.37 UTC :

Vom Boden bis 11 km Höhe (vgl. Seitenriß rechts) hatte sich ein durchgehender und überhängender „blauer“ Hot-Tower gebildet. Die Extremwert-Analyse des Hot-Towers zeigte den ungewöhnlich hohen, Stark-Hagel-typischen Reflektivitätswert von 62 dBZ, und dies trotz der weiten Meßentfernung von 180 km zum Radarstandort Frankfurt. Die 62 dBZ bedeuteten gleichzeitig, zeitlich gesehen, den Höhepunkt der Saarbrücker Superzelle. Eine ¼-Stunde später (14.52 UTC) wurden noch 61 dBZ ferngemessen. Das Ausmaß der vom Saarbrücker Wetterbeobachter gemeldeten Wettererscheinungen läßt vermuten, daß bei einem näheren Radarstandort als Frankfurt alle Warnpunkt-Intensitäten sowie die Schärfe der Vorderkante der Squall-Line noch markanter erschienen wären.
Wie oben schon vermerkt, weitete sich die Starkgewitterlage dann in den Raum Hunsrück, Frankfurt und Lahn aus. Dabei handelte es sich keineswegs nur um eine bloße Verlagerung der vor Saarbrücken entstandenen Squall-Linie, sondern um ihre deutliche Ausweitung sowie um Neu-Entstehung von weiteren damit verbundenen Gewitterzentren. Dies bestätigte sich bereits im Radarbild von 15.07 UTC :
Radar-PL-Bild Frankfurt 20.08.92 15.07 UTC :

Die kräftige Einzelzelle von vorher 14.37 UTC knapp südlich der Mosel (vgl. das obige Radarbild) hatte sich jetzt zu einem ganzen Cluster starker Zellen erweitert und befand sich nun mit Schwerpunkt bei Koblenz. Die Intensitäten überschritten, erkennbar an der blauen Farbe im Auf- und Seitenriß, 55 dBZ. Die durchweg hochreichenden Hot-Tower waren somit alle hagelverdächtig. Gleiches konnte man von den Zellen der inzwischen von Saarbrücken nordostwärts vorgerückten Squall-Line sagen. Bewegungsrichtung und Intensitäten ließen somit auch kommende unwetterartige Zustände für den stromabwärtigen Bereich rund um das Rhein-Main-Gebiet sowie Lahn und Spessart erwarten. Eine konkrete Extrapolationsabschätzung zu diesem Zeitpunkt ergab ein wahrscheinliches Übergreifen der Squall-Line auf das Frankfurter Stadtgebiet um etwa 16.15 UTC. Eine zeitliche Abschätzung für den Raum Villmar/Lahn wäre in diesem Moment noch unsicher gewesen, weil sich räumlicher Umfang und effektive Verlagerungsrichtung des Clusters noch nicht verfestigt hatten.
Bis 15.37 UTC, also eine weitere ½ Stunde später, verlor die Squall-Line über der Pfalz ihre bisher klare Linienform und wirkte nun eher wie ein klumpiger Cluster starker Zellen :
Radar-PL-Bild Frankfurt 20.08.92 15.37 UTC :

Der Cluster von Koblenz war in der letzten ½ Stunde leicht nach rechts eingeschwenkt mit jetzt 4 deutlich unterscheidbaren Zellen(s. Auf- und Seitenriß), wobei die vordere Zelle südlich der Lahn eine Intensität von 61 dBZ aufwies. Nach der nun klareren Bewegungsrichtung mußte es diese Zelle sein, die knapp ½ Stunde später den Raum Villmar erreichte.
Um 16.07 UTC bot sich entsprechend folgendes Bild :
Radar-PL-Bild Frankfurt 20.08.92 16.07 UTC :

Der Gewitter-Cluster aus dem Pfälzer Raum hatte um 16.07 UTC die Rhein-Linie bei Mainz und Oppenheim erreicht und stand somit kurz vor Frankfurt. Im Bereich Lahn bestätigte sich die Vermutung von ½ Stunde vorher, daß die vordere Zelle südlich der Lahn den Bereich Villmar treffen müßte. Die Position des dortigen Hagelwarnpunktes zeigt an, daß die Zelle gerade das Lahn-Knie erreicht und somit Villmar in dem Moment überschritten hatte. Dies deckt sich gut mit der zeitlichen Angabe von Bernhold (18 MESZ). Beim Blick auf die Intensitäten im Frankfurter Radarbild fällt auf, daß weder im Frankfurter Raum, noch bei Villmar zu dieser Uhrzeit „blaue“ Intensitäten vorhanden waren. Die Intensitäts-Analyse ergab, daß das Frankfurter Radar die Villmarer Zelle jetzt mit „nur“ 55 dBZ, die Zelle bei Mainz mit 52 dBZ sah. Höchstwahrscheinlich waren die wirklichen Intensitäten höher, da nun die Standort-bedingte vorübergehende Niederschlagsdämpfung der Radarechos wirksam wurde. Unter diesem Aspekt muß man auch die nachfolgende Situation von 16.22 UTC betrachten :
Radar-PL-Bild Frankfurt 20.08.92 16.22 UTC :

Das Radarbild von 16.22 UTC zeigte die stärksten Zellen des Gewitterclusters nun direkt an der Südwest- und Westecke Frankfurts. Somit wurde die zeitliche Abschätzung 1 1/4 Stunden vorher weitgehend bestätigt. Interessanterweise konnte man inzwischen auch starke Zellen bereits östlich von Frankfurt bei Hanau bzw. südlich davon beobachten (die südlichere Zelle mit maximal 60 dBZ). Dieser Vorgang von Zellneubildung war genau genommen schon ¼ Stunde vorher (s.dortiges Radarbild) in Gang gekommen. Für eine Nowcasting-Abschätzung im Spessart war die neue Lage östlich von Frankfurt nun wichtiger als der bisherige Hauptcluster von Frankfurt. An der Lahn befand sich der „Villmarer“ Cluster um 16.22 UTC erwartungsgemäß schon weiter nordöstlich mit einer Intensität aus Frankfurter Sicht von noch 52 dBZ.
Wie sehr die angesprochene Niederschlagsdämpfung der Radarechos beim unmittelbaren Durchgang des Gewittersystems im Frankfurter Raum wirksam gewesen war, wurde nur eine ¾ Stunde nach dem zuletzt gezeigten Radarbild deutlich :
Radar-PL-Bild Frankfurt 20.08.92 17.07 UTC :

Einerseits durch Fortentwicklung der aufgeteilten Gewittersysteme zu einem nun zusammenhängenden MCS, andererseits durch den Wegfall der Niederschlagsdämpfung erschien um 17.07 UTC vom West-Spessart bis zum Vogelsberg eine sehr kräftige, kompakte Squall-Line. Das Süd-Ende dieser Squall-Line bildete die mächtigste, zudem deutlich nach Süden überhängende Zelle (59 dBZ). Alle sichtbaren Charakteristika (Struktur, Intensität) sprachen hier wieder für eine klassische Superzelle.
Bis 18 UTC bestätigte sich dann die in Gang gekommene Umwandlung in ein größeres, einheitliches mesoskaliges System noch mehr :
Radar-PL-Bild Frankfurt 20.08.92 17.37 UTC :

Radar-PL-Bild Frankfurt 20.08.92 18.07 UTC :

Die Squall-Linie durchzog jetzt den gesamten Bereich von Würzburg bis nach Nord-Hessen. Die 1 Stunde vorher beschriebene Superzelle befand sich mit deutlichen Überhängen nun nördlich von Würzburg . Aus Frankfurter Sicht ergab sich dabei die beeindruckende Maximalintensität von 61 dBZ. Knapp südlich davon war inzwischen eine weitere Zelle enstanden und verstärkte sich kontinuierlich. Man beachte auch die Neuentstehung einer schon starken Zelle weit entfernt bei Bamberg. Die Konfiguration eines nun großen zusammenhängenden Systems wurde u.a. von der Gesamt-Echo-Fläche im Nordosten des Bildausschnitts bestätigt.
Aus der Satellitenperspektive war der Anblick des Systems nicht minder beeindruckend. Leider kann ich für diesen Zeitpunkt keine Reproduktion aus dem damaligen Satellitenbild-Video präsentieren. Als Ersatz soll hier aber ein (qualitativ nicht sehr schönes) Schwarz-Weiß-Abbild des damaligen NOAA-Bildes von 18.14 UTC dienen :
NOAA-Satbild IR 20.08.92 18.14 UTC :

Ein mächtiges, ovales MCS überdeckte größere Teile von Mitteleuropa. Die Top-Temperatur im Kernbereich unweit der Superzelle betrug –67.5°C. Außer diesem Hauptsystem sah man im Süden Mitteleuropas weitere, noch nicht so ausgedehnte Gewittersysteme großer Intensität.
Abschließend noch die Radarsituation im Frankfurter Radarbild von 19.07 UTC :
Radar-PL-Bild Frankfurt 20.08.92 19.07 UTC :

Das mächtige MCS hatte den Frankfurter Erfassungsbereich schon teilweise verlassen. Nach wie vor waren die südlichen Zellen des Systems die stärksten und auffälligsten. Unweit von Nürnberg erkannte man, wie sich erneut Zellneubildungen vollzogen hatten. Die von Westen heranrückende Linie (die auch schon 1 Stunde vorher zu sehen war) war identisch mit der nachrückenden Kaltfront. Dieser Echobereich schwächte sich dann aber (im Absinkbereich des „Dry Slot“) ganz ab.
Meine synoptische Diagnose zu Anfang des Postings ging aufgrund der herrschenden Situation auch von Tornadogefahr aus. Gemeldet wurden (s. auch TorDACH-Information) dann aber keine Tornados. Auch Bernhold sprach in seinem Bericht angesichts der bei Villmar aufgetreten Schäden „nur“ von Gustnado. Die Brisanz der gesamten Entwicklung läßt zumindest aber die Möglichkeit nicht gesehener oder nicht entdeckter damaliger Tornados offen.
Wetterfuchs



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  16.07.03: Strukturvielfalt einer Schwergewitterlage 4896 Org: Wetterfuchs, 5.08.2003 03.09.03 07:56
  Zusatz zum Verlauf dieser Schwergewitterlage: 4649 Org: Marco Puckert, 5.08.2003 03.09.03 07:57
  09.07.02 : Starkgewitter vor dem Berlin-Unwetter 7035 org:Wetterfuchs am 09.07.03 09.07.03 21:19
  Rückschau : Entwicklung des Berliner Unwetters 7709 org: Wetterfuchs am 11.07.02 09.07.03 18:01
  18.06.02: Eine Gewitterlage der Superlative 6531 org. Wetterfuchs 02.07.2003 02.07.03 16:41
  Unwetterdoku vom 23.06.2003 4774 Christian (Braunschweig) 01.07.03 21:37
  Tornadolage 10.06.03 : Met.Strukturen (2,5 mB) 6813 Org: Wetterfuchs am 21.06.2003 21.06.03 13:09
  Ausführlicher Bericht aus Acht / Eifel 3888 Matthias, Bonn 12.06.03 21:14
  So! hier nun die Karte des Ortsgebietes Acht 3372 Matthias, Bonn 12.06.03 23:12
  Bilder aus Acht 3774 Matthias, Bonn 13.06.03 13:14
  Das Straßburger Gewitter-Drama vom 06.07.2001 6981 org:Wetterfuchs am 06.07.02 08.06.03 01:28
  MCS 07.07.2001 : Harmonie der Synergetik 5634 org:Wetterfuchs am 07. 07 2002 08.06.03 01:26
  Heute vor 2 Jahren : Schwergewitterlage 02.07.2000 6442 org:Wetterfuchs am 02.07.02 11.05.03 13:17
  Die Gewitterfront kam wie eine Wand, 02.06.99 7814 org:Wetterfuchs am 10.09.02 13.09.02 13:59
  Heute vor 8 Jahren : Schwere Hagelgewitter in NRW 5734 org:Wetterfuchs am 4.07.02 30.08.02 19:53
  21.07.92 : Top-Schwergewitterlage in Mitteleuropa 10143 org: Wetterfuchs 23.07.02 15:29
  Ein Markstein : Münchener Hagelunwetter 12.07.1984 7662 org: Wetterfuchs 24.07.02 10:08
  Noch ein Bericht zum Sturm am 10.Juli 2002 4711 org: Christoph Gatzen am 13.07.2002 21.08.02 20:32
  Interessante Bemerkungen zum Hagelschlag vom 15.06 5222 org: Martin Hubrig am 1.07.2002 21.08.02 20:28
  15.05.2008 - Konvergenz in NRW - Gewitter/Starkregen geschrieben von: Fabian aus Bochum (Mai 2008) 10516 Admin 30.11.09 13:17
  Analyse/Rückblick: Der markante 30.7.2009 im Norden... geschrieben von: Jan Hinrich Struve (August 2009) 5216 Admin 30.11.09 13:18
  Bemerkenswerte Boundary, 02.07.2009 geschrieben von: Roboter (Juli 2009) 3135 Admin 30.11.09 13:21
  Tornado-Outbreak Hamburg 27.03.06 (1) : Synoptik + Radar/Sat-Überblick geschrieben von: Wetterfuchs (März 2009) 5593 Admin 30.11.09 13:40
  Tornado-Outbreak Hamburg 27.03.06 (2) : Detail-Analyse Zell-Entwicklung + Tornados geschrieben von: Wetterfuchs 4783 Admin 30.11.09 13:41
  Tornado-Outbreak Hamburg 27.03.06 (3) : Kurzfristprognosen + Nowcasting geschrieben von: Wetterfuchs 9033 Admin 30.11.09 13:42


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