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Tornado von Prüm, 15.09 1986 - Eine Analyse
geschrieben von: Lars aus Neufahrn (IP-Adresse bekannt)
Datum: 03. Oktober 2004 20:18

Guten Abend zusammen,
eigentlich wollte ich diesen Beitrag gestern schon reinstellen, zum Jahrestag des Tornados von Prümam 15.09 1986. Aufgrund von massiven DSL-Problemen ist mir das leider nicht gelungen. Daher nun, etwas verspätet, diese Analyse.
Am frühen Abend des 15. Septembers 1986 wurden Teile der Stadt Prüm sowie ihrer Umgebung von einem starken Tornado heimgesucht, der hohe Schäden verursachte. Viele Dächer wurden beschädigt, manche Dachstühle wurden komplett weggerissen, zahlreiche Bäume entwurzelt oder geknickt. Mehrere Hochspannungsmasten wurden ebenfalls geknickt. Der Schaden belief sich auf knapp 10 Mio. DM. Kurz zuvor trat im belgischen Hemroulle bei Bastogne, etwa 50km WSW von Prüm ein weiterer Tornado auf. Es wurde von 12 beschädigten Gebäuden (meist Gehöften) berichtet, so dass mindestens von T4/F2 auszugehen ist. Der Wirbel von Prüm wurde in der Tordach-Datenbank als T4/F2 eingestuft, allerdings scheint aufgrund der Schadensstärke mindestens T5/F2+ wahrscheinlicher. Am selben Tag gab es in Teilen von Rheinland-Pfalz Überschwemmungen durch starke Regenfälle.
Was war an diesem Tag genau passiert?

Auf dem Viererpanel der GFS-Reanalyse-Karten vom 15.09 1986, 12Z zeigt das 500 hpa Geopot/Bodendruck-Komposit (links oben) über dem östlichen Nordatlantik einen sog. „Rex-Block“ (auch High-over-Low-Blocking genannt). Östlich davon erstreckt sich von der Biskaya über Mitteleuropa bis nach Weißrussland eine markante Frontalzone, welche polare Kaltluft (mA) über dem Nordmeer von subtropischer Warmluft (mS,xS) über dem südlichen Mitteleuropa und dem Mittelmeerraum trennt. Durch den großen Temperaturgegensatz (zu sehen auf dem 850 hpa/Temperatur-Komposit links unten) über Europa herrschte eine starke Höhenströmung; so wurden im 500 hpa-Niveau am Morgen des 15.09 über Deutschland 50 bis 70 Knoten gemessen. Auch in tieferen Niveau´s (700 hpa, 850 hpa) wurden hohe Windgeschwindigkeiten gemessen.
Am Boden wurden am Morgen des 15.09 korrespondierend zum Höhenmuster ein starkes Hoch südwestlich Island, ein Tief westlich der Biskaya und ein weiteres Tief mit Kern bei Stockholm analysiert. Von dem schwedischen Tief ausgehend erstreckte sich eine quasi-stationäre Front quer durch Mitteleuropa bis zur Biskaya. Eine zweite Front befand sich etwa parallel zu ihr gut 400 km weiter südlich entlang der Alpen.
Unter dem Right-Entrance-Sektor eines Jet streaks über dem nördlichen Mitteleuropa wanderte ein Mesotief, das sich morgens um 7h noch bei Bordeaux befand, an der stationären Front entlang nach ENE. Einhergehend damit setzte im Südwesten Deutschlands starke Warmluftadverktion (WLA) ein und die Front kam im Laufe des Tages allmählich etwas nach Norden voran.
Waren die Temperaturgegensätze am Morgen um 7h schon recht markant, so verschärften sie sich tagsüber noch.
Auf der Berliner Wetterkarte vom 15.09 mittags 13h taucht das Mesotief bereits am linken Bildrand über Frankreich auf.

Von dem Mesotief ausgehend erstreckt sich die ehemals quasi-stationäre Front, nun mit leichter Nordwärtsverlagerung als Warmfront (WF) analysiert über die Eifel und den Thüringer Wald nach ENE. Auch die zweite WF nahe der Alpen befindet sich schon um einiges weiter im Norden. Südlich der Front über Mitteldeutschland ist die Subtropikluft eingeflossen. Südlich der zweiten Front lagen die Temperaturen um 13h meist bei über 25°C. Die Maxima dieses Tages lagen z.B. am Oberrhein durchweg bei 28 (Karlsruhe) bis knapp 29 °C (Freiburg). Bei recht guter Einstrahlung und 850hpa-Werten von 12 bis 14°C sind diese Temperaturen zu erwarten.
Nördlich der nördlicheren WF ist bereits die sehr kühle mA eingeflossen. Bei meist stark bewölktem Himmel liegen die Temperaturen dort meist nur zwischen 12 und 15 Grad. Durch die WLA aus Südwesten und die Hebung durch das Mesotief und den Jet streak wurden besonders im Westen Deutschlands starke und oft langanhaltende Regenfälle ausgelöst. So meldete Aachen in weniger als 12h bis 19h 32mm, Düsseldorf 19, Nürburg 29 und der Kahle Asten 34mm. Bis zum Morgen des 16.09 fallen in Nürburg 46 und in Bad Marienberg 53 und im südlichen Niedersachsen oft 30 bis 50mm Regen.
Die Temperaturen lagen hier, nördlich der WF im mäßigen E- bis NE-Wind meist nur wenig über 10°C. Ausgesprochenes Herbstwetter also.
Entsprechend zeigt sich der 12Z-Radiosondenaufstieg von Essen in der bodennahen Kaltluft nördlich der Warmfront:

Markant ist hier der bodennahe Windsprung von NE über SE auf SW. Über der bodennah advehierten Kaltluft schiebt sich die warme, feuchte Luft der mS. Die sehr stabile Schichtung ist typisch für solche Aufstiege nördlich einer gut ausgeprägten Warmfront. Gleich mehrere frontale Inversionen sind hier zu sehen.
Die heftigen Regenfälle wurden durch den hohen Feuchtegehalt der Warmluft aus Südwesteuropa gestützt. Lokale, orografische Effekte taten im Mittelgebirgsraum ihr übriges. Ganz anders sah die Situation südlich der WF, in der mS aus.

Bodennah ist mit kräftiger Südwestströmung warme und feuchte Luft eingeflossen. Darüber ist die Schichtung etwa zwischen 850 und 700 hpa fast adiabatisch. Möglicherweise wurde mit der starken Südwestströmung von Südfrankreich her recht gut durchmischte, trockenere Luft advehiert. Ansatzweise ist dies auf dem 700 hpa-Geopot/RH-Bild im Viererpanel (unten rechts) zu sehen.
Diese Schichtung ergibt natürlich recht hohe Convective available potential energy (CAPE). Auffallend ist der recht hohe CAPE-Anteil nahe der Erdoberfläche (dunkelrot eingefärbt) zwischen dem Level of free convection (LFC) und dem 700hpa-Niveau.
Korrespondierend dazu gibt es kaum „stabile Fläche“ (CIN). CAPE beläuft sich insgesamt auf über 900 J/kg, ein recht hoher Wert für Mitte September.
Nach Rasmussen (1998) und Davies (2001) können hohe „low-level-CAPE-Werte“, also erhöhte Labilitätsenergie in den unteren Schichten als Indikator für erhöhtes Tornadopotential angesehen werden.
Weiterhin auffallend ist die starke Scherung. Am Boden weht SSW-Wind mit etwa 10 Knoten, im 500hpa-Niveau sind es 50 Knoten aus SW. Die Scherung ergibt für den Bereich 0-6km (deep-layer-shear, DLS) etwa 40 Knoten. Allgemein wird bei der Vorhersage von Schwergewittern ein Wert von 35 bis 40 Knoten als ausreichend für die Bildung von langlebigen, organisierten Gewittern (inklusive Superzellen) gesehen. Neben der DLS ist auch die Scherung im Bereich nahe der Erdoberfläche auffallend, sie beträgt etwa 30 Knoten in den untersten 2km. Die „Storm-relative-helicity“ (SRH) zeigt, integriert über die 0-3km-Schicht knapp 300m^2/s^2 und über die 0-1km-Schicht 175m^2/s^2 an.
Werte von > 150m^2/s^2 in 0-3km werden als günstig für die Bildung von Superzellen (vorausgesetzt, es entstehen Gewitter!) eingeschätzt.
Unter anderem Brooks und Craven (2002) fanden heraus, das „Proximity soundings“ von Tornadofällen nicht nur mit hohen SRH-Werten in 0-3km, sondern vor allem mit hohen Helicitywerten nahe der Erdoberfläche (0-1km-Schicht) verbunden sind.
Werte von > 100 m^2/s^2 in 0-1km gelten als starkes Signal für ein erhöhtes Tornadopotential, vorausgesetzt, alle anderen Parameter sind günstig.
Somit sind aus dem Mittagsaufstieg von Nancy gleich mehrere Faktoren herauszulesen gewesen, die Auskunft gaben über die brisante Wetterlage an diesem Tag. Davies (2003) hat in einer Arbeit zur Vorhersage von Schwergewittern und Tornados eine kleine Übersicht zu wichtigen Parametern zusammengestellt.

Vergleichen wir die Werte des Mittagsaufstieges von Nancy mit den Richtwerten aus der Tabelle, so fallen einige Indizes in den Bereich „good bis strong“. Als günstig für die Bildung von Mesozyklonen in den unteren Schichten und damit verbunden auch Tornados, sind sowohl eine recht feuchte Grundschicht und bei geeigneter Schichtung viel CAPE direkt über dem LFC und starke, bodennahe Scherung.
Diese beiden Bedingungen waren bereits erfüllt. Somit schlagen auch Parameter wie der Energy-Helicity-Index (EHI) an. Dieser Index integriert den gesamten CAPE sowie die SRH0-3km (EHI0-3km) Werte über 1.0 geben einen Hinweis auf erhöhtes Potential für Mesozyklonen (>Superzellen).
Eine Erweiterung des klassischen EHI ist der EHI0-1km. In ihm wird die SRH des untersten Kilometers über der Erdoberfläche integriert. Dieser neue EHI soll ein verbessertes Tool speziell für das Potential von „low-level-mesocyclones“ und – damit verbunden – Tornados darstellen.
Für den Aufstieg von Nancy ergibt sich ein EHI0-3km von 2.0 und ein EHI0-1km von 1.0. Nach den Richtlinien von Davies (2003) ist dies ein „marginaler“ Wert für Tornados. Allerdings ist Vorsicht bei der Benutzung solcher und anderer Parameter geboten, die auf CAPE und /oder SRH basieren. Zum einen diesen sie nur als Hilfsmittel bei der Einschätzung des Gefahrenpotentials, zum anderen sollten sie nicht alleine, sondern immer im Zusammenhang mit anderen Indizes gebraucht werden. Zudem können regionale und selbst lokale Variationen der thermodynamischen und kinematischen Parameter zu erheblich abweichenden Werten führen. Dies war sehr wahrscheinlich auch am Nachmittag des 15.09 1986 der Fall.
Mit Annäherung des Mesotiefs entstanden bereits am frühen Nachmittag über Nordostfrankreich erste Gewitter (auf der 13h-Analyse z.B. in Reims und St.-Dizier).
Gleichzeitig ist an einigen Stationen in Frankreich ein SE-Wind zu erkennen, der durch die Verlagerung des Mesotiefs bedingt ist. Es ist davon auszugehen, dass sich die bodennahen Windprofile in Westdeutschland südlich der WF noch verändert haben. Wenn wir für die Region Südeifel-Mosel ein ähnliches Profil wie Nancy annehmen, so würde eine Winddrehung auf SE oder gar E zu einem drastischem von SRH und damit verbunden, EHI führen (resp. > 235 m^2/s^2, 1.4). Im stark gegliederten Gelände der Südeifel sind lokale Modifikationen des Windfeldes in Bodenähe wahrscheinlich. Das Tal der Prüm ist etwa N-S ausgerichtet, ein südlicher Wind vor den Gewittern wäre schon mit zusätzlicher SRH verbunden gewesen. Leider sind aus der Umgebung von Prüm und Hemroulle keine Winddaten verfügbar gewesen. Es ist nur gesichert, dass die Temperatur kurz vor den Gewittern nach einer kurzen, sonnigen Periode auf knapp 23 °C angestiegen ist. Somit können die thermodynamischen Verhältnisse von Nancy um 12Z näherungsweise für die Südeifel herangezogen werden.
Die Warmfront befand sich zum Zeitpunkt der Tornados nur wenige dutzend km weiter nördlich, denn Aachen z.B. blieb die ganze Zeit über in den Kaltluft (Tmax 13°C).
Dies würde Beobachtungen aus den USA (Arbeiten z.B. von Rasmussen, Markowski) stützen, nach denen tornadische Superzellen bevorzugt an Fronten oder „outflow boundaries“ auftreten. Hier sind sowohl Konvergenz als auch die bodennahe Scherung durch Temperaturgradienten (und damit einhergehend entstehender Vorticityproduktion) stark erhöht, was für die Bildung von „low-level-mesocyclones“ förderlich ist.
Dieser Effekt hat die orografischen Effekte wahrscheinlich überlagert.
Was alle diese Faktoren letztendlich zustande brachten, werden die Prümer wohl bis heute nicht vergessen haben.
Grüße,
Lars



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