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18.07.04: Diagnose der Tornado-Lage vom Ruhrgebiet
geschrieben von: Wetterfuchs (IP-Adresse bekannt)
Datum: 26. Oktober 2004 15:46

Nach der Tornado-Lage vom 23.06.04 mit dem Höhepunkt Micheln war der 18.07.04 im westlichen Ruhrgebiet das wohl spektakulärste Tornado-Ereignis des Sommers 2004. Dazu gab es umfangreiche Zeugen- und Schadens-Dokumentationen. Wie Thomas Sävert auf seiner Tornado-Seite (www.tornadoliste.de) feststellt, wurden zum ersten Mail in Deutschland gleich mindestens 3 große Städte direkt getroffen. Entsprechend kletterte die Schadenssumme in den vielfachen Millionenbereich. Häuser wurden erheblich beschädigt, Autos von umgestürzten oder zersplitterten Bäumen erdrückt. Zeugen sahen umherfliegende Trümmer, glücklicherweise waren jedoch keine Menschenleben zu beklagen. Nach der von Thomas Sävert erfaßten Schadensstärke handelte es sich um einen oder zwei Tornados der Stärke F2-F3. Die erste Tornadospur setzte nach seinen Angaben etwa 20.36-20.38 MESZ (18.36-18.28 UTC) westlich von Tönisvorst/Krefeld in Hahnenweide ein. Die Spur verlor sich dann im Bereich nordwestlich von Krefeld. Nahe der Stadtgrenze Krefeld/Duisburg begann dann rund 21 MESZ (19 UTC) offensichtlich eine neue Tornado-Spur. Starke Schäden gab es in diesem zweiten Fall besonders im Westen von Duisburg (Kaldenhausen, Rumeln), aber auch im Innenstadtbereich von Oberhausen. Schäden reichten bis in den Norden von Essen hinein. Die Länge der zweiten Tornadospur betrug nach Thomas Sävert mindestens 23 km, die Zeit des zweiten Tornados reichte von rund 21 MESZ bis rund 21.30 MESZ.
In dem nun folgenden Posting soll versucht werden, den meteorologischen Hintergrund näher zu beleuchten und das Ereignis dort einzuordnen. Inhalt ist zunächst die synoptische Vorgeschichte, das synoptische Umfeld zur Zeit der Tornados und dann eine ausführliche Radaranalyse. Das Material dazu stammt zu einem größeren Teil aus den damals von mir live archivierten Daten. Spezielle, räumlich und zeitlich höher aufgelöste Radarreflektivitätsbilder bzw. Radialwind-Produkte der Radarstation Essen habe ich nachträglich von Helmut Klimmek (DWD Essen) als auch von Peter Lang (Meteorologischen Observatorium Hohenpeißenberg) erhalten, wofür ich mich an dieser Stelle besonders bedanke. Diese Original-KonRad-Produkte habe ich dann für das Posting extra aufbereitet.
SYNOPTISCHE VORGESCHICHTE UND SYNOPTISCHES UMFELD
Der 18.07.04 war kein isolierter Schwergewittertag. Schon der Vortag, der 17.07.04 war für weite Teile Deutschlands mit schweren Gewittern verbunden. Die entsprechende synoptische Situation erkennt man auf der folgenden Bodenenanalyse (DWD) :
Bodenanalyse 17.07.04 12 UTC :

An der Südostflanke eines Tiefs nordwestlich von Schottland floß am 17.07.04 in einem breiten Warmsektor subtropische Luft nach Mitteleuropa ein. Die in der Warmluft eingelagerten Konvergenzlinien führten am Abend präfrontal und frontal besonders im Westen Deutschlands zu einer massiven Gewitter-Squall-Line. In den Norden Deutschlands drang in der Nacht mit der ersten der zwei Kaltfronten nicht mehr ganz so warme Luft ein. Dies sieht man auf der Bodenanalyse vom 18.07.04 00 UTC :
Bodenanalyse 18.07.04 00 UTC :

Wie am Vortag wurden für das Tief bei Schottland zwei Kaltfronten analysiert, wobei die vordere Kaltfront über Frankreich leicht wellte. Diese frontale Doppel-Struktur kam auch 6 Stunden später gut auf dem IR-Satellitenbild zum Ausdruck :
IR-Satellitenbild 18.07.04 06 UTC :

Die Welle über Frankreich war weniger durch ein durchgehendes Wolkenband als durch den über Mittelfrankreich angeregten Gewittercluster abgebildet. Dagegen erschien um diese Zeit die zweite Kaltfront, die für das spätere Tornado-Geschehen die Hauptverantwortung tragen sollte, noch als relativ harmloses, lang gezogenes breites und ebenmäßiges Wolkengebiet. Eine gewisse Verschärfung dieser Strukturen zeichnete sich erst ab den Mittagsstunden ab. Dazu das Vis-Satellitenbild von 12 UTC :
Vis-Satellitenbild 18.07.04 12 UTC :

Die Welle der Kaltfront war jetzt abgeflacht und der französische Gewittercluster war zum Mittelrhein gezogen. Zu dieser Zeit gab es dort unweit von Bonn einen ersten Tornado-Verdachtsfall, wie Matthias aus Bonn im Forum mehrmals berichtet hat. Auf dessen Details will ich hier nicht näher eingehen. Immerhin erkennt auf dem zeitgleichen Radarkomposit + Synops (Java-MAP, DWD) von 12 UTC die Brisanz dieser Entwicklung dort :
Radar-Komposit + Synops 12 UTC :

Richten wir den Blick wieder nach Frankreich : Aus einem stärkeren und breiten Stark-Echogebiet über der südwestlichen Nordsee und Südost-England heraus erstreckten sich auf dem Radarkommposit 2 Echobänder nach Frankreich. Das längere hintere Band war mit der zitierten zweiten Kaltfront verbunden, die meteorologischen Erscheinungen (Wind, Temperatur) waren darin aber relativ harmlos. Das davor liegende kürzere Niederschlagsband über Nordostfrankreich war nicht nur niederschlagsintensiver, sondern besaß auch einen markanten Windsprung. Die so dokumentierte Doppel-Struktur der Kaltfront hatte sich nach den Morgenstunden herausgebildet. Dies war auch auf dem obigen Vis-Satellitenbild von 12 UTC sichtbar : Das kürzere und kräftigere, vorlaufende Niederschlagsband erschien keilförming nördlich der Seine Richtung Ärmelkanal. Innerhalb dieser Struktur war offenbar auch höher reichende Konvektion im Gange, wie u.a. im Radarkomposit zu erkennen. Wichtig auch, daß östlich davor ein relativ wolkenfreier Bereich existierte, wodurch dort die Temperaturen am Nachmittag gut ansteigen konnten. Dies wurde besonders 3 Stunden später um 15 UTC sichtbar :
Radar-Komposit + Synops 15 UTC :

Vis-Satellitenbild 18.07.04 15 UTC :

Vor der nun verschmolzenen Kaltfront wurden bei südlichen Winden bis zu 24°C, dahinter bei westlichen bis nordwestlichen Winden 17°C bis 20°C gemessen.
Angesichts der Tornado-Lage 3-4 Stunden später in NRW stellte sich die Frage, inwieweit die vertikalen Schichtungsverhältnisse von Temperatur und Wind die Auslösung von Tornados begünstigten. Zunächst ein Blick in die Fläche : In 500 hPa gehörte zu dem Tief bei Schottland ein breiter bis zur Biskaya reichender Trog :
GME-Analyse 500 hPa 18.07.04 12 UTC :

Der Trog war vom Atlantik vorgerückt und hatte sich dabei seit dem Vortag vorderseitig verschärft. So war auch die Verstärkung der 2.Kaltfront mit vorlaufender Linie infolge wachsender PVA verständlich. In 850 hPa bildete sich die Luftmassengegensätze durch eine entsprechende Temperaturstruktur ab :
GME-Analyse 850 hPa 18.07.04 12 UTC :

Aufgrund dieser Situation herrschten über Frankreich und dem späteren Tornado-Gebiet südwestliche Höhenwinde. Dies wurde direkt vom Essener Radiosondenaufstieg von 12 UTC bestätigt :
Radiosondenaufstieg Essen 18.07.04 12 UTC :

Eine generell starke vertikale Windscherung war mit der südwestlichen Höhenströmung aber nicht verbunden. In 850 hPa Höhe gab es bei bodenschwachem Wind etwa 25 Knoten und erst in der oberen Troposphäre nahm der Wind auf über 50 Knoten zu. Eine etwas stärkere Scherung bestand somit, wenn überhaupt, nur in den untersten 1500 m. Ganz ähnliche Verhältnisse gab es bei den Radiosonden der Niederlande und in Frankreich. Auch die vertikale Temperaturschichtung bot eigentlich nichts Ungewöhnliches : Bei Erreichen von etwas über 25°C konnte nach dem Essener Temp Konvektion bis etwa 300 hPa ausgelöst werden, bei nicht sehr großer Labilitätsenergie (CAPE). Ähnliche Feucht-Konvektion war durch erzwungene Hebung im präfrontalen Bereich denkbar. Wie im Essener Temp gab es auch an den anderen Radiosondenstationen des Gebiets eine relativ trockene mittlere Troposphäre , was immerhin eine eventuelle Downburst-Entwicklung begünstigte.
RADAR – ANALYSE ZUR TORNADO – ENTWICKLUNG
Die um 15 UTC über Nordostfrankreich vor der Grenze der Niederlande und Belgiens angelangte Front erreichte etwa 18 UTC den Grenzraum zu Deutschland. Die Situation um diese Uhrzeit wird auf dem folgenden Ausschnittsbild des Radarakomposits (Java-MAP, DWD) festgehalten :
Ausschnittsbild Radarkomposit mit Synops 18.07.04 18 UTC :

Im linken Bildbereich erkennt man das nach wie vor gut entwickelte frontale Niederschlagsband, das etwa in der Bildmitte nach Süden abbricht. Im Südteil dieses Niederschlagsbandes waren mehrere Zellen mit „roter“ Intensität (>= 46 dBZ) inkorporiert, besonders im Randbereich. Weitere konvektive Aktivität bestand über der Eifel und der Kölner Bucht. Diese war von der frontalen Aktivität abgekoppelt und war etwa 3 Stunden vorher, auf der obigen 15 UTC-Radarkomposit-Karte bereits identifizierbar, südöstlich der Kaltfrontlinie an der Westflanke der Ardennen entstanden. Diese südlichen Gewitterherde spielten für die sich entwickelnde Tornado-Lage keine Rolle. Schaut man auf die in das Radarkomposit eingegebenen Synops, so sieht man, daß die aktuellen 2m-Temperaturen jetzt schon unter denen von 15 UTC lagen. Die Weiterentwicklung der Konvektion, insbesondere im Zusammenhang mit den kommenden Tornados, lebte somit wahrscheinlich ganz aus der Eigendynamik des Südendes des bestehenden frontalen Systems. Dafür war es auch wichtig, daß die aktuellen Taupunktsdifferenzen recht gering waren, wie die folgende Karte zeigt :
Ausschnittsbild Radarkomposit mit Temperaturen + Taupunkte 18.07.04 18 UTC :

Die Taupunkte lagen mit etwa 18°C recht hoch, die Taupunktsdifferenzen betrugen im Bereich des westlichen Ruhrgebiets nur etwa 3 K. Das bedeutete ein gute Quelle konvektiver Enderie und erzeugte außerdem niedrige Wolkenuntergrenzen.
Bis zum Zeitpunkt der Auslösung des ersten Tornados westlich von Tönisvorst/Krefeld schob sich das frontale Echoband weiter ostwärts vor und mit ihm zusammen die bestehende stärkere konvektive Aktivität an seinem Südrand. Im folgenden zeige ich in diesem Zusammenhang die aufbereiteten hoch aufgelösten „PX“-Bilder des Radarstandortes Essen im 5-Minuten-Intervall, ergänzt durch Quasi-3D-Informationen der Standard-Radar-Echo-Bilder „PL. Bei der Interpretation geht es u.a. um die Zuordnung der Radarstrukturen zu der von Thomas Sävert beschriebenen Schadensspur der Tornados und die Frage, ob es Belege für die von ihm gefolgerte Existenz von 2 Tornados gab.
Die beiden ersten PX-Bild-Ausschnitte (1 km-Auflösung) decken die von Thomas Sävert angegebene Zeit der Entstehung des ersten Tornados westlich von Tönisvorst/Krefeld ab :
PX-Bild-Ausschnitt Essen („KonRad“) 18.07.04 18.36 UTC :

PX-Bild-Ausschnitt Essen („KonRad“) 18.07.04 18.40 UTC :

Die Orientierung auf den KonRad-PX-Bild-Ausschnitten ist durch die eingegebenen schwarzen Stadtbereiche, die Stadt-Namen sowie die Flüsse erleichtert. So sieht man den schwarzen Stadtbereich von Krefeld, direkt links davon den Punkt von Tönisvorst. Knapp nordwestlich von Tönisvorst ist im Radarbild von 18.36 UTC eine „rote“ (>= 46 dBZ), leicht längliche Zelle abgebildet. Bis 18.40 UTC ist diese Zelle dann etwas ostnordostwärts gewandert und besaß dann einen „blauen“ Kern (>= 55 dBZ). Offensichtlich handelt es sich bei dieser Zelle um die Tornado-Gewitterzelle. Diese Aussagen wird dadurch unterstützt, daß im Bild von 18.40 UTC eine Hook-Echo-Struktur erkennbar war.
PL-Bild Essen 18.07.04 18.43 UTC :

Das PL-Bild (2 km Auflösung) von 18.43 UTC ordnet dem blauen Punkt im Grundriß in Auf- und Seitenriß eine Zelle zu, die etwa bis 7-8 km Höhe identifizierbar ist und blaue Intensität bis 5 km aufweist.
Auf den nächsten beiden PX-Bildern von 18.47 UTC und 18.51 UTC kann man die Verlagerung der Tornado-Gewitterzelle auf die Nordseite von Krefeld sehen :
PX-Bild-Ausschnitt Essen („KonRad“) 18.07.04 18.47 UTC :

PX-Bild-Ausschnitt Essen („KonRad“) 18.07.04 18.51 UTC :

Die Konvektion erschien nun aber nicht mehr als kompaktes Gebilde, sondern als längliches, mehrzelliges Gebilde, dessen blauer Hauptkern um 18.51 UTC wohl mit der Tornadozelle in Deckung gebracht werden kann. Eine Hook-Echo-Struktur war gleichzeitig weniger offensichtlich. Die größerskalige Echoverteilung mit dem breiten frontalen Niederschlagsband und dessen südlichem konvektiv aktiven Rand beherrschte nach wie vor das Gesamt-Bild. Dieser frontale „Stempel“ hatte sich längs einer westsüdwestlich-ostnordöstlichen Linie weiter zum Ruhrgebiet vorgeschoben.
Nun mußte der Zeitpunkt kommen, an dem sich nach der Vermutung von Thomas Sävert der erste Tornado auflöste. Gab es dazu radarmäßig Hinweise? Und bestanden Belege für eine Neubildung im Bereich der Stadtgrenze Krefeld/Duisburg etwa um 19 UTC?
PX-Bild-Ausschnitt Essen („KonRad“) 18.07.04 18.57 UTC :

PX-Bild-Ausschnitt Essen („KonRad“) 18.07.04 19.00 UTC :

Das PX-Bild von 18.57 UTC zeigt , daß sich die vorher dem Tornado zuzuordnende Zellkonfiguration unter Abschwächung weiter ostnordostwärts bewegt hatte, und zwar bis zum Südwest- und Südrand von Moers. Die Radarecho-Intensität im Raum direkt nordöstlich von Krefeld blieb relativ schwach. Um 19.00 UTC lag das bisherige Echo-Maximum dann im Mündungsbereich der Ruhr in den Rhein, also im Raum des Duisburger Hafens, im Duisburger Westen/Südwesten (Kaldenhaus, Rumeln) gab es auch jetzt keine auffällige Radarstruktur. Wie lassen sich diese Tatbestände interpretieren? Die Abschwächung der vorherigen Tornadozelle während ihrer Ostnordostwärtswanderung deckt sich prinzipiell mit der Annahme der Auflösung des ersten Tornados. Allerdings sollte im Duisburger Westen/Südwesten jetzt 19.00 UTC mehr zu sehen sein als tatsächlich zu sehen war. Eine mögliche Lösung der Frage bieten die beiden nächsten PX-Bilder von 19.05 UTC und 19.10 UTC :
PX-Bild-Ausschnitt Essen („KonRad“) 18.07.04 19.05 UTC :

PX-Bild-Ausschnitt Essen („KonRad“) 18.07.04 19.10 UTC :

Das PX-Radarbild von 19.05 UTC zeigt, wie die bisher geradlinige Gewitterkette bogenförmig nach Südosten in Richtung der Region des zweiten gemeldeten Tornados im Duisburger Westen/Südwesten vorrückte und sich dabei sichtbar verstärkte (blaue Maxima). An dessen unmittelbaren Südostrand kann sich der zweite Tornado gebildet haben. Um 19.10 UTC befand sich dann ein blauer Kern davon versetzt im Bereich der Ruhrmündung (Duisburger Hafen). So deutet der Vorstoß und die Neu-Intensivierung der Zell-Aktivität tatsächlich auf die Initiierung eines zweiten Tornado-Ereignisses hin, wenn auch mit leicht verschobener Einsatz-Zeit. Ich würde die Einsatz-Zeit für etwa 19.05 UTC annehmen.
Die neue Aktivität der Gewitter-Linie wurde auch im 3D-Bereich sichtbar, hier gezeigt mit dem PL-Radar-Bild von 19.13 UTC. Man sieht im Auf- und Seitenriß gleich mehrere kräftige Zellen :
PL-Bild Essen 18.07.04 19.13 UTC :

Gemäß den Angaben von Thomas Sävert sollte die Tornado-Aktivität auch noch auf den nächsten Radarbildern identifizierbar sein, und zwar etwa bis 19.30 UTC :
PX-Bild-Ausschnitt Essen („KonRad“) 18.07.04 19.15 UTC :

PX-Bild-Ausschnitt Essen („KonRad“) 18.07.04 19.20 UTC :

PX-Bild-Ausschnitt Essen („KonRad“) 18.07.04 19.25 UTC :

Man erkennt, wie die Zellaktivität sich in der Tat weiter längs der Linienrichtung im Bereich des Essener Nordwestens und Nordens vorschiebt. Die blaue Zelle der Ruhrmündung verliert dabei rasch an Intensität und eine neue kräftige (blaue) Zelle rückt vom Rhein her ostnordostwärts vor. Da nach Thomas Sävert auch noch im Essener Nordwesten Tornado-Schäden auftraten, könnten diese eventuell durch einen dritten Tornadoansatz im Zusammenhang mit der rasch nachrückenden starken Zelle entstanden sein. Ein genügender Nachweis dafür sind die Reflektivitätsbilder aber nicht. Die nachrückende starke (blaue) Zelle kann auch mit starken Downburst-Böen verbunden gewesen sein.
Die beiden abschließenden PX-Bilder sollen demonstrieren, daß die Kontinuität der Linie am Südrand des Kaltfront-Echo-Bandes dann noch einige Zeit über dem Ruhrgebiet fortbestand :
PX-Bild-Ausschnitt Essen („KonRad“) 18.07.04 19.40 UTC :

PX-Bild-Ausschnitt Essen („KonRad“) 18.07.04 19.55 UTC :

Die räumlich und zeitlich hoch aufgelösten Radarreflektivitätsbilder haben den Hergang der Tornado-Lage im westlichen Ruhrgebiet weitgehend nachvollziehen können. Was konnten nun die Doppler-Radialwind-Produkte der Essener Radarstation bieten? Zur Erinnerung : Bilder der Doppler-Radialwinde werden im Rahmen des operationellen Volume-Scans wie die PL-Bilder im ¼-Stunden-Takt erstellt, in der Fläche operationell mit einer Schnitthöhe von 2 km Höhe über dem Boden. Radialwinde weg vom Standort des Radars erscheinen in warmer Farbgebung (rötlich), Radialwinde hin zum Zentrum in kalter Farbgebung (bläulich). Nur diese Komponenten können direkt gezeigt werden. Neben der flächig aussehenden allgemeinen Strömungsverteilung existieren die kleinräumigen Abweichungen (Squall-Lines, Divergenzen, Konvergenzen, Meso-Zyklonen) in einer Art Patch-Work-Farbverteilung . Eine mit einer Meso-Zyklone (Tornado-Signatur) verbundene zyklonale Rotation müßte im bipolaren Muster rechts vom polaren Strahl (Bewegung weg) eine rötliche Färbung, links (Bewegung hin) eine bläuliche Färbung anzeigen. Wie die folgende Serie der aufbereiteten PR-Bilder zeigt, gab es zwar keine klaren Signaturen, wohl aber Andeutungen im Sinne von Meso-Zyklonen :
PR-Bild Essen („KonRad“) 18.07.04 18.39 UTC :

PR-Bild Essen („KonRad“) 18.07.04 18.54 UTC :

PR-Bild Essen („KonRad“) 18.07.04 19.07 UTC :

PR-Bild Essen („KonRad“) 18.07.04 19.24 UTC :

PR-Bild Essen („KonRad“) 18.07.04 19.39 UTC :

Auf dem PR-Bild von 18.39 UTC dominierte nach Westsüdwesten hin flächig die blaue Farbe, ostnordöstlich einer neutralen Linie die rötliche Farbe, ein unmittelbarer Ausdruck der überlagerten westsüdwestlichen Strömung. Westlich und südwestlich des Ruhrgebiets existierten im blauen Umfeld einzelne rötliche Einsprengsel, die auf die mit den Zellen verbundenen lokalen Windabweichungen hindeuten. Westlich von Krefeld waren an zwei Stellen rote Pixel vorhanden, was Bewegung weg vom Radarstandort Essen verkörperte, die südwestlichere Stelle davon kam als Tornadostandort in Frage. Allerdings war das blaue bipolare Gegenstück nicht sehr klar konfiguriert . Um 18.54 UTC befand sich das angedeutete rot-blaue Farbpixelpaar nordnordwestlich von Krefeld. Am klarsten war das bipolare Muster dann auf dem Bild von 19.07 UTC zu sehen und zwar im Bereich zwischen Krefeld und Duisburg. Dies bestätigt die obige Vermutung eines etwas späteren Auftretens des Tornados im dortigen Gebiet. Ob es sich um den „alten“ Tornado von Tönisvorst oder um eine Neubildung handelte, kann man wegen des ¼-stündigen Zeitabstands nur aus den PR-Bildern allein nicht nachweisen.
Bis 19.24 UTC hatte sich das angedeutete bipolare Muster in den Bereich Duisburg/Oberhausen verlagert (rot nordöstlich, blau südwestlich der möglichen Mesozyklone). Um 19.39 UTC schließlich konnte man die Signatur im Westnordwesten von Essen wiederfinden.
Was läßt sich im Resume‘ zur Tornado-Lage vom 18.07.04 im westlichen Ruhrgebiet feststellen? Synoptisch entwickelte sich die Tornado-Situation nach einem vorangegangenen allgemeinen Schwergewittertag bei Durchgang einer nachlaufenden zweiten Kaltfront. Das Tornadogebiet befand sich dabei unter einer nicht sehr markanten südwestlichen Höhenströmung auf der Vorderseite eines einschwenkenden Höhentroges. Temperatur- und Windschichtung verrieten nicht zwingend die Gefahr einer Tornado-Lage. Die Tornados selbst entwickelten sich dann innerhalb einer linienartigen Reihung von Gewitterkernen am Südrand des durchschwenkenden frontalen Niederschlagsbandes. Die von Zeugen und der Schadensbegutachtung herrührende Vermutung, daß es sich um zwei getrennte Tornados gehandelt haben muß, wird durch die hoch aufgelösten Radarreflektivitätsbilder im wesentlichen gestützt, allerdings mit einem zeitllich leicht späteren Einsatz des zweiten Tornados als bisher angenommen. Die Fortführung der Schadenspur im Raum Essen könnte sowohl mit einem dritten Tornado als auch mit einem starken Downburts-Ereignis begründet werden. Die Radialwindkarten gaben zumindest Andeutungen der mesozyklonalen Rotationsstruktur, auch wenn sie zur Frage der zeitlichen Tornado-Kontinuität nichts beitragen konnten.
Wetterfuchs



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  Teil 2 3610 Eyk (wabern), am 06.11.03 11.11.03 21:58
  Teil 3 3290 Eyk (wabern) am 06.11.03 11.11.03 22:05
  Bilddoku v. Kirchhainer Tornado - viele Pics 9292 Micha (Giessen, 180m) am 04.11.03 11.11.03 22:18
  Teil 2 ... viele Pics 3656 Micha (Giessen, 180m) am 04.011.03 11.11.03 22:22
  Teil 3 ... viele Pics 3495 Micha (Giessen, 180m) am 04.11.03 11.11.03 22:27
  Meine Intensitätseinschätzung z. Kirchhein-Tornado 3431 Martin Hubrig am 09.11.03 13.11.03 21:06
  Der Innsbrucker Gewittersturm vom 21.Juli 2003 4694 Org: Friedrich Föst, 27.08.2003 03.09.03 08:00
  Schadensanalyse/Bilder Teil 1 3322 Org: Friedrich Föst, 27.08.2003 03.09.03 08:02
  Schadensanalyse/Bilder Teil 2 4212 Org: Friedrich Föst, 27.08.2003 03.09.03 08:04
  16.07.03: Strukturvielfalt einer Schwergewitterlage 4780 Org: Wetterfuchs, 5.08.2003 03.09.03 07:56
  Zusatz zum Verlauf dieser Schwergewitterlage: 4563 Org: Marco Puckert, 5.08.2003 03.09.03 07:57
  09.07.02 : Starkgewitter vor dem Berlin-Unwetter 6878 org:Wetterfuchs am 09.07.03 09.07.03 21:19
  Rückschau : Entwicklung des Berliner Unwetters 7582 org: Wetterfuchs am 11.07.02 09.07.03 18:01
  18.06.02: Eine Gewitterlage der Superlative 6401 org. Wetterfuchs 02.07.2003 02.07.03 16:41
  Unwetterdoku vom 23.06.2003 4714 Christian (Braunschweig) 01.07.03 21:37
  Tornadolage 10.06.03 : Met.Strukturen (2,5 mB) 6694 Org: Wetterfuchs am 21.06.2003 21.06.03 13:09
  Ausführlicher Bericht aus Acht / Eifel 3836 Matthias, Bonn 12.06.03 21:14
  So! hier nun die Karte des Ortsgebietes Acht 3258 Matthias, Bonn 12.06.03 23:12
  Bilder aus Acht 3724 Matthias, Bonn 13.06.03 13:14
  Das Straßburger Gewitter-Drama vom 06.07.2001 6860 org:Wetterfuchs am 06.07.02 08.06.03 01:28
  MCS 07.07.2001 : Harmonie der Synergetik 5501 org:Wetterfuchs am 07. 07 2002 08.06.03 01:26
  Heute vor 2 Jahren : Schwergewitterlage 02.07.2000 6339 org:Wetterfuchs am 02.07.02 11.05.03 13:17
  Die Gewitterfront kam wie eine Wand, 02.06.99 7707 org:Wetterfuchs am 10.09.02 13.09.02 13:59
  Heute vor 8 Jahren : Schwere Hagelgewitter in NRW 5605 org:Wetterfuchs am 4.07.02 30.08.02 19:53
  21.07.92 : Top-Schwergewitterlage in Mitteleuropa 9860 org: Wetterfuchs 23.07.02 15:29
  Ein Markstein : Münchener Hagelunwetter 12.07.1984 7555 org: Wetterfuchs 24.07.02 10:08
  Noch ein Bericht zum Sturm am 10.Juli 2002 4651 org: Christoph Gatzen am 13.07.2002 21.08.02 20:32
  Interessante Bemerkungen zum Hagelschlag vom 15.06 5159 org: Martin Hubrig am 1.07.2002 21.08.02 20:28
  15.05.2008 - Konvergenz in NRW - Gewitter/Starkregen geschrieben von: Fabian aus Bochum (Mai 2008) 10450 Admin 30.11.09 13:17
  Analyse/Rückblick: Der markante 30.7.2009 im Norden... geschrieben von: Jan Hinrich Struve (August 2009) 5097 Admin 30.11.09 13:18
  Bemerkenswerte Boundary, 02.07.2009 geschrieben von: Roboter (Juli 2009) 2962 Admin 30.11.09 13:21
  Tornado-Outbreak Hamburg 27.03.06 (1) : Synoptik + Radar/Sat-Überblick geschrieben von: Wetterfuchs (März 2009) 5529 Admin 30.11.09 13:40
  Tornado-Outbreak Hamburg 27.03.06 (2) : Detail-Analyse Zell-Entwicklung + Tornados geschrieben von: Wetterfuchs 4682 Admin 30.11.09 13:41
  Tornado-Outbreak Hamburg 27.03.06 (3) : Kurzfristprognosen + Nowcasting geschrieben von: Wetterfuchs 8854 Admin 30.11.09 13:42


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