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Vielen Dank und einige Anmerkungen
geschrieben von: Jan Hoffmann (IP-Adresse bekannt)
Datum: 15. April 2005 11:00

Hallo Matthias,
vielen Dank für diesen schönen Beitrag, und sehr gefreut hat mich vor allem auch der vergleichende Teil zu meinem Radarbeitrag. Ich denke hierzu läßt sich allerhand Ansatz zur Diskussion finden, ich stimme weitgehen mit Deinen Schlußfolgerungen überein, zumal sie teilweise deckungsgleich sind, einige Punkte möchte ich nachfolgend ansprechen.
: Jan setzt die Superzellenphase zwischen 15.30 UTC und 17.30 UTC an, für mich
: war nicht ganz klar ob sie schon um 15.30 UTC begann oder erst endgültig um
: 16.00 UTC.
Die Zelle (oder sollte ich besser sagen: die beiden (!) Updrafts, dazu weiter unten mehr...) wies bereits um 15:39 UTC Rotation auf, und zwar in zwei Zentren. Eines davon zeigte horizontale Schwerwinde mit einem Betrag von mindestens 25 m/s auf wenigen km, was für die Annahme eine Mesozyklone mehr als ausreichend erscheint, wenn man zusätzlich das in den Daten vorhandene charakeristische Umfeld berücksichtigt (siehe nachfolgende Abbildung, wunderbar hier die Struktur, und die klassische V-Form des grünen Bereichs auf der westlichen Seite):

Eine schön definierte Mesozyklone war sogar schon im Bild vorher am nördlichen Updraft auszumachen, worauf ich die Annahme Superzellenstadium ab etwa 15:30 UTC stützte:

Aber warum schreibe ich eigentlich die ganze Zeit von zwei (!) Updrafts. Hierzu noch ein kurzes Zitat von Dir:
: Eine genauere Betrachtung des Zoom-Ausschnitts macht klar, daß es sich dabei
: aber keineswegs um eine „einfache“ Superzellenstruktur handelt : Der Fuß der
: Superzelle besitzt zwei deutlich getrennte blaue Kerne (>=55 dBZ). Der
: nördliche Kern an der Lippe (Haltern) ist identisch mit dem blauen Kern ½
: Stunde vorher. Er hat sich in dieser Zeit nur wenig nordostwärts verlagert.
: Der südliche Kern ist kurzfristig (seit 15.42 UTC) an der Südwestflanke des
: alten Kerns entstanden und ist dann zur Lippe gezogen.
Genauso erscheint es mir auch. Es gab offenbar zwei (!) Updrafts, zumindest zeitweise. Das genauer zu untersuchen mit allen Folgen für das Gesamtsystem hätte jedoch den zeitlichen Rahmen meines Beitrags gesprengt, und würde auch diesen wohl sprengen. Zur Untermauerung jedoch ein Reflektivitätsbild. Hier sind die Updrafts recht schön getrennt, der nördliche Updraft hat ein Hook entwickelt, dass über mehrere Bilder zu sehen ist, aber aufgrund der komplexen Zellenstruktur war ich sehr vorsichtig (und habe es in meinem Beitrag auch vermieden), das als echtes Hook zu werten:

Was folgt nun daraus? Hierzu zunächst wieder ein Zitat von Matthias:
: Ein Wort noch zu den von Jan gezeigten Rotationssignaturen in den
: Radialwinden : Er war der Auffassung, daß Rotation über einen längeren
: Zeitraum und massiv zu beobachten war. Bei der Betrachtung seiner Daten
: scheint mir Rotation im wesentlichen zwischen 16 und 17 UTC vorzuliegen und
: das auch nicht eindeutig in der klassisch reinen bipolaren Form. Die meisten
: der sichtbaren Windscherungen zeigen Konvergenz- und Divergenzstrukturen.
Hier möchte ich mir erlauben, klar zu widersprechen. Superzellulare Systeme - auch sehr intensive, wie sie oft bei den klassischen Outbreaks in den amerikanischen Plains auftreten - enthalten oft mehrere Updrafts, die jeweils eigenständige Mesozyklonen beinhalten können, auch auf engem Raum. Es muss also nicht immer die klassische bipolare Struktur vorliegen (dass diese meiner Meinung nach im Gegensatz zu Matthias Meinung auch hier vorlag dazu gleich mehr). Konvergenz und Divergenzstrukturen treten im übrigen auch bei den (sich wiederholenden) Okklusionsprozessen einer einzelnen Mesozyklone auf.
Nun aber zur Frage: Gab es hier klares persistentes biplores Verhalten? Die Antwort ist aus meiner Sicht ein klares: Ja! Bereits die beiden oben gezeigten Doppler-Bilder zeigen die typische biploare Struktur der Radialwinde insbesondere im Bereich des nördlichen Updrafts. Im weiteren Verlauf zeigte sich im Bereich der Updraft-Zentren immer wieder das typische Muster, wobei zeitweise die beiden Mesozyklonen interagierten und das typische bipolare Muster einer einzelnen perfekt klassischen Mesozyklone verwischten:

Auch sehr viel später noch. Hier beginnt offenbar die Mesozyklone (die zweite war in der Zwischenzeit gestorben) erheblich zu okkludieren: Die herumgeführten Südwestwinde wandern weit in den südöstlichen Sektor der Zelle und der Inflow wird zunehmend nach Osten abgeschnürt und später "erstickt" die Zelle (wunderbar an der grünen Färbung zu sehen):

Aus meiner Sicht also klassische intensive Mesozyklonen auf engem Raum, und die Aussage, dass vor 16 UTC keine Rotation vorlag kann ich ebenfalls nicht bestätigen, denn wie erstere Abbildungen zeigen lagen gerade auch hier bipolare Strukturen am nördlichen Updraft vor.
Es ist bedauerlich, dass Du diese Daten nicht zur Verfügung hattest, liefern doch gerade diese Daten mitentscheidende Hinweise über Struktur und Gefährlichkeit der Zelle.
Abschießend noch ein Wort zu den "Aufrissen". Dazu zunächst ein Zitat:
: für mich waren neben der bodennahen Radarreflektivität und ihrer
: Gradientverteilung besonders die Vertikalstrukturen der Hot-Towers Indikatoren
: für eine Superzelle. In diesem Zusammenhang habe ich auch mehrfach nach Süden
: weisende Überhänge der Radarreflektivität gesehen, während Jan dies nur nach
: Osten hin feststellte.
Hier möchte ich zunächst allgemein auf etwas hinweisen. Bei den von Matthias gezeigten Abbildungen handelt es sich nicht um echte Querschnitte, sondern um sogenannte Volume-"Aufrisse". D.h. anschaulich betrachtet nimmt man den dreidimensionalen Radar-Raum und schaut seitlich hindurch. Der Nachteil dieser Darstellungsweise im Vergleich zu echten Schnitten ist gravierend: Einzelne Zellen können hintereinander liegen und verschmelzen so zu Strukturen, die nicht mehr klar und getrennt voneinander zu interpretieren sind. Insofern bin ich zwar der Meinung, dass die Aufrisse durchaus wichtige Zusatzinformation liefern können, geht es jedoch um die Identifikation einzelner Zellen und Updraft-Strukturen, ist - formulieren wie es mal so - große Vorsicht geboten. Die Strukturen in den Aufrissen können täuschen, weniger wenn es um Echotops geht, aber insbesondere bei horizontalen Strukturen, und im vorliegenden Fall sind durch die zeitweise Doppelstruktur der Zelle insbesondere die Ost-West-Aufrisse mit großer Vorsicht zu genießen.
Bevor ich fortfahre eine kurze Rückfrage an Matthias: Wo und wann genau hast Du die Überhänge gesehen? Ich konnte bisher in meinen Daten zur Zeit des Superzellenstadiums keine feststellen, obwohl ich aufgrund der Schwere des Hagelschlags eigentlich damit gerechnet hatte. Wenn Du mir ein Beispiel aus Deinen Daten geben könntest würde ich für den entsprechenden Termin nochmal allerhand Schnitte durch die Zelle machen, um das zu untermauern.
Meinst Du das Bild von 14:57 UTC, wo in der Tat ein Überhang (allerdings ohne echte weak-echo-region, die möglicherweise bei der geringen Gesamthöhe der Zelle wohl auch eher nicht zu erwarten wäre) zu sehen ist? Zumal zu diesem Zeitpunkt die betrachtete Zelle nach Deinem Bild die einzige ist, die rote Reflektivitäten aufweist, und daher im Aufriss kaum durch andere Zellen gestört werden kann (im Nord-Süd-Aufriss). Allerdings war hier eigentlich noch nicht das Superzellenstadium erreicht, woraus dann aber wieder folgt, dass dieses Bild eher nicht zur argumentativen Untermauerung der Superzellenstruktur hergenommen werden sollte.
Zusammenfassend läßt sich also feststellen, dass aufgrund der Doppler-Daten aus meiner Sicht schon ab 15:30 UTC von persistenter Rotation ausgegangen werden kann. Es gab zeiweise zwei Mesozyklonen, die die Analyse zusätzlich erschweren. Die Frage der Überhänge ist unklar, jedoch auch nicht von entscheidender Bedeutung. Die Verwendung von "Aufrissen" halte ich für wichtig, allerdings unter vorsichtiger Berücksichtigung der angesprochenen Nachteile.
Danke nochmals für den diskussionsanregenden Beitrag!
Viele Grüße,
Jan



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