
Synoptische Analyse zu Orkantief "Johanna"
Datum: 06. März 2008 13:10
Das kommende Orkantief wird vorauss. "Johanna" heißen.
Eine Karte sagt bereits alles zum Lehrbuchcharakter Inges aus:
Perfekte
Phasenverschobenheit von Höhentrog und Bodentief über dem Nordatlantik,
Isohypsen der
relativen und absoluten Topographie schneiden sich auf der
Trogvorderseite
nahezu im 45°-Winkel, während rückseitig annährend eine parallele Orientierung vorhanden ist.
Jedoch rückseitig mit deutlich intensiverer
Isohypsendrängung, sodass die
negative Schichtdickenadvektion kräftiger als die positive Schichtadvektion auf der Trogvorderseite ist.
Jedoch wird dieses Manko bei der explosiv verlaufenden Zyklogenese (gut 24hPa Druckfall in 6h)
durch den
enormen Jetstreak und
starker Diffluenz im Auszugsbereich ausgeglichen.
Das ist jetzt sehr viel fachchinesisch, umschreibt aber so ziemlich die wichtigsten Eigenschaften dieser Karte bzw. die Ursache dieser heftigen Orkanentwicklung.
Aufgedröselt bedeutet das....
Das Bodentief (oben rot eingekreiselt) liegt stromabwärts (bei Westwindzirkulation: ostwärts) vom Höhentrog und damit auf dessen Vorderseite, wo nach der quasi-geostrophischen Betrachtung
Hebungsantrieb herrscht.
Die relative Topographie beschreibt die Schichtdicke zwischen 500hPa und 1000hPa, eine Abnahme geht mit einer Temperaturabnahme einher, also einem Vorstoß des
thermischen Troges. Die absolute Topographie (diese Bezeichnung liest man kaum) steht für eine Höhe, also 500hPa in diesem Fall. Entlang der Isohypsen (Isolinien des Geopotentials) weht der geostrophische Wind, entlang der Isohypsen der relativen Topographie der thermische Wind. Je stärker thermischer und geostrophischer Wind einander schneiden und je dichter die Isohypsendrängung, desto stärker ist die Advektion von Warm- oder Kaltluft.
In diesem Fall überwiegt Kaltluftadvektion durch die starke Isohypsendrängung auf der Trogrückseite.
Die Warmluftadvektion auf der Vorderseite weist eine stärkeren Winkel zw. geostrophischer und thermischer Wind auf, aber eine geringere Isohypsendrängung. Sie ist daher etwas schwächer als die Kaltluftadvektion.
Die dominierende Kaltluftadvektion ist auch der Grund für die rasche Auffüllung des Orkanwirbels, nach dessen Höhepunkt in der Tiefdruckentwicklung.
Das Manko, welches die Kaltluftadvektion, die in den Karten oben den Tiefkern überrennt, auslöst (Kaltluftadvektion bedeutet ABSINKENDE LUFTMASSEN), wird durch die Jetkonfiguration ausgeglichen:
Ein enorm heftiger Jet mit Mittelwinden bis zu 200Kn in 300hPa (rund 360km/h) weist einen diffluenten (auseinandergehenden) Ausgangsbereich und starke Windscherung (d.h. Abnahme mit Verlassen des Jets nach Norden) auf.
Dies ermöglicht kräftigen Hebungsantrieb durch differentielle, (also mit der Höhe zunehmende) zyklonale (da Tiefdruck fördernde...) Vorticity (Wirbelhaftigkeit) advektion.
Hier 500hPa
und 300hPa
Infolge der starken Windzunahme zwischen 300hPa (200Kn Mittelwind) und 500hPa (150Kn Mittelwind) ist die Vorticityadvektion in 300hPa stärker, und damit haben wir die erforderliche differentielle zyklonale Vorticityadvektion.
Fazit:
Die außerordentlich explosive Entwicklung wird maßgeblich durch einen extremen Jet begünstigt. Der thermische Trog überrennt den Bodenkern zum Zeitpunkt der stärksten Entwicklung (vgl. Schichtdickenadvektion) und führt daher nach dem Höhepunkt der Entwicklung entsprechend rasch auch zu einer Auffüllung des Tiefs (Druckzunahme 7hPa/6h).
In diesem Tempo ist bei diesem Modelle eine Beeinflussung Mitteleuropas durch Orkan eher unwahrscheinlich, da das Tief Mitteleuropa nur noch im abschwächenden Stadium erreichen würde.
Unabhängig von der Eintreffwahrscheinlichkeit eine lehrbuchhafte Entwicklung, vermutlich verbunden mit einer schönen Trockenzunge (Dryslot) in den Kern des Tiefs.
Gruß,Felix
Anmerkung: Tiefnamen geändert (Modteam)
4-mal bearbeitet. Zuletzt am 13.03.08 17:59.