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Übersicht: Kurzfrist / Mittelfrist / Lage bis zum kommenden Wochenende
geschrieben von: Marco Puckert (IP-Adresse bekannt)
Datum: 05. November 2007 12:49

Wie verläuft die Wettersituation von der aktuellen Lage bis zum kommenden Wochenende? Was lässt sich zu einem Einbruch von Meereskaltluft am kommenden Wochenende sagen? Das Ganze geschieht in mehreren Etappen mit kurzwelligen Trögen, die um das Ostatlantikhoch (ehemaliges Großbritannienhoch) mit der Strömung herumgeführt werden und letztendlich auch Richtung Mitteleuropa steuern. Der damit einhergehende Geopotenzialabbau über Westeuropa ermöglicht den zunehmend zyklonalen Wettercharakter in unserem Land.

Die aktuelle Situation, auf der das prognostizierte Wettergeschehen fußt, ist die, dass ein Keil derzeit von Ostfrankreich bis nach Skandinavien reicht. Er überquert Deutschland am heutigen Tage. Keilvorderseitig ist vor allem in den Westen und Nordwesten Deutschlands eine zusammenhängende tiefe Bewölkung hereingezogen, die an eine Inversion bei knapp über 850 hPa (1500 Meter u.NN.) angesiedelt ist.

Ausgangs-Situation um Mitternacht:



Dazugehöriger Radiosondenaufstieg von Essen um 00 Uhr UTC. Man sieht die ausgeprägte Absinkinversion bei etwa 1500 Metern über NN. Dort verläuft die Grenze zwischen der feuchtkalten Grundschicht mit der Stratus-Bewölkung und der darüber liegenden trockeneren und durch Absinken noch weiter erwärmten Luft.



Nun verlagert sich der angesprochene Keil mit seinen Absinkvorgängen weiter nach Osten, so dass sich bis zum Abend ein kurzwelliger Trog vom Nordatlantik und Großbritannien her Richtung Nordsee bewegen wird. Mit einer zugehörigen Warmfront erreicht somit etwas Regen heute im Tagesverlauf Nordwestdeutschland landeinwärtsziehend. In den Meteogrammen ist eine schwache Zunahme der 850 hPa-Temperaturen gut zu erkennen. In der Prognosekarte für 18 UTC ist gut zu erkennen die trogvorderseitige Situation mit diffluenter, kurz auf West, in Norddeutschland gar auf Südwest drehender Strömung.




Dieser Trog schwenkt recht rasch mit seiner Achse über Deutschland ostwärts, so dass hinter der angesprochenen Warmfrontsituation sehr rasch eine Kaltfrontpassage folgen wird. Dabei wird die Drängung der Isobaren recht kräftig, so dass es erst an der Nordsee teils Sturmböen gibt, nachts und am Dienstag dann ansich im ganzen Deutschland recht böiger West- bis Nordwestwind.

Vom Ausgangspunkt, Montag (heute) 00 UTC an ist dies die erste „Etappe“ der Versuche von Vorstößen von Meereskaltluft. Es strömt hierbei ein Schwall dieser maritimen Kaltluft ein mit Werten zwischen -5 und -6, nach Osten zu auch teils -8 Grad. Allerdings ist die Nordwestströmung recht schwungvoll, der Trog rauscht schnell über Deutschland hinweg ostwärts. Tagsüber gibt es dann die schauerartigen Niederschläge, bis zum Abend ab 300 bis 500 Metern durchaus als Schnee oder Graupel. Dort wo´s staut, grad im Allgäu kanns schon mal kurzzeitig einschneien. Nachmittags im Westen Deutschlands lassen die trogbedingte Wetteraktivitäten nach. Die Schauer kommen dort zum Erliegen. Hier die Bodenwetterprognose für Dienstag Mittag:




Man sollte nun auf die Warmfront nördlich der Britischen Inseln achten. Selbige verlagert sich - wie die bisherigen kurzwelligen Tröge auch - um die ostatlantische Hochzelle herum Richtung Nordsee und wird in der Nacht zum Mittwoch das Troggeschehen in Norddeutschland ablösen. Damit geht einher, dass die Meereskaltluft aus Mitteleuropa nach Osten angedrängt wird. Ebenso geht damit einher, dass von der Nordsee dann neuer Regen auf Norddeutschland übergreifen wird. Dieser verläuft aufgrund der stabilisierenden Wirkung der Warmfront dann als skaliger Regen zunächst ohne Schauercharakter. Rückseitig zeigt sich über der Nordsee bereits eine zugehörige Kaltfront. Beide Fronten treffen sich über Südskandinavien, wo sich zusätzlich ein neues Randtief ausbildet. Selbiges geht in die kräftige nordwestliche Höhenströmung ein, mit der im weiteren Verlauf auch die rückseitige Kaltfront nach Norddeutschland hineintransportiert wird (siehe weiter unten).



Der Regen erreicht nachmittags auch den Süden Deutschlands, während der Norden in den Bereich der rasch nachfolgenden Kaltfront kommt. Durch den kräftigen Gradienten gibt es auch im Flachland starke bis steife Böen, in etwas exponierten Lagen auch stürmische Böen. In den Bergen und an den Küsten natürlich noch stärkere Spitzen, in exponierten Hochlagen bis Bft 11.

Allerdings ist dieser 2.Versuch des Transports von Meereskaltluft nach Mitteleuropa seit Ausgangsstadium (Montag 0 UTC) für Deutschland insgesamt deutlich schwächer ausgeprägt als der am Dienstag. Bis zum Mittwochabend sinken die 850 hPa-Werte allenfalls im Nordosten auf -2 bis -3, höchstens -4 Grad ab. In höheren Luftschichten gehen die Temperaturen ebenfalls kaum zurück. So drückt ein breites Regengebiet in der Nacht zum Donnerstag nach Süden gegen die Alpen, im Norden hört der Regen dann allmählich auf.

Schauen wir auf eine Abendkarte für den Mittwoch. Und zwar sehen wir zum einen die stramme Nordwestrutsche in 500 hPa vom Nordatlantik über die Nordsee und Mitteleuropa und die inzwischen Richtung Südwesteuropa abgedrängte Achse des Höhenrückens, um den die Randtröge vom Nordatlantik her herumgeführt werden. Ganz wichtig: Der nächste Streich steht schon bereit, lassen wir hierfür unsere Blicke wieder auf den Nordatlantik schwenken, und zwar südwestlich von Island. Dies wird der Randtrog sein, der uns vom späten Donnerstag an bzw. am Freitag in Deutschland beschäftigen und teils unruhiges Wetter bringen wird.



Die Regenfälle (in den Alpen Schnee), die am frühen Donnerstag im Süden Deutschlands noch auftreten, ziehen dann mit der Nordwestströmung nach jetzigem Stand der Dinge etwa bis zum Mittag ab, während gleichzeitig bereits schon die Warmfront des am Vorabend noch bei Island sich befindlichen Randtiefs Deutschland von Westen her erfasst. Hierbei regnet es gebietsweise leicht.



Spannend wird es dann am späten Donnerstag zum Freitag hin. Die Modelle sind sich hinsichtlich der genauen Lage des Tiefs um Mitternacht nicht ganz einig. Dieses Detail ist natürlich wichtig für die Wettervorgänge, vor allem hinsichtlich der Böenstärke an den Küsten bzw. Norddeutschland allgemein. GFS 0z zeigt den Kern des Tiefs etwa am Kattegat, GFS 6z verschnellert die Entwicklung etwas, so dass der Kern dann um 0z bereits etwas östlicher liegt und mit geringfügig nördlicherer Zugbahn. Auch UKMO und GME zeigen geringfügig nördlichere Zugbahnen, so dass man auf jeden Fall diese Entwicklung noch abwarten muss. Zum besseren Verständnis bringe ich jetzt noch zwei Windkarten für den Freitag 00 UTC. Einmal den 0z-Lauf und einmal den 6z-Lauf:

0z:



6z:



Rückseitig kommt im Rahmen dieser 3.Etappe bezüglich des Einbruchs von Meereskaltluft Richtung Mitteleuropa vor allem in den Norden und Nordosten wieder ein Schwall hochreichender Kaltluft mit entsprechenden schauerartigen Niederschlägen am Freitag. Vor allem in der Nordhälfte können dann durchaus auch Gewitter mit im Spiel sein.

Auffallend ist nun die Ausbildung eines Keils in Richtung Grönland/Island. Der dortige Geopotenzialgewinn ist ausschlaggebend für die weitere Wetterentwicklung in Mitteleuropa. Bereit stehen über dem Nordmeer polare Luftmassen mit 500 hPa-Werten unter -35 Grad. Diese werden dann durch den Geopotenzialgewinn über dem Nordatlantik ostwärts Richtung Nordmeer gedrängt.



Weitere Entwicklung:

Details muss man abwarten. Von Spitzbergen über Skandinavien bis nach Nordpolen zeigt GFS ein mehrpoliges System von Tiefs, mit der in dieser 4. und in meiner Betrachtung letzte Etappe des Vorstoßes von Meereskaltluft Richtung Mitteleuropa der kräftigste und nachhaltigste Transport dieser Luftmasse zu uns erfolgt. Doch wie lange hat dies Bestand?

Vergleichen wir einige Modelle für den kommenden Sonntag:


GFS 00z:




GFS 06z mit der etwas abgeschwächten Austrogung gegenüber 00z:



GME:




Hier noch eine Karte des EZ-Oper-Laufes, allerdings schon für Montag 00z. Da grüßen uns schon wieder Nordsee und der Nordatlantik.




Fazit:
4 Versuche, bei denen ein Schwung von Polarluft Mitteleuropa unterschiedlich stark trifft. Am nachhaltigsten geschieht dies wohl am kommenden Samstag und Sonntag. Lassen wir uns erst in den kommenden Tagen (kurzfristiger) darüber spekulieren, wie niedrig die Schneefallgrenze liegen wird und wie es nach dieser Lage weiter gehen wird. Ich sehe jedenfalls den Trend, dass diese Austrogung auch am kommenden Wochenende der West-Ost-Verlagerung unterlegen sein wird. "Richtiges Winterwetter"; sehe ich im Flachland keinesfalls, zumindest nicht für länger als ein paar Stunden nach kräftigen Schauern. Luftmassen von der Nordsee her kommend betrachte ich meist recht skeptisch, vor allem Anfang November.

Es bestehen danach die Optionen, dass mit der West-Nordwestströmung bald wieder Warmfronten Deutschland erfassen und die Höhenkaltluft rasch ostwärts geschoben wird (EZ-Oper) oder dass mit der Wirkung eines Keiles (selbiger Keil war ja schon im GFS 00z zum Freitag hin mit der Achse etwa über Island simuliert) die Wetterwirkung des Troges abebbt und später dann neue atlantische Fronten Warmluftadvektion bringen.

Eine auf jeden Fall spannende Wetterwoche steht bevor. Ich hoffe dies war nicht, wie mal jemand schrieb "eine der staubtrockenen langweiligen Wetterübersichten von Leuten die beruflich mit dem Wetter verbunden sind, die eh keiner lesen will", sondern es hat Spass gemacht zum Lesen. :-). Lassen nun wir die Wetterentwicklung auf uns zukommen. :-)

Marco

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Marco Puckert / Stuttgart / [www.wetter-express.de] / [www.facebook.com] / [www.stuttgart-webcam.de]






3-mal bearbeitet. Zuletzt am 06.11.07 00:48.



Thema Klicks geschrieben von Datum/Zeit
  Übersicht: Kurzfrist / Mittelfrist / Lage bis zum kommenden Wochenende 4045 Marco Puckert 05.11.07 12:49
  Klasse und verständlich geschrieben. Danke! (oT) 403 mosl, Ostallgäu, 758m 05.11.07 12:56
  Re: Übersicht: Kurzfrist / Mittelfrist / Lage bis zum kommenden Wochenende 927 Lobo 05.11.07 13:01
  Re: Übersicht: Kurzfrist / Mittelfrist / Lage bis zum kommenden Wochenende 756 Marco Puckert 05.11.07 13:07
  Re: Übersicht: Kurzfrist / Mittelfrist / Lage bis zum kommenden Wochenende 621 Benjamin (Versmold/Westfalen) 05.11.07 13:17
  Re: Übersicht: Kurzfrist / Mittelfrist / Lage bis zum kommenden Wochenende 588 Schneehase (Fürth/Odw. 220m ü. NN.) 05.11.07 13:32
  Re: Übersicht: Kurzfrist / Mittelfrist / Lage bis zum kommenden Wochenende 499 Fabian aus Bochum (60m) 05.11.07 14:16
  Flachland ist auch nicht gleich Flachland 565 Patrick (Merzig/Saar) 05.11.07 14:44
  Das ist doch mal kla´sse geschrieben u verstanden, merci (oT) 335 StefanoBadenBaden 05.11.07 21:35
  Super! Danke für die Zusammenstellung. (oT) 353 Freddy aus Murrhardt / BaWue 05.11.07 13:02
  Westalpen bekommen wohl erst ab WE Regen/Schnee 775 Uwe/Thurgau/600m 05.11.07 13:04
  Spannend ja aber auch ein richtiges Sch... Wetter 687 Stephan Br. 05.11.07 13:10
  hervorragende Ausarbeitung und klasse formuliert! Danke Marco (oT) 410 Bernd (Holzkirchen, Lkr. MB, 689 m N. 05.11.07 13:42
  Das Wesentliche gänzlich ohne Fach-Chinesisch rübergebracht. Extrem klasse, Marco! Danke. (oT) 339 Andi aus Mannheim-Ost 05.11.07 14:19
  Daumen hoch Super (oT) 347 Wolfgang aus Bremerhaven 05.11.07 14:31
  vielen Dank für die ausführliche Analyse Marco! (oT) 354 Christian Kuptz, Rostock (Hansavierte 05.11.07 14:52
  Daumen hoch Super Beitrag, sowas lese ich mir gerne durch! (oT) 354 Niklas aus Ebstorf (nordöstl. Nieders 05.11.07 16:27
  Re: Übersicht: Kurzfrist / Mittelfrist / Lage bis zum kommenden Wochenende 499 Rene von Mosbachwetter 05.11.07 16:41
  endlich mal ewas gscheites, danke... (oT) 348 Herbert 05.11.07 17:13
  es wäre auch ein, für den Winter, guter Witterungsverlauf.. 525 Herbert 05.11.07 17:32
  auch von mir ein herzliches Dankeschön für die Arbeit (oT) 344 Jürgen, Külbingen 445 m (7 km östlich 05.11.07 21:35
  Daumen hoch alle Achtung, professionell und sehr interessante Erklärung (oT) 342 Jack449 05.11.07 22:07
  Klasse Übersicht, vielen Dank! 426 Kaltlufttropfen (80 km sö v Berlin) 05.11.07 23:55


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